26.12.2011

Gottesdienst: Sie sind hier nicht im Opernhaus!

Von Arno Widmann
Zum dritten Mal fand ein heiligabend Gottesdienst der Berliner Stadtmission im Hauptbahnhof statt.
Zum dritten Mal fand ein heiligabend Gottesdienst der Berliner Stadtmission im Hauptbahnhof statt.
Foto: Paulus Ponizak
Berlin –  

Heiligabend bei der Berliner Stadtmission im Hauptbahnhof.

Heiligabend bei der Berliner Stadtmission im HauptbahnhofDie 1877 gegründete Berliner Stadtmission wählte sich als Motto: „Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn“(Jeremia 29,7). Gründer war der evangelische Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909). Die Stadtmission versuchte die ärmsten Schichten der Bevölkerung, die der Landeskirche entglitten waren, wieder für das Christentum zu gewinnen. Dafür gingen soziales Engagement, kämpferischer Antisozialismus und ein rabiater Antisemitismus eine nicht mehr aufzulösende, später mörderisch werdende Verbindung ein. Die Berliner Stadtmission war eine der Wegbereiterinnen für das, was dann mit der NSDAP zu einer Deutschland und die Welt umstürzenden politischen Kraft werden sollte.

Mehr als einhundert Jahre später ist davon nichts mehr zu spüren. Es zeigt sich hier, dass nichts bleiben muss, was es war. Veränderung ist möglich. Sie bedarf manchmal freilich nicht nur eines Entschlusses, sondern die Kräfte der Weltgeschichte müssen sich verschieben, damit eine kleine Organisation ein menschliches Gesicht bekommen kann. Die Niederlage des NS-Regimes, die Zerstörung Deutschlands waren nötig, damit zum Beispiel die Berliner Stadtmission im Jahre 1964 den schwarzen Bürgerrechtler und Prediger Martin Luther King im Albrechtshof in der Albrechtstraße (DDR) – eine Plakette am Haus erinnert daran – empfangen konnte.

Die Berliner Stadtmission hat heute mehr als 500 haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter, die die 19 Gemeinden organisieren. Darunter auch Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten. Wir waren im Sommer schon bei einem Schiffsgottesdienst der Berliner Stadtmission. Am Heiligen Abend besuchten wir den Gottesdienst um 22 Uhr im Berliner Hauptbahnhof.

Ein paar hundert Menschen haben sich in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs am Washington Platz unter dem riesigen Weihnachtsbaum versammelt. Es ist der dritte Gottesdienst, der hier an einem Heiligen Abend gefeiert wird. Zwei Rolltreppen wurden stillgestellt. Zwischen ihnen steht ein Podest. Darauf ist Platz für Musiker (vier Saxophonisten, eine Sängerin und ein Harmonium) und den Prediger, den Direktor der Berliner Stadtmission, Hans-Georg Filker und seine Assistentinnen. Sie lesen die Weihnachtsgeschichte.

Natürlich ist der Raum imponierend. Jetzt weiß man, warum Architekturhistoriker von den Bahnhöfen als den Kathedralen der Moderne sprachen. Aber auch die Geräusche der an- und abfahrenden Züge, die Lautsprecherdurchsagen – all das stört und regt zugleich an. Man fühlt sich mitten im Leben. Der Gottesdienst findet nicht in einer Enklave der Gläubigen statt, sondern mitten unter Menschen. Es sind Heiligabend allerdings nur wenige unterwegs.

Aber die versammelten Gläubigen und weniger Gläubigen kommen mit ihrem „Kommet ihr Hirten...“ nicht gegen den Lärm des Hauptbahnhofs an. Der groß und mächtig gewachsene Pastor Filker erhebt sich, tritt auf das Podium und ruft ihnen zu: „Sie sind hier nicht im Opernhaus. Hier wird nicht still gesessen und zugehört. Hier wird mitgesungen. Hier dürfen sie mitsingen. Jetzt machen wir das Ganze noch einmal. Wenn Sie nicht singen können, singen sie. Sie loben Gott und sie tun das so, wie sie es können. Das ist kein Gesangswettbewerb. Also noch einmal. Erst die Frauen, dann die Männer und dann alle zusammen“ Dann sagt er etwas. Ich bin mir nicht sicher, es richtig verstanden zu haben: „Alle zusammen, auch die, die sich nicht entscheiden können.“ Fürs Singen oder fürs Geschlecht? Es wird viel gelacht.Und dann wird gesungen. Die Lautsprecher sind kaum noch zu hören. Dafür ein kräftiges „Fürchtet Euch nicht!“

Anzeige
Berliner Zeitung präsentiert:
Anzeige
Anzeige
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien Berlin
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Umfrage: Hält Hertha BSC die Bundesliga?

Kann Hertha BSC Berlin nach der Niederlage im ersten Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Klassenerhalt doch noch schaffen?

23% Es wird schwierig, aber Hertha schafft es.
28% Ohne Lasogga hat Hertha keine Chance.
18% Fortuna Düsseldorf ist zu stark.
31% Mir ist das egal.
Galerie
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Serie zur Gentrifizierung
Interaktiv
Kolumne

Täglich erzählen unsere Lokalreporter Anekdoten aus dem Nachtleben in der Hauptstadt. mehr...

Anzeige
Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Ferienhäuser an der Mecklenburgischen Seenplatte

Genießen Sie Ihren Urlaub im Land der tausend Seen. Mit BestFewo finden Sie das passend Ferienhaus für Ihre Reise.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Anzeige
Galerie
Liveticker
38 Staus mit einer Gesamtlänge von 100km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Autohändler in Berlin
Finden Sie Autohändler in Berlin und Umgebung bei AutoScout24