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Günter Grass, Doris Lessing & Co: Nobelpreisträger in Badehose

„Das Bild ist anders verstanden worden“, sagt Peter Badge über sein berühmtes Porträt von Günter Grass.

„Das Bild ist anders verstanden worden“, sagt Peter Badge über sein berühmtes Porträt von Günter Grass.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Peter Badge war Mitte 20, als er seinen ersten Nobelpreisträger fotografierte. Dabei hatte er eigentlich keine Lust auf „alte Männer“. „Als junger Fotograf wollte ich etwas Aufregendes machen. Models und Mode“, sagt er heute. Doch Edmond Fischer, der 1992 den Nobelpreis für Medizin erhielt, räumte mit seiner entspannten und freundlichen Art alle Vorurteile des Berliner Fotografen aus dem Weg. Und so nahm Peter Badge den Auftrag verschiedener großer Museen aus Amerika und Deutschland an, alle noch lebenden Nobelpreisträger zu fotografieren.

Heute, 15 Jahre später, ist Peter Badge 40 Jahre alt und veröffentlicht nun die Geschichten hinter den Bildern: „Geniale Begegnungen – Weltreise zu Nobelpreisträgern“ heißt sein Buch, das Badge mit seiner Coautorin Sandra Zarrinbal am Montag  in Berlin vorstellte.

Hans G. Dehmelt oben ohne

An diesem Dienstag eröffnet seine Ausstellung mit Fotos dieser genialen Begegnungen im Hotel Adlon. Sie zeigen vor allem die Menschen, die Charaktere hinter der Wissenschaft, für welche die Preisträger jeweils berühmt wurden. Den Physiker Hans G. Dehmelt porträtierte Badge an dessen Pool, mit freiem Oberkörper und nur mit Badehose und Sonnenhut bekleidet.

Ein anderes Foto zeigt den Friedensnobelpreisträger Joseph Rotblat, eine Teetasse in der einen Hand, die andere ausgebreitet, im Gespräch, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen: „Das könnte der Moment gewesen sein, als er mit funkelnden Augen fragt: Was bitte ist an der Idee, Krieg abzuschaffen, Utopie?“, heißt es dazu im Buch.

Badge fotografierte den deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Er steht an seiner Werkbank, an der er als Bildhauer arbeitet. Der Schatten, den das Licht hinter ihm an die Wand wirft, sieht dagegen aus wie der Schriftsteller Grass am Schreibtisch. Badge wollte mit diesem Foto Grass’ Multibegabung festhalten. Später, als die Debatte um Grass’ Verwicklung in der Waffen-SS aufkommt, wird das Porträt berühmt, der Schatten als Schatten seiner Vergangenheit interpretiert. „Es ist völlig anders verstanden worden“, sagt Badge heute.

Vorbereitet hat Badge sich auf die Treffen mit den Nobelpreisträgern fast nie. „Wenn die Nobelpreisträger jüdischen Glaubens waren, und während des Krieges unter den Nazis im Konzentrationslager waren oder aus Deutschland vertrieben wurden, über solche Biografien wusste ich Bescheid“, sagt er. „Das war für mich sehr sensibles Gebiet. Aber ob die Menschen nun was mit Ionenkanälen gemacht, oder Elektronen eingefangen hatten, das wusste ich vorher oft nicht genau.“

Auf die Wissenschaft kam es dem Fotografen jedoch ohnehin nicht an: „Mir ging es darum, herauszufinden, wie die Menschen ticken. Man unterhält sich, man trinkt zusammen Kaffee, macht einen Spaziergang. Und irgendwann macht man eben ein Bild. Im besten Fall ist dieses Foto dann ein auf ein Bild verdichteter Kurzfilm, der den Charakter dieses Menschen zeigt“.

Doris Lessing warf ihn raus

15 Jahre hat Badge  damit verbracht, Nobelpreisträger zu fotografieren. Einen Großteil der Zeit verbrachte er mit der Terminfindung und dem Aufspüren der Preisträger. Einige waren regelrecht verschollen, viele traf er wiederum mehr als einmal.

Wie die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing, der er auf Rat eines ihrer Bekannten unangekündigt einen Besuch abstatten wollte. „Wer zur Hölle, denken die, dass sie sind?“, war das Einzige, was Badge bei diesem ersten Besuch von der alten, oft strengen Schriftstellerin hörte, bevor ihn deren Haushälterin vor die Tür setzte.

Andere Preisträger, wie der Schriftsteller Gabriel García Márquez, wurden zu Freunden. Márquez  überzeugte Badge auch davon, seine Erlebnisse schriftlich festzuhalten. „Wenn das Buch fertig ist, machen wir hier eine Party. Hier in meinem Haus!“, soll der Schriftsteller zu Badge gesagt haben. Doch Márquez starb im vergangenen April. „Ich war zu langsam“, sagt Badge, und dass er Márquez sehr verehrt habe.  Das Buch hat er ihm  gewidmet  – seinem Freund, dem Nobelpreisträger.

Die Ausstellung „Geniale Begegnungen“ ist bis August im Hotel Adlon zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Geniale Begegnungen. Weltreise zu den Nobelpreisträgern, Daab Verlag, Köln 2014, 576 Seiten, 29.95 Euro