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Haftstrafe für Berliner Mutter: Baby wie Müll aus dem Fenster geworfen

Am Spandauer Damm 60 in Charlottenburg war am 19. November 2011 ein totes Baby gefunden worden.

Am Spandauer Damm 60 in Charlottenburg war am 19. November 2011 ein totes Baby gefunden worden.

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Birgitt Eltzel

Berlin -

Die Wortwahl war klar, das Urteil erwartbar. Weil sie ihr Baby „wie Müll aus dem Fenster“ geworfen hat, wie es in der Urteilsbegründung des Gerichts heißt, ist eine 41-Jährige am Montag zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Ines T. hat in der Nacht zum 20. November 2011 ihren kurz zuvor gesund geborenen Sohn in ein Handtuch gewickelt, in eine Tüte gesteckt und aus dem Badezimmerfenster im fünften Stock eines Hauses am Spandauer Damm in Charlottenburg geworfen. Stunden später fand ein Nachbar im Hof den Leichnam.

Mit dem Strafmaß bewegt sich Richter Matthias Schertz im üblichen Rahmen. Die Kammer wertete „die Stresssituation bei der Geburt“ als strafmildernd und den Totschlag deshalb als minderschwer.

Dabei hat es ihm Ines T. bei der Würdigung ihrer Persönlichkeit nicht leicht gemacht. Denn die Frau hat sich ausgesprochen wortkarg präsentiert. Die Tat hat sie sofort gestanden. Selber sprechen mochte sie vor Gericht nicht, also ließ sie ihre Anwältin eine Erklärung vortragen. „Ich hätte mir eine derart schlimme Tat nie zugetraut“, heißt es darin. Die Tat tue ihr leid – und das tut sie sich wohl auch selbst. In der Untersuchungshaft, in der sie seit November sitzt, sei sie zunächst angefeindet worden, sie vermisse ihre Familie, ließ sie mitteilen.

In Heimlichkeit hineingesteigert

Die Verteidigung hat als Motiv vorgebracht, dass Ines T. ihr Kind aus Angst vor ihrem Lebensgefährten getötet habe. Gene T., den sie mittlerweile in Haft geheiratet hat, habe das Kind nicht haben wollen, sie habe sich vor seiner Reaktion gefürchtet. Der Mann ist ein vorbestrafter Gewalttäter, saß unter anderem wegen Totschlags an einer früheren Partnerin im Gefängnis. Ines T. hat ihm die Schwangerschaft die ganze Zeit verheimlicht. Als die Wehen einsetzten, entband sie allein im Bad und warf das Neugeborene schließlich aus dem Fenster. „Wie hätte ich das Baby erklären sollen?“, heißt es in ihrer Erklärung. Angeblich wusste Gene T. tatsächlich von nichts. Ob ihn der Zustand von Ines T. sonderlich interessiert hat, war nicht Gegenstand des Verfahrens.

„Möglicherweise hat sie sich in eine Heimlichkeit gesteigert, aus der sie nicht mehr herauskam“, sagte Richter Schertz über Ines T. „Möglicherweise.“ Mehr war aus dieser verstummten Frau nicht herauszubekommen.

Nichts etwa darüber, warum sie nicht zur Entbindung in eine Klinik gegangen und das Neugeborene zur Adoption freigegeben hat. So hat sie es in den Jahren zuvor schon mit zwei Babys getan. Sie hätte sich also durchaus zu helfen gewusst. So bleibt der Eindruck einer komplett irrationalen Tat einer nach außen hin emotional reglosen Frau.

Familie war dem Jugendamt bekannt

Dass sie durchaus auch anders kann, ließen Schilderungen von Zeugen vermuten, die von einem regen Familienleben berichteten. Ines T. hat zwei Töchter groß gezogen: Die 18-Jährige zog vor einiger Zeit am Spandauer Damm aus und in ein Wohnprojekt im Bezirk, die 15-Jährige kam nach der Tat in die selbe Einrichtung.

Unter anderem weil die jüngere Tochter die Schule schwänzte, kannte das Jugendamt die Familie schon vorher. Dennoch bleibt Stadträtin Elfie Jantzen (Grüne) dabei, dass ihre Mitarbeiterinnen richtig gehandelt hätten. Es hätten keine Hinweise darauf vorgelegen, dass das Wohl eines der Mädchen gefährdet gewesen sei, nur dann hätte das Amt einschreiten müssen. Von der Schwangerschaft sei nichts zu merken gewesen. Und dann sagte Jantzen: „Das Gruselige ist: Man hört von einem toten Kind und macht drei Kreuze, wenn man mitkriegt, dass es nicht im eigenen Bezirk ist.“ Wenn doch, bleibt nur das Eingeständnis des eigenen Entsetzens und der Hilflosigkeit