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Grips-Theater Berlin : "Linie 1" für die Stadtmission

Den Besuchern hat’s gefallen.

Den Besuchern hat’s gefallen.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Jacke, Hemd und Hose sind zerrissen. Die Gesichter schmutzig. Eine obdachlose Frau mit zerzausten blonden Haaren hat zwei Plastikbeutel mit ihrem Hab und Gut dabei. Daneben steht ein großer hagerer Mann mit blutiger Schramme an der Nase. Sein Kumpel hat einen ausgeleierten Pullunder. Sie wollen Geld erbetteln. Plötzlich brüllen sie sich an. Der im Pullunder vermisst seine Schnapsflasche. Glaubt, sein Kumpel hat sie geklaut. Der schreit zurück, streitet ab.

So beginnt das Musical „Linie 1“ im Grips-Theater. Kostüme, Requisiten, Masken wirken völlig authentisch. Und bedrückend zugleich. Denn am Samstagnachmittag sind Zuschauer im Publikum, die zum Teil selbst auf der Straße leben. Die Stadtmission am Bahnhof Zoo hat ihre Gäste, Mitarbeiter und Förderer ins Theater eingeladen. Ein anonymer Spender hatte die 360 Karten der Vorstellung gekauft.

„Wer war schon einmal im Grips?“, fragt Missionsdirektor Hans-Georg Filker vor Beginn des Musicals. Im Saal gehen nur etwa 20 Hände in die Höhe. „Und wer noch nicht?“ Fast alle heben die Arme. „Jeder von uns lebt von mehr als Wasser, Brot und Kleidung. Der Mensch braucht auch Nahrung für den Geist und die Seele. Darum geht es heute Nachmittag. Und nun: Vorhang auf.“

Nahrung für die Seele

In der ersten Reihe sitzt ein junger Mann Mitte 20. Er trägt eine Brille und und einen blonden Irokesenhaarschnitt. Er hat glänzende Augen. Er staunt und lacht und klatscht. So, als würden die Schauspieler das Stück nur für ihn spielen. Er ist offenbar völlig mitgerissen von der rockigen Musik und den spleenigen Charakteren. Zum Beispiel Hermann. Der ist bleich und alt. Er hat lange weiße Haare und einen Gehstock. Er sagt, ihm tue alles weh. Trotzdem ruft er: „Das Leben ist wunderschön.“ Er kommt gar nicht weiter im Text. Die Zuschauer klatschen stürmisch. Hermann muss kurz warten, bis er weiterspricht. Bevor er in seinem zerschlissenen Mantel von der Bühne schlürft. Dann ist Pause.

Die Besucher gehen auf den kleinen geschmückten Platz draußen vor dem Theater. Auf den 20 Tischen liegen blaue Decken. An vier Bänken am Rand verteilen Mitarbeiter der Stadtmission Kaffee, Wasser und Limonade. Auch Thorsten Kaatz holt sich einen Kaffee. Der schmächtige Mann mit dem freundlichen Lächeln war selbst einmal obdachlos. Nach der Wende verlor er seine Arbeit. Einen Monat lebte er auf der Straße. Dann ging er zur Bahnhofsmission. „Sie halfen mir bei Behördengängen und beim Alkoholentzug.“ Mittlerweile ist er Rettungssanitäter und hilft zweimal in der Woche bei der Stadtmission.

„Im Winter bin ich mit dem Kältebus unterwegs, verteile Schlafsäcke oder bringe Obdachlose zu einem warmen Schlafplatz.“ Vor allem aber ermutige er sie immer wieder, dass sie das schaffen können, was er geschafft hat. An diesem Nachmittag ist Kaatz aber nicht nur Gast im Theater, er ist auch für die Erste Hilfe verantwortlich. Eigentlich sei er kein Theatergänger, aber das Musical gefalle ihm gut. „Viele Szenen sind wirklich aus dem Leben gegriffen.“

Erschreckend realistisch findet auch Hilla Schneck viele der Charaktere. „So ist es bei uns in der Jebensstraße. Das habe ich während des Stückes schon ein paar Mal gedacht“, sagt die 75-Jährige mit ihrer sanften Stimme. Sie arbeitet seit drei Jahren ehrenamtlich in der Mission. „Einigen unserer Gäste ist das Stück sehr nahe gegangen. Eine wohnungslose Frau hat das Musical mittendrin verlassen. Sie sagte, die Schauspieler wüssten nicht, wovon sie da reden.“

Hilla Schneck hat “Linie 1“ schon einmal vor 25 Jahren gesehen. Damals war sie Kindergärtnerin. Ihr gefalle es jetzt so gut wie damals. Die Pause ist zu Ende. Sie läuft draußen die Tische ab und bittet die Besucher wieder hinein. Im Foyer grüßt sie freundlich nach links und rechts. Ein herzlicher Händedruck, eine Umarmung. Sie kennt viele der Besucher von ihrer Dienstagsschicht in der Mission. Im Saal nimmt sie neben Kollegen Platz.

Die Wilmersdorfer Witwen lassen die Zuschauer gleich herzlich lachen. Der Appell, Mut zum Träumen zu haben, sorgt für Szenenapplaus. Und ist nur einer von vielen. Zum Schluss, nachdem sich die Schauspieler mehrmals verneigt haben, spielt die Band sogar noch eine Zugabe. „Das machen wir sonst eigentlich nie“, sagt Schauspieler Sebastian Achilles.

Das Stück neu erlebt

Er und seine Kollegen sind nun auch draußen vor dem Theater. Die Mitarbeiter der Mission geben Gulaschsuppe und Brot aus. Achilles’ Kollegin Ariane Fischer ergänzt: „Wir haben unser Stück heute neu erlebt. Die Zuschauer haben an Stellen geklatscht, an denen seit 20 Jahren keiner geklatscht hat.“ Einige der Sätze seien ihr und ihren Kollegen nicht leicht über die Lippen gekommen. „Im Stück spielen wir auch Obdachlose. Aber heute haben im Publikum Menschen gesessen, denen es wirklich so geht.“

Plötzlich kommt der junge Mann mit dem blonden Irokesenschnitt aus Reihe eins auf Ariane Fischer zu. Er hat ein Programmheft in der Hand. Er fragt, ob sie die Lumpi im Stück gespielt hat. Eine drogensüchtige junge Frau, die sich das Leben nimmt. Ariane Fischer bejaht. Der junge Mann möchte ein Autogramm. „Das war ziemlich schlimm. Als Lumpi gestorben ist, da habe ich geweint.“