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Gottesdienst in Gebärdensprache: Glaube braucht keine Worte

Laien wissen nicht, was Pfarrerin Petra Schenk mit der erhobenen Hand und den drei ausgestreckten Fingern ausdrücken will. Gehörlose wissen: Sie meint Gott.

Laien wissen nicht, was Pfarrerin Petra Schenk mit der erhobenen Hand und den drei ausgestreckten Fingern ausdrücken will. Gehörlose wissen: Sie meint Gott.

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berliner zeitung/gerd engelsmann (4)

Eberswalde -

Bild und Ton passen nicht so recht zusammen. Da stehen 16 Gläubige in dieser kleinen Kirche in Eberswalde (Barnim) und singen in ihrem Gottesdienst gemeinsam das Lied „Ich möcht’, dass einer mit mir geht“. Ihre Lippen bewegen sich zwar, aber kein Ton ist zu hören. Die Gläubigen sind gehörlos und tragen ihr Lied völlig lautlos vor – aber sie sind nicht stumm, denn sie singen dieses Kirchenlied in Gebärdensprache.

Sie benötigen dafür kein Buch mit dem Text, denn Pfarrerin Petra Schenk steht vor ihnen und zeigt ihnen den Text des Liedes. Während sie selbst die Worte ganz leise vor sich hin spricht, macht die Pfarrerin raumgreifende Gesten mit ihren Händen: Sie berührt dabei ihre Wange oder ihre Stirn, ihre Finger zeigen eine „Drei“ oder sind zu einem „O“ geformt. Ihre Arme kreisen, bleiben aber auch ruckartig stehen. Jede dieser Gebärden hat eine ganz spezielle Bedeutung.

Petra Schenk gebärdet die gesamte erste Strophe, und alle Gläubigen in der Kirche machen die gleichen Bewegungen – es wirkt wie eine Choreographie. Es ist absolut still in der Kapelle, nur ab und an ist ein leises Raunen zu hören. Genauso still ist es während der gesamten Andacht, die Petra Schenk in Gebärdensprache hält.

Nach Angaben des Gehörlosenbundes gibt es bundesweit etwa 80 000 gehörlose Menschen. Sie alle sprechen die Gebärdensprache, ebenso die etwa 120 000 stark hörgeschädigten Menschen. Die Gebärdensprache ist seit 2002 als eigenständige Sprache anerkannt. Sie hat ihre eigene Grammatik und unterscheidet sich deshalb sehr von der gesprochenen Sprache.

Eberswalde ist einer der wenigen Städte im Land Brandenburg – neben Cottbus oder auch Neuruppin –, in denen es Gottesdienste in Gebärdensprache gibt.

Petra Schenk gebärdet sehr pointiert, sie formt außerdem jedes Wort und jeden Satz mit ihren Lippen. Denn wichtig bei der Gebärdensprache sind nicht nur die Handzeichen, sondern auch Mimik und die Mundbewegung. Selbst wenn Gehörlose unter sich sind, sprechen sie die einzelnen Worte mit – wenn auch meist stimmlos.

„Es ist wichtig, dass mich jeder in der Kapelle gut sehen kann“, erklärt die Pfarrerin. Deshalb fragt sie auch vor jedem Gottesdienst bei ihren gehörlosen Besuchern nach, wie denn deren Sicht ist. Auch dieses Mal. Fast alle nicken, nur ein älterer Mann zeigt ihr mit der Hand, dass sie noch ein wenig nach links gehen soll. Ein kleine Stückchen nur. Dann nickt auch er.

In ihrer Andacht spricht Petra Schenk über Zeitdruck und dass ein Mensch gar nicht alle Aufgaben schaffen kann, die er bekommt. Dann verlässt sie ihr Pult und setzt sich an den Rand. Aus der ersten Reihe stehen Uta Graubner und Heidemarie Seyffart auf und stellen sich vor den Altar. „Wolltest du nicht mein Fahrrad reparieren?“ fragt die eine. „Das habe ich ganz vergessen! Ich hatte so viel zu tun“, entschuldigt sich die andere. Die Gehörlosen schmunzeln und kichern über das Rollenspiel in Gebärdensprache, auch die Pfarrerin. Die beiden Frauen sind bereits seit Jahren Mitglieder der Gemeinde und unterstützen die Pfarrerin bei den Gottesdiensten. Nun gebärden sie Psalme und Textstellen aus der Bibel.

Uta Graubner ist mit dem evangelischen Glauben aufgewachsen. „Er gehört schon immer zu meinem Leben dazu“, erklärt die 41-Jährige. „Ich bin eine Pfarrerstochter.“ Seit 2000 wohnt sie in Eberswalde, damals ist sie mit ihren Eltern aus dem sächsischen Zschopau nach Brandenburg gezogen. Früher besuchte sie auch Gottesdienste für Hörende. Aber viel verstanden habe sie nicht. Das Lippenlesen sei schwierig. Vor allem wenn der Sprecher nuschelt oder einen Bart hat.

Doch wichtig für Uta Graubner sind nicht nur die monatlichen Gottesdienste, sondern auch das Beisammensein. „Aber das gilt für jeden in der Gemeinde. Hier können wir uns austauschen, über Probleme sprechen und uns gegenseitig helfen“, sagt die gelernte Zahntechnikerin. Die meisten Gehörlosen, die hier zum Gottesdienst kommen, wohnen in Eberswalde.

Schon zu DDR-Zeiten wurden in der Stadt hörgeschädigte und auch lernbehinderte Menschen unterrichtet. „Viele Gehörlose haben hier einen Beruf gelernt und sind dann hier geblieben“, erklärt Pfarrerin Petra Schenk. Aber einige Gemeindemitglieder kämen sogar aus Prenzlau, Pasewalk oder Frankfurt (Oder) zur Andacht.

Das Glucksen beim Lachen

„Die Gehörlosen nehmen den langen Weg gern auf sich“, sagt Petra Schenk. Das liege auch an dem großen Zusammenhalt untereinander. Seit 2004 arbeitet sie als Pfarrerin in Eberswalde und ist seitdem für die hörende Gemeinde verantwortlich. Seit 2007 kümmert sie sich auch um die Gehörlosen. Durch die Arbeit in beiden Gemeinden sind ihr Unterschiede aufgefallen. „Die Gehörlosen achten sehr aufeinander. Sie begrüßen sich herzlich vor dem Gottesdienst, auch mich.“ Mitglieder der hörenden Gemeinde würden sie, die Pfarrerin, nie umarmen, außer es seien gute Freunde.

„Die gehörlose Gemeinde ist wie eine Familie“, sagt Petra Schenk. Deshalb gehen die Gehörlosen nach der Andacht auch nicht einfach nach Hause. Sie setzen sich bei Kaffee und Kuchen mit der Pfarrerin in den Andachtsraum, sprechen darüber, was sie erlebt haben und fragen, was es Neues gibt.

Sie gestikulieren, sie erzählen, sie hören zu. Und das alles geschieht fast lautlos. Nur die Kuchengabeln klappern auf den Tellern, und immer wieder ist ihr Glucksen beim Lachen zu hören.