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Hellersdorf: Flüchtlingskinder gehen jetzt in die Schule

In der Mensa der Alice-Salomon-Hochschule sind Flüchtlinge willkommen.

In der Mensa der Alice-Salomon-Hochschule sind Flüchtlinge willkommen.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Seit Montag gehen die ersten 20 Mädchen und Jungen aus dem umstrittenen Hellersdorfer Flüchtlingsheim zur Schule. Sie wurden mit Schultüten in Grund- und Sekundarschulen der Umgebung begrüßt. Sechs Lehrer werden in sogenannten Willkommensklassen eingesetzt, wo die Kinder zunächst Deutsch lernen sollen.

Am 19. August waren die ersten Flüchtlinge in Hellersdorf eingezogen, hässlichste Szenen spielten sich dabei ab. Denn Anwohner waren durch eine von Rechtsextremisten initiierte, vorgebliche Bürgerinitiative (BI) Marzahn-Hellersdorf aufgehetzt worden. Am Ankunftstag der Asylbewerber posierte ein Mann mit Hitlergruß. Helfer der Flüchtlinge richteten daraufhin einen Infopoint, eine Anlaufstelle, direkt gegenüber dem Heim ein.

Wachmann vor dem Heim

Vor einigen Tagen sind die Helfer abgezogen. Der Wachmann vor dem Heim spricht davon, dass es ruhig geworden ist. 150 Menschen leben in dem früheren Schulgebäude an der Carola-Neher-Straße, darunter 50 Kinder. Die Heimbewohner gingen einkaufen oder führen in andere Teile der Stadt, die Kinder spielten im Viertel. „Es ist alles ganz normal“, sagt der Security-Mann.

Nivedita Prasad, Professorin an der nicht weit entfernten Alice-Salomon-Hochschule (ASH), stimmt da nicht zu. Die indischstämmige Wissenschaftlerin war bereits mehrfach im Heim. Mit Menschen aus Pakistan kann sie in deren Muttersprache Urdu sprechen. Sie berichtet von einem jungen Pakistani, der mit Frau und eineinhalbjährigem Kleinkind nach Hellersdorf kam.

„Der Mann geht hier nur allein aus dem Haus, weil er Angst um seine Familie hat.“ Sie befürchtet auch, dass sich die Auseinandersetzungen ums Heim verlagern: „Es gibt Sorgen, dass die Schulen ein neuer Ort dafür werden.“ Die rassistisch agierende BI hatte als „Willkommensgruß“ für die Kinder der Asylbewerber ein Foto mit einer Schultüte im Internet veröffentlicht, Aufschrift: „Tschüß, war schön mit Dir“.

Prasad, die zu „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ lehrt, glaubt, dass es noch dauert bis die Flüchtlinge akzeptiert sind. „Es gibt in Deutschland Alltagsrassismus, der abrufbar und mobilisierbar ist“, sagt sie. Hellersdorf unterscheide sich da kaum von anderen, besser situierteren Stadtteilen in Berlin und anderswo – „nur die Form der Artikulation ist eine andere“.

Seminare für Heimbewohner

„Unsere ganze Hochschule steht gegen Rassismus“, sagt Professorin Theda Borde, die Rektorin der ASH. Studenten waren bereits in den letzten Wochen aktiv in der Flüchtlingshilfe. Mit Semesterbeginn am 1. Oktober wird das verstärkt. So wird es in einem Raum im Flüchtlingsheim Lehrveranstaltungen geben. „Englischsprachige Seminare können auch Heimbewohner besuchen“, sagt Nivedita Prasad.

In der Hochschule sollen ebenfalls Veranstaltungen stattfinden. Gedacht sei an einen Deutschkurs, aber auch an Kurse zur Gesundheitsförderung und an Kulturveranstaltungen, sagt Borde. Damit Frauen aus dem Heim kommen können, wollen Studenten eine Kinderbetreuung organisieren. „Und ab 1. Oktober werden wir jeden Freitag zwischen 13 und 18 Uhr unser Computerzentrum für die Flüchtlinge bereitstellen“, kündigt die Rektorin an. Die könnten dann kostenlos per Internet mit ihren Familien in den Herkunftsländern Kontakt halten. Auch die Bibliothek und die Mensa werde ihnen offen stehen.