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Gottesdienst auf Latein: St. Afra in Wedding pflegt den alten römischen Ritus

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Propst Goesche zieht mit Weihwassersprenger durch die Kirche.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin -

Es dauert nur eine Viertelstunde bis ist der Geruch nach Weihrauch durch die ganze Kirche gezogen ist. Während Propst Gerald Goesche und seine Ministranten unter Schellenklängen in die Kirche einziehen, erheben sich die Gläubigen von ihren Bänken. Gregorianische Choräle erklingen und es beginnt ein Wechselspiel aus dem Gesang der Geistlichen und der Gläubigen auf Latein, das die nächsten eineinhalb Stunden bestimmen wird.

Es wird viel Weihrauch verwendet in St. Afra in Wedding. Es  ist auch eine Menge Bewegung in diesem Gottesdienst: Die Gläubigen fallen auf die Knie und erheben sich wieder, sie sitzen, stehen. Die Kirche  ist locker gefüllt. Etwa hundert Menschen sind am Sonntag zum Gottesdienst gekommen. Es sind Familien mit drei, vier Kindern da, ältere Menschen, junge Paare.

Gesellschaft päpstlichen Rechts

So ähnlich sind die Gottesdienste in St. Afra an jedem Sonntag: immer auf Latein, die Priester sind dem Altar zugewandt. In Wedding wird ein Ritus praktiziert, der eigentlich als abgeschafft gilt. Dort ist es so, als ob es das zweite vatikanische Konzil mit seinen Erneuerungen für die römisch-katholische Kirche gar nicht gegeben hätte.

In St. Afra wirkt eine Gemeinschaft mit Namen Institut Philipp Neri. Es ist eine Gesellschaft päpstlichen Rechts, das heißt, sie ist nicht Teil des Erzbistums Berlin, sondern wie Abteien Rom unterstellt. Das verschafft ihr eine besondere Rolle. Anderseits bekommt sie deswegen aus dem deutschen Kirchensteueraufkommen  nichts ab und muss sich aus Spenden finanzieren. Die Netzwerke des Instituts sind allerdings gut: Einer der großen Förderer ist der ehemalige Kardinal Josef Ratzinger, später Papst Benedikt XVI..

Die katholische Kirche hat in Deutschland Mühe, einen Spagat auszuhalten zwischen dem Beharren der Weltkirche auf Dogmen und der zunehmend ungeduldiger formulierten Forderung der deutschen Gläubigen nach Reformen, die die Kirche der Gesellschaft anpassen sollen. In Wedding hält sich trotzdem ein Hort der Rückbesinnung auf die Wurzeln. Er wächst sogar.

Altersdurchschnitt bei unter 50

Der Mann, der diese Gemeinschaft 2003 als eine Antwort auf „den offensichtlichen Verfall des Glaubens in Gesellschaft und Kirche“ gegründet hat und sie am laufen hält, heißt Gerald Goesche. Er ist 55 Jahre alt und schloss sich früher auch schon mal zeitweilig der Piusbruderschaft an, ohne dort Mitglied zu sein. Heute wohnt er wie auch die anderen Priester in dem weitläufigen Gebäudekomplex an der Graunstraße. Gerald Goesche lehnt konservativ als Beschreibung seiner Bestrebungen ab. Der Begriff ist ihm zu schwach. „Wir sind knallhart traditionell“, sagt er. Die alte Sprache ist nur eine äußere Form. Es gibt hier auch keine Frauen in der Liturgie, nicht mal Ministrantinnen.

Einige hundert Menschen in der Stadt finden das schön. Mit 20 Gleichgesinnten habe er 2004 angefangen, sagt Goesche. Heute besuchen den Gottesdienst am Sonntag etwa 120 Gläubige regelmäßig. Sie kommen aus dem ganzen Stadtgebiet. Der Altersdurchschnitt liege bei unter 50, so Goesche. Es seien Familien, die Traditionen für ihre Kinder wollen, Konvertiten, Menschen, die nach Jahrzehnten ohne Kirche zum Glauben zurückkehren. Mittlerweile beschäftigt die Gemeinschaft vier Priester.

Gerald Goesche ist der Ansicht, dass die katholische Kirche in Deutschland große Probleme hat. Als die Bistümer 2014 als Vorbereitung auf die Familiensynode des Vatikans die deutschen Katholiken zu ihren Ansichten über Ehe und Familie befragten, wurde offenbar, dass die Lebensweise der Gläubigen mit den Dogmen der Kirche nur wenig gemein hat. „Einfach anpassen an die Gesellschaft ist aber keine Lösung“, sagt Goesche. „Wir müssen das Salz in der Suppe sein. Nicht die Gesellschaft bestimmt, was die Kirche ist, sondern die Kirche ist wie sie ist, und daran müssen die Menschen sich reiben“, sagt er.

Mehr als eine Kleiderfrage

Eine Mehrheitsmeinung unter Berlins Katholiken ist das nicht. Die meisten wünschen sich eine Kirche, die zu ihnen passt, wollen ihren Glauben mitgestalten. Vielfältige Formen gehören zum Erzbistum. Mehr als eine Blüte ist St. Afra aber doch: ein konservativer Ausdruck, wie man ihn derzeit in vielen Gemeinschaften entdecken kann.

Gerald Goesche will es den Leuten nicht einfach machen. „Was immer galt, das gilt auch hier“, sagt er. Manch einem sei er trotzdem zu weich, sagt er und spricht von einer neuen Frömmigkeit und orthodoxen Strömung unter jungen Leuten, gegen die er sich stemme. „Für die bin ich ein rotes Tuch. Ich will, dass der Glaube lebt, aber die wollen, dass ich aggressiv gegen Veränderungen vorgehe“, sagt Goesche.

Es ist schön in St. Afra. Gleich hinter der Eingangstür erstreckt sich ein Kreuzgang. In die Kirche geht es einige Stufen hoch. Das Inventar hat Goesche beschafft, könnte man sagen. Den Altar und das Chorgestühl  hat er geschenkt bekommen, weil eine Kirche einem Tagebau weichen musste. Die imposante  Pfeifenorgel hat er für 1 000 britische Pfund in England gekauft und mit Hilfe von 160.000 Euro von der Lottostiftung nach Berlin transportieren lassen.  

Auch an anderen Tagen ist Gerald Goesche als Priester zu erkennen. In seiner schwarzen Soutane läuft er durch den Kiez. „Es sollte zu sehen sein, dass ich ein katholischer Priester bin“, sagt er. Das ist mehr als eine Kleiderfrage, es ist eine Haltung. Goesche kritisiert, dass Religion im öffentlichen Leben kaum noch auffällt. Genau deshalb habe er auch kein Auto, sagt er. „Das dient der Kommunikation. Manchmal sind die Gespräche ein bisschen bizarr, aber meist sehr nett“, sagt er.

Nach dem Gottesdienst stehen Gläubige im Kreuzgang zusammen. Ihm gefalle die  Konzentration auf Gott in dieser Liturgie, sagt ein Mann. Nicht der Mensch stehe im Mittelpunkt. So könne er Transzendenz besser spüren. „Sonst könnte ich ja ins Theater gehen“, sagt er.