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Gregor Gysi will Olympische Spiele 2024 in Berlin : "Ich wünsche mir andere Bilder als die mit Adolf Hitler"

Provoziert seine Partei: Gregor Gysi.

Provoziert seine Partei: Gregor Gysi.

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blz/ponizak

Deutschland will sich um die Olympischen Spiele im Jahr 2024 bewerben, das steht soweit fest. Offen ist nur, ob Berlin oder Hamburg ins Rennen gehen soll. Diese Entscheidung fällt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) Mitte März. Bundespolitiker halten sich bisher vornehm zurück und sagen nicht, welche Kandidatenstadt sie favorisieren würden. Gregor Gysi prescht vor, er spricht sich für Berlin aus. Der Linken-Fraktionschef im Bundestag lehnt Olympia anders als seine Berliner Parteifreunde nicht grundsätzlich ab.

Herr Gysi, stimmt es, dass Sie Olympia in Berlin reizvoll fänden?

Ich bin da gespalten. Erstens bin ich jemand, der Olympia mag.

Interessant. Und warum?

Ich mag dieses Bunte, Verbindende. Dass alle Länder friedlich an einem Ort zusammenkommen. Und ich mag an Olympia, dass da Sportarten Beachtung finden, für die sich sonst kaum ein Mensch interessiert.

Und was stört Sie?

Diese tolle olympische Idee ist viel zu sehr in den Hintergrund getreten. Da wurde ein Gigantismus entwickelt, der einfach nicht mehr hinnehmbar ist. Auch diese Kommerzialisierung stört mich. Wenn man es schaffte, dieses Gigantische zu überwinden, wenn man die Spiele bescheidener machte und entkommerzialisierte, dann wäre das für Berlin ein schönes Ereignis. Ein Ereignis, das uns auch touristisch und wirtschaftlich voranbrächte. Aber eigentlich geht es mir um etwas anderes.

Worum geht es Ihnen?

Ich wünsche mir wirklich sehr, dass es von Berlin und Olympia endlich andere Bilder gibt als die mit Adolf Hitler. Diese anderen Bilder möchte ich gerne noch sehen. Es ist ja nicht zu erwarten, dass ich 120 Jahre alt werde, deshalb würde es mich freuen, wenn es in einer Zeit klappte, in der ich es noch wahrnehmen kann.

Das Olympiastadion steht doch inzwischen eher für Hertha BSC oder Grönemeyer, nicht für Olympia 1936. Wo ist das Problem?

Mich regt das einfach auf: Immer wenn es um Berlin im Zusammenhang mit Olympia geht, werden diese alten Fotos rausgekramt. Adolf auf der Tribüne. Da muss Neues, Anderes her. Berlin ist die deutsche Hauptstadt und hat sich doch so zum Positiven entwickelt. Mein Gott, denken Sie an die Fußballweltmeisterschaft! Solche Bilder sind es, die wir brauchen!

Aber nur, wenn es bescheiden geht?

Genau. Es muss keine Eröffnungsfeiern geben, die Abermillionen kosten. Es müssen auch keine Stadien gebaut werden, die hinterher niemand mehr braucht. Es geht doch alles eine Idee bescheidener. Wenn das klappt, dann kann Berlin etwas davon haben. In wirtschaftlicher, aber auch in sozialer Hinsicht.

Gerade die soziale Frage wird in Ihrer Partei als Argument gegen Olympia angeführt.

Ich kann verstehen, dass es da Bedenken gibt. Für die Linke ist die soziale Frage von zentraler Bedeutung. Einem Obdachlosen ist es nun mal sehr schwer zu erklären, was das alles soll. Deshalb muss klar sein: Auf Berlin dürfen keine wahnsinnigen Unkosten zukommen. Die Stadt darf sich nicht übernehmen, der Bund muss sich an dem Projekt beteiligen. Und natürlich geht es nicht ohne einen Volksentscheid.

Von mehr Bescheidenheit reden inzwischen alle, sogar IOC-Präsident Thomas Bach. Glauben Sie ihm, dass er etwas ändern will?

Dass Thomas Bach Reformen will, glaube ich schon, ich kenne ihn. Aber die Frage ist: Was wird da wirklich erreicht? Deshalb bin ich unsicher. Und deshalb verstehe ich auch Leute, die skeptisch sind.

Die USA bewerben sich mit Boston, also mit einer kleinen Stadt. Sehen Sie das als ein Zeichen, dass der Ruf nach weniger Gigantismus ernst zu nehmen ist?

Na ja, kleinere Städte in den USA neigen mitunter dazu, sich zu überschätzen. Aber Sie haben schon recht, es gibt einen veränderten Zeitgeist. Früher war es immer so: Wer macht es noch toller, wer macht es noch größer, wer macht es noch teurer? Das hat sich wirklich geändert. Deshalb halte ich es für möglich, dass es Veränderungen geben wird. Aber man muss abwarten.

Hat Deutschland nur mit Berlin eine Chance, wie der Senat behauptet?

Ich finde, Hamburg ist eine tolle Stadt. Aber nochmal: Ich bin nicht nur deshalb für Berlin, weil ich hier wohne. Ich bin für Berlin, damit wir diese historischen Bilder durch neue ersetzen. Das braucht Hamburg nicht.

Braucht Berlin auch mal wieder ein großes Ziel?

Sie meinen wie den Flughafen? Ein Projekt, dass dann am Ende doch viel teuer wird als veranschlagt? Aber im Ernst: Wenn Olympia in Berlin unbescheiden und gigantisch wird, bin ich strikt dagegen. Es muss etwas herauskommen für die Stadt und ihre Bewohner.

Würden Sie in die Stadien gehen?

Wenn ich Karten kriege, na klar! Am meisten interessiert mich die Leichtathletik, wobei der 100-Meter-Lauf leider immer so schnell vorbei ist. Aber ich gucke auch ganz gerne Ringen an. Ich würde vor allem versuchen, mir Sportarten anzuschauen, die ich sonst nie sehe.

Das Gespräch führte Regine Zylka.