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Größte Open-Air-Galerie der Welt: 25 Jahre Protest und Poesie an der East Side Gallery

Die East Side Gallery.

Die East Side Gallery.

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imago/Westend61

Mit gut einer halben Million Besuchern im Jahr ist sie ein Touristenmagnet, mit rund 1,3 Kilometern Länge die größte Open-Air-Galerie der Welt: die East Side Gallery entlang der Mühlenstraße in Friedrichshain. 2015 jährt sich die Eröffnung der bunten Mauer am Spreeufer zum 25. Mal. Wo fast drei Jahrzehnte die DDR-Grenze zum West-Bezirk Kreuzberg verlief, haben nach dem Mauerfall mehr als 100 Künstler aus 21 Ländern ihre Freude über die neue Freiheit auf den grauen Beton gemalt. Am Donnerstag kommt der Film „Berlin East Side Gallery“ bundesweit in die Kinos. Die Kreuzberger Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies haben mit ihrer 120-minütigen Dokumentation ein Mosaik aus Information und Emotion geschaffen.

„Wir haben uns sechs Jahre lang dem Thema gewidmet und versucht, die Idee dieser Mauer deutlich zu machen“, sagt Karin Kaper. Aus 230 Stunden Filmmaterial wählten sie exemplarische Interviews und Kommentare aus. Natürlich kommen die Mauerkünstler zu Wort, denen es – nach Überzeugung der Filmemacher – zu danken ist, dass es die East Side Gallery überhaupt noch gibt. Die Künstlerinitiative um den Maler Kani Alavi hatte die Berliner Politik so lange genervt, bis diese zwei Millionen Euro für die Sanierung lockermachte. Auch Touristen, die in der Stadt nach authentischen Grenzorten suchen, werden befragt. Es sind kontroverse Meinungen, die zu hören sind. Viele sind begeistert von der bunten Mauer. Aber viele fragen auch, ob dieser sanierte Wall noch authentisch ist und ob Straßenkunst wirklich schützenswerte Kunst sei.

Dass auch an dieser Grenze Menschen zu Tode kamen, weiß indes kaum ein Besucher. Wie auch, schließlich gibt es keinerlei Information zur Geschichte vor Ort. Dass die Mauer ein Denkmal ist, zeigen einzig kleine, verwitterte blau-weiße Schildchen, die alle 50 Meter aufgestellt sind. Längst ist die East Side Gallery, ähnlich dem Checkpoint Charlie mit den falschen Soldaten und den allgegenwärtigen Souvenirhändlern, zum Tingeltangel-Platz verkommen. Vielleicht ist dies ja der Grund dafür, dass sie im Bewusstsein der Hauptstadt kaum noch wahrgenommen wird. Und die Berliner Politik tut nichts, dies zu ändern: Seit Monaten reden Bund und Land darüber, die East Side Gallery in die Stiftung Berliner Mauer aufzunehmen. Das Ergebnis bleibt auch im 25. Jahr des Bestehens ungewiss.

Dass die East Side Gallery als Spaß-Ort für Touristen funktioniert, aber ohne Informationssystem als Gedenkort nicht, wird im Film deutlich. Und noch etwas wird thematisiert: Die Hochhausprojekte von Investoren hinter der Mauer und die damit verbundene weitere Zerstörung des Denkmals. „Dass auf dem ehemaligen Todesstreifen Luxuswohnungen entstehen, ist für viele Menschen schwer verständlich und damit ein Politikum“, sagt die Regisseurin. Dass die Mediaspree-versenken-Demos, die sich vergeblich für den kompletten Erhalt der Mauer einsetzen, immer weniger Protestler anziehen, gehört auch zur Realität. Kaper sagt: „Wenn der Film dazu beiträgt, ein Nachdenken über ein Denkmal anzuregen, sehen wir unser Ziel als erfüllt an."

Berlin East Side Gallery: Kinodokumentarfilm von Karin Kaper und Dirk Szuszies, Vorpremiere 6. Januar 20 Uhr im Babylon, Mitte. Ab 8. Januar bundesweit in 20 Kinos; in Berlin und Potsdam: Moviemento, Kreuzberg; Union Filmtheater, Friedrichshagen; Lichtblick, Prenzlauer Berg; b-ware!, Friedrichshain; Thalia, Potsdam.