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Heinrich Jüttner in Schöneiche: Von Nazis bedrohter Bürgermeister: „Ich sollte erschossen werden“

H. Jüttner (61), Bürgermeister seit 19 Jahren.

H. Jüttner (61), Bürgermeister seit 19 Jahren.

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privat

Herr Jüttner, Sie sind seit 1996 Bürgermeister in Schöneiche. Wann wurde zum letzten Mal Ihr Leben bedroht?

Es gab vier Jahre anonyme Drohungen. Dann stellte die Polizei den Absender: Ein 78 Jahre alter Mann, der die Morddrohungen wegen einer nicht erteilten Baugenehmigung schickte. Und es gab natürlich diese Drohungen von Rechtsextremisten.

Wann war das?

Der Höhepunkt war so ab 2008.

Was war der Auslöser?

Ganz einfach: Mein Engagement gegen Rechtsextremismus. Wir haben hier etliche jüdische Flüchtlinge aus den GUS-Staaten, also der ehemaligen Sowjetunion. Die wurden immer wieder angegriffen. Zum Beispiel wurde das Hanukkah-Fest gestört, das Lichterfest. Da haben wir uns im Ort tapfer zusammengeschlossen, und ich bin vornweg. Der Bürgermeister wird immer am deutlichsten wahrgenommen und ist das Feindbild.

Die Aktionen gingen von der örtlichen NPD aus, oder?

Ja, es war eine sehr aggressive NPD-Ortsgruppe, die hat immer wieder Neonazis aus der Region zusammengeholt, die haben dann Mahnwachen abgehalten – gegen die jüdischen Bürger, haben Feste und Veranstaltungen gestört.

Was genau haben die Täter gegen Sie persönlich unternommen?

Eines nachts, gegen Mitternacht, klingelt es an der Haustür. Als ich aus dem Fenster schaue, treten da drei vermummte junge Leute das Gartentor ein und bedrohen mich.

Was haben die gerufen?

„Volksverräter, wir kriegen dich!“ Im Internet war dann zu lesen: „Für dich ist schon eine Kugel gegossen.“ Ich sollte erschossen werden, mein Haus sollte angezündet werden.

Hatten Sie Angst um die Familie?

In der Zeit lebte ich allein. Hab mir aber vorgestellt, was wäre, wenn meine Schwester mit ihren Kindern kommt. Das wäre nicht so toll.

Wie lange ging das so?

Ich wurde auch mal bei einem Heimatfest von zwei Leuten körperlich bedroht. Die harte Phase dauerte zwei, drei Jahre.

Haben Sie überlegt, aufzugeben?

Nein.

Warum ? Pflichtbewusstsein?

Ich bin überzeugter Demokrat, muss also damit umgehen können. Ich bin auch ein pflichtbewusster Wahlbeamter…

…aber Sie haben den Nachteil, dass Sie parteilos sind.

Aber ich habe einen ganz starken Rückhalt im Ort. Es gibt eine aktive Kirchengemeinde und es gibt auch noch das Neue Forum, mit zwei Sitzen in der Gemeindevertretung. Wir haben eine starke Zivilgesellschaft.

Wie äußert die sich?

Wir hatten 2007 erfahren, an welchem Tag sich die NPD-Ortsgruppe gründen will. Über eine Telefonkette haben wir dafür gesorgt, dass alle Gaststätten im Ort so gut besucht waren, dass die NPDler keinen Platz fanden und in den Nachbarort ausweichen mussten. Es gab mehrere solcher Aktionen, dass Mahnwachen der NPD nicht stattfinden konnten, weil 300 oder 400 Leuten den Platz besetzten.

Also immer friedliche Aktionen?

Ja. Natürlich. Das hat mit meiner Geschichte zu tun. Ich komme aus der außerparlamentarischen Opposition, war in den 80er Jahren in der Friedensbewegung aktiv und hab gegen Atomkraft demonstriert. Immer gewaltfrei, da lernt man das.

Wie war nach den Drohungen die Unterstützung aus der Politik, vom Land?

In der harten Phase war sofort der Polizeipräsident bei mir und die Chefin des Verfassungsschutzes. Auch Ministerpräsident Matthias Platzeck war hier, hat ein Buch vorgestellt und die Gemeinde und mich gewürdigt. Und als wir damals, wie jedes Jahr am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedachten, kamen elf Bürgermeister aus Region zu uns und zeigten ihre Solidarität.

Im aktuellen Fall des Bürgermeisters in Sachsen-Anhalt scheint die Unterstützung zu fehlen, oder?

Da haben offenbar Ordnungsbehörden und Polizei versagt. Es darf nicht sein, das Demos von Neonazis vor dem Haus eines ehrenamtlichen Bürgermeister erlaubt werden. Ich kann verstehen, dass der Mann sich vom Staat allein gelassen fühlt und ein Zeichen setzt. Er weicht nicht vor den Neonazis zurück, sein Appell lautet: Es muss anders werden.

Wie sieht es in Brandenburg aus?

Ganz anders. Seit bestimmt zehn Jahren ist die Zivilgesellschaft richtig aktiv. Das wirkt. Es gibt zentrale und dezentrale Aktionsbündnisse gegen Rechts. Da bin ich auch aktiv. Bei solchen Fällen, wie dem jetzt in Sachsen-Anhalt, müssen sich die staatlichen Institutionen – muss sich der demokratische Rechtsstaat – profilieren und einen Bürgermeister schützen.

Es gab auch vor Ihrer letzten Wahl 2012 wieder Anfeindungen gegen Sie von ganz rechts außen.

Ja, es gab eine NPD-Kandidatin und bei Wahlveranstaltungen der NPD im Ort auch immer wieder Provokationen. Aber im Vergleich zu der Zeit davor war es relativ ruhig. Die haben hier kein Fundament. Es ist eine extreme extremistische Minderheit, die nur zwei oder drei Prozent der Stimmen bekommt.

Und was bestimmt Ihren Berufsalltag heute?

Am 2. Mai steht unser Musikfest an. An 14 Orten in Schöneiche treten Künstler ehrenamtlich auf – zum Beispiel singt der Chor in der Waschhalle der Straßenbahn, weil die eine ganz tolle Akustik hat. Das wird wieder sehr schön. Die Leute laufen von Auftrittsort zu Auftrittsort oder fahren mit dem Rad und genießen die Kunst und den schönen Ort.

Das Interview führte Jens Blankennagel.


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