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Hartmut Mehdorn: Der alte Mann und der Flughafen

Auch mit Hartmut Mehdorn geht es am BER nicht schneller voran.

Auch mit Hartmut Mehdorn geht es am BER nicht schneller voran.

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dpa

BERLIN/POTSDAM -

Hartmut Mehdorn ist kein brillanter Rhetoriker, aber er kann Dinge auf den Punkt bringen. Dann sagt er Sätze wie diesen, zu seiner Strategie für die BER-Baustelle: „Das ist wie eine Zahnpastatube: Sie müssen Sie hinten aufrollen, damit vorne was rauskommt.“ Oder auch diesen, zu seiner kantigen Persönlichkeit: „Sie haben mich geholt, jetzt müssen Sie mich auch aushalten.“ Wenn er gut drauf ist – er würde sagen: wenn er sich wohlfühlt in seiner Pelle –, dann sprudeln diese rustikalen Parolen nur so aus ihm heraus, und er freut sich, wenn sich seine Zuhörer darüber freuen.

Anders ist es, wenn Mehdorn unter Druck gerät. Dann steht der ganze Mann unter Spannung, dann tänzeln seine Füße, die Hände fahren durch die Luft oder hauen auf den Tisch, und er kommt mit seinen Sätzen den Gedanken kaum hinterher. Statt klarer Ansagen kommen von ihm dann Fragmente, auf den ersten Teil eines Satzes folgt mitunter der zweite Teil des übernächsten, hervorgepresst mit hoher, rauer Stimme, alles dazwischen überspringt er.

Als Mehdorn am Donnerstagabend voriger Woche vor dem BER-Sonderausschuss im Brandenburger Landtag auftritt, steht er ziemlich unter Druck. Neben dem Geschäftsführer der Flughafengesellschaft (FBB) sitzen Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und mehrere Landesminister. Sie gucken angestrengt und verziehen hin und wieder das Gesicht, während sie Mehdorns Ausführungen zuhören. Der Manager muss erklären, warum er binnen einer Woche im Februar zwei Projekte auf der Flughafenbaustelle gestoppt hat, die er zuvor zu Meilensteinen erklärt hatte: den Testbetrieb am BER-Nordpier und die Sanierung der nördlichen Landebahn. Aber er muss noch mehr erklären, am besten so etwas wie eine erste Bilanz liefern: Fast ein Jahr ist er im Amt.

„Ich bin angetreten, das demolierte Vertrauen in den BER wiederherzustellen“, hatte er am 8. März 2013 gesagt, als er der Öffentlichkeit als neuer Flughafenchef vorgestellt wurde. Doch wie dieses Vorhaben zu bewältigen ist, das allmählich zum Projekt mehrerer Generationen wächst – Mehdorn scheint es nach einem Jahr nicht zu wissen. Der geradlinige Macher hat sich verheddert in den Kabelsträngen der Entrauchungsanlage, in den juristischen Fallstricken der Lärmschutzgesetzgebung und in den widersprüchlichen Interessen der Bauherren.

Mehdorn beantwortet die Fragen der Potsdamer Parlamentarier, manchmal unwirsch, manchmal offensiv, selten souverän. Dass er die Öffentlichkeit im Unklaren lässt, wie die Arbeiten voranschreiten, ficht ihn nicht an: „Der Tatbestand heißt nicht, dass wir nicht intern eine Planung haben, die wir abarbeiten.“

Den Vorwurf, die Flughafengesellschaft habe wichtige Bestimmungen zum Schallschutz wider besseres Wissen ignoriert, wischt er beiseite: „Wenn sich die Bedingungen alle sechs Wochen ändern, dann kann der Flughafen dafür nichts.“ Woidke ermahnt ihn schließlich: „Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind nicht gestern aus der brandenburgischen Erde gewachsen, sondern seit Langem bekannt.“

Am nächsten Tag treffen sich die beiden zu einem Krisengespräch wieder, zusammen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und dem Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Rainer Bomba. Es heißt, Mehdorn werde seinen Posten verlieren. Doch dazu kommt es nicht. „Herr Mehdorn ackert mit allen Kräften, dass dieses Projekt zum Erfolg gebracht wird, und da sind wir auch sehr zufrieden und dankbar“, sagt Wowereit nach der Sitzung zu den wartenden Journalisten vor dem Roten Rathaus.

„Er hat den Finger in die Wunde gelegt“

Mehdorn hat sein erstes Jahr also überstanden. Seinen Nimbus aber hat er verloren. Dabei schien Brandenburgs damaligem Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, der auch den BER-Aufsichtsrat leitete, ein echter Coup gelungen zu sein. Mehdorn sollte an der BER-Baustelle das Chaos beseitigen. Und wem sollte das gelingen, wenn nicht ihm? Dem Mann, der es zehn Jahre als Bahnvorstandschef ausgehalten hatte, der den Hauptbahnhof pünktlich fertig gebaut hatte, dem es gelungen war, Air Berlin aus dem Gröbsten rauszuholen. Ein Zupacker, ein Unermüdlicher, der es mit 70 Jahren noch einmal allen zeigen konnte.

Gelungen ist ihm das bis jetzt nicht. „Es ist alles viel schlimmer, als ich gedacht hatte“, sagt Ingo Senftleben, der die brandenburgische CDU-Fraktion im BER-Sonderausschuss vertritt. „Er hat nichts vorzuweisen“, sagt Martin Delius von den Piraten, der den BER-Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus leitet. „Die Bilanz fällt äußerst bescheiden aus“, sagt Wolfgang Krüger, Geschäftsführer der Cottbusser Industrie- und Handelskammer, der für das Land Brandenburg im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft sitzt.

Dabei hatte Mehdorn einen ordentlichen Start. Selbst die Debatte um eine Offenhaltung des Flughafens Tegel, die Mehdorn noch vor seinem offiziellen Amtsantritt lostrat, kann man ihm wohlwollend auslegen. Schließlich fertigen die zwei Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld schon heute mehr als jene 25 Millionen Passagiere pro Jahr ab, für die der BER ausgelegt ist.

„Mehdorn hat den Finger in die Wunde gelegt und deutlich gemacht, dass der BER nicht reichen wird“, meint Wolfgang Krüger. Die Berliner stimmten ihm zu: 69 Prozent der Befragten sprachen sich im März 2013 in einer Umfrage der Berliner Zeitung dagegen aus, Tegel zu schließen.

Unverdrossen machte sich Mehdorn also ans Werk, fast im Wochentakt verkündete er Neuigkeiten, die Aufbruch verhießen. Er berief ein neues Vorstandsmitglied, Heike Fölster, die sich um die Finanzen kümmern sollte. Er wollte Hany Azer zum BER holen, den erfolgreichen Bauleiter vom Hauptbahnhof – der kam dann doch nicht, offenbar wegen unterschiedlicher Vorstellungen zu seinem Gehalt.

Im April stellte Mehdorn sein Sprint-Konzept vor: Ein Expertenteam sollte helfen, den Problemen am BER die Komplexität zu nehmen, unkonventionelle Lösungen zu finden. Zudem baute Mehdorn Hierarchien ab, setzte Planer, die bis dahin allein vor sich hin werkelten, in ein Großraumbüro. Zusammen sollte es ihnen besser gelingen, die Probleme an der Baustelle zu durchdringen. Dort ließ Mehdorn großreinemachen, Container wurden weggeräumt, der Staub weggewischt.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie Mehdorn versucht, das Projekt BER zu Ende zu bringen.

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