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Herbst in Berlin: Warum Laub begehrte Biomasse ist

Laubberge: Schön anzusehen, aber auch nutzbar?

Laubberge: Schön anzusehen, aber auch nutzbar?

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dpa

Jühnsdorf -

Der Herbst ist Wolfgang Heilscher sehr willkommen, genau genommen sind es vor allem die Blätter, die seit Wochen von den Bäumen segeln. Man könnte sagen, Heilscher macht mit dem Laub sein Geld – denn der Diplom-Ingenieur betreibt eine Groß-Kompostierungsanlage im brandenburgischen Jühnsdorf. Hier endet ein Teil der Berliner Blätterpracht. 70.000 Tonnen Laub fallen pro Saison allein bei den kommunalen Einrichtungen Berlins an, schätzt die Senatsumweltverwaltung; neben den für die Parks zuständigen Bezirken macht das Laub vor allem der Berliner Stadtreinigung (BSR) zu schaffen, die für den Abwurf der Straßenbäume zuständig ist. Rund 60.000 Tonnen waren es im vergangenen Jahr, die die BSR-Truppe auf den Bürgersteigen zusammenfegte, unter den Autos hervorpustete und mit Spezialsäcken bei Privatleuten einsammelte.

Die Kompostierung der Blättermassen schreibt die BSR nach Angaben ihres Sprechers alle drei, vier Jahre europaweit aus. Bei der jüngsten Runde machten acht Anbieter aus Brandenburg die günstigsten Angebote, darunter die Firma „Pro Arkades“ von Wolfgang Heilscher. Da die Herstellungskosten des Komposts höher sind als sein Verkaufserlös, müssen die Blattlieferanten für die Verwertung bezahlen. Knapp 25 Euro pro Tonne kostet das, verrät das Grünflächenamt des Bezirks Mitte.

Allerdings werden seit einiger Zeit in Berlin auch Alternativen zur Kompostierung geprüft, unter anderem weil bei der Verrottung klimaschädliche Gase entstehen können. So wurde dieses Jahr erstmals Laub in der Abfallverwertungsanlage Rüdersdorf verbrannt. Der Test sei positiv verlaufen, so die Senatsumweltverwaltung. „Es wurden keine Veränderungen der Emissionen oder hinsichtlich der Reststoffe festgestellt“, berichtet Pressesprecherin Petra Rohland. Daher soll der Test im November fortgesetzt werden. Zuvor war der Versuch gescheitert, Laub im Holzheizkraftwerk Neukölln zu verbrennen. Die Blätter hatten auf dem Weg zum Kesselraum Verstopfungen ausgelöst, berichtet Kraftwerksbetreiber RWE.

Zu Kohle gemacht

Der Energiekonzern Vattenfall wiederum hat mit sogenannter Biokohle aus Laub experimentiert. Zugrunde liegt ein chemisches Verfahren namens Hydrothermale Carbonisierung (HTC). Dabei wird die Entstehung von Braunkohle, die in der Natur Millionen Jahre dauert, technisch im Schnelldurchlauf nachgeahmt. In Teltow betreibt die Firma Carbon Solutions eine der nach Unternehmensangaben ersten HTC-Versuchsanlagen Europas. Dort ließ Vattenfall Laub „carbonisieren“. Zwar klappte die Umwandlung in sogenannte Biokohle, aber beim Verfeuern in den Kraftwerken Moabit und Reuter-West (Spandau) traten Probleme auf, berichtet Firmensprecher Hannes Hönemann. Die Steinkohle-Kraftwerke hätten den neuartigen Brennstoff nicht vertragen. „Das ist so, wie wenn man ein Dieselauto mit Benzin betankt“, so Hönemann. „Die gute Idee war damit vom Tisch.“

Im Umweltbundesamt (UBA) hält man wenig von diesen Brennstoff-Versuchen. Die Kompostierung des Laubs sei gesamtökologisch betrachtet die beste Verwertungsform, sagt UBA-Experte Tim Hermann, denn der Kompost versorge die Erde wieder mit Nährstoffen und könne dazu beitragen, den Torfabbau zu reduzieren.

Die Betreiber der entsprechenden Anlagen in Brandenburg werden das gerne lesen. Und sie werden erleichtert sein, dass die BSR ihrem Firmensprecher Sebastian Harnisch zufolge trotz der Alternativen zunächst an ihrer bisherigen Verwertungsmethode festhalten will. Für die Kompost-Branche ist das Laub inzwischen wichtiger als früher, erklärt Richard Fronia, der Geschäftsführer der für Berlin und Brandenburg zuständigen Gütegemeinschaft Kompost. Denn ein bedeutender Rohstoff ist den Profi-Kompostierern bereits abhanden gekommen: der Inhalt der Berliner Biotonnen. Seit Sommer 2013 vergärt die BSR die Küchenabfälle in einer Anlage in Ruhleben zu Biogas; eine Methode, für die sich die Blätter der Bäume nicht eignen.

Heiße Sache

„Seit die Biotonnen nicht mehr zu uns kommen, konzentrieren wir uns vermehrt auf Laub, auch wenn sich das schwerer kompostieren lässt“, sagt Wolfgang Heilscher, der Chef des Humus- und Erdenwerks in Jühnsdorf. Damit die Blätter gut verrotten und sich keine klimaschädlichen Gase bilden, müssen sie mit anderem Biomaterial vermischt werden, erklärt der 48-Jährige. Er zeigt auf zerkleinerte Zweige und Wurzeln. Heilscher nennt es „geimpftes Material“, weil darin schon viele Mikroorganismen leben. Mit diesem Holz werden seine Mitarbeiter das geschredderte, von Verunreinigungen gesäuberte Berliner Laub vermischen und zu einer Miete aufschichten.

Ein halbes Dutzend dieser professionellen Komposthaufen türmen sich gut drei Meter hoch auf dem Firmenareal. Wenn sich Bakterien und Pilze an ihre Zersetzungsarbeit machen, entstehen Temperaturen bis zu 60 Grad. Dadurch werden Krankheitserreger und auch die Miniermotten abgetötet. Jeden Tag werde die Wärmeentwicklung in den Mieten mit einem Stechthermometer gemessen, sagt der Umweltverfahrentechniker. Wird eine zu heiß, wird sie bewässert oder auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Sinkt die Temperatur nach sechs bis neun Monaten, dann ist es ein Zeichen dafür, dass der Kompost fertig ist.

Seit gut zehn Jahren ist dieser Prozess Heilschers Geschäft, trotzdem gerät er noch ins Staunen: „Es ist immer wieder ein Wunder, was die Natur schafft.“ Sie macht aus 60 000 Tonnen BSR-Laub rund 40 000 Tonnen Kompost – in Jühnsdorf etwa erhältlich als „Fläming Gärtnererde Premium“.