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Herrenlose Fahrräder in Mitte: Herr Krüger räumt auf

Kontaktbereichsbeamter Christian Krüger in der Fahrradwerkstatt des gemeinnützigen Vereins Goldnetz. Dort werden seine herrenlosen Fundstücke von Langzeitarbeitslosen für den Verkauf flott gemacht.

Kontaktbereichsbeamter Christian Krüger in der Fahrradwerkstatt des gemeinnützigen Vereins Goldnetz. Dort werden seine herrenlosen Fundstücke von Langzeitarbeitslosen für den Verkauf flott gemacht.

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Markus Wächter

Berlin -

Wenn Christian Krüger an einer Ampel wartet und ihm bei rot eine Fußgängerin entgegenkommt, dann hebt er drohend den Finger. Aber er lächelt dabei. Und die Ertappte zieht schuldbewusst die Schultern hoch. Denn Christian Krüger trägt Uniform. Er ist Kontaktbereichsbeamter in Mitte, einer von 21. Und er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Täglich dreht er in dem Kiez zwischen Torstraße, Alter Schönhauser, Münz-, Roch-, Dircksen- und Karl-Liebknecht-Straße seine Runden und achtet auf Regelverstöße aller Art. Sein besonderes Augenmerk gilt in dieser Gegend den Fahrrädern. Nicht nur den geklauten. Auch den herrenlos abgestellten. Davon profitiert der gemeinnützige Verein Goldnetz.

Sorge um Stadtbild und Ordnung

Christian Krüger nennt es Frühjahrsputz. Im April hat er wieder 44 Fahrräder von Goldnetz abtransportieren lassen. Abgestellt auf Parkplätzen, in Wohnsiedlungen, an Fahrradständern, Laternen oder Zäunen. Denn die Räder blockieren die Plätze für andere und verschandeln das Stadtbild, findet der 49-jährige Polizeihauptkommissar. Und das finden auch Hausverwaltungen und Geschäftsleute in seinem Karree, mit denen er – das ist schließlich seine Aufgabe – regen Kontakt pflegt. Und Christian Krüger tut das auch gerne. Er will wissen, was vor sich geht und für Ordnung sorgen.

Schon mit 18, nach dem Abitur, ging er zur Polizei. Erst arbeitete er in Charlottenburg. Nach dem Mauerfall war er einer der ersten „West-Polizisten“, der im Abschnitt 31 in Mitte seinen Dienst antrat. Jahrelang war er in der Brunnenstraße einer der Wachleiter im Schichtdienst. Nach gesundheitlichen Problemen wechselte er vor zwei Jahren auf die Straße. Es hat ihm gut getan, meint Krüger. Er ist jetzt einer der ganz wenigen Kobs mit drei Sternen auf der Schulterklappe.

Die Geschichte mit den Rädern hat natürlich viel mit Christian Krügers rund einen Quadratkilometer großen Einsatzbereich in Mitte zu tun. Hier ist das Fahrrad eines der häufigsten Verkehrsmittel. Es gibt auch viel Ärger darum. Mit den Fußgänger bedrängenden Rowdys. Oder mit Leuten wie der jungen Frau, die ins Gespräch vertieft mit ihrem Fahrrad quer auf dem Bürgersteig steht. Freundlich aber bestimmt bittet Krüger die Frau, doch auch auf ihr Umfeld zu achten. Sie schiebt ihr Rad etwas missmutig zur Seite. Die Achtlosigkeit im Umgang miteinander, die Rücksichtslosigkeit hat zugenommen, sagt der Polizist. Das ärgert ihn.

Bei seinen täglichen Runden fallen dem Kontaktbereichsbeamten die zahllosen Fahrräder auf, die über Monate an der gleichen Stelle dahinrotten. Dann schreibt er sich die Rahmennummer auf und kontrolliert im Computer, ob sie gestohlen gemeldet sind. „Wenn ich sehe, dass mehr als ein halbes Jahr gar nichts mehr passiert, dann gilt das Rad als herrenlos. Das Eigentum wurde aufgegeben“, sagt Krüger. Verstehen kann er das nicht. Denn es handelt sich keineswegs nur um Schrott. „Da sind viele gute Räder darunter, mit moderner Kettenschaltung. Sogar ein intaktes Kinderfahrrad war diesmal dabei. Wie kann man so etwas einfach vergessen?“ Nur einmal ist es Krüger bisher passiert, dass sich jemand bei der Polizei nach einem abtransportierten Rad erkundigt hat.

Großeinsatz mit Winkelschleifer

Den Zeitpunkt seines Frühjahresputzes koordiniert der Kontaktbereichsbeamte mit Anja Ludwig. Die leitet die Fahrradwerkstatt des Vereins Goldnetz in einem Hinterhof in der Dircksenstraße 47. Zehn Langzeitarbeitslose arbeiten dort alte Fahrräder auf oder sichern brauchbare Ersatzteile. Wenn Goldnetz genug Platz auf dem Hof hat, räumt Christian Krüger in seinem Quartier auf: Die Vereinsmitarbeiter rücken dann mit Laster und Winkelschleifer zum Einsammeln der „vergessenen“ Räder aus. Damit niemand auf die Idee kommt, es handle sich um Fahrraddiebstahl im großen Rahmen, ist Krüger in Uniform immer dabei. Auch in Charlottenburg und Spandau unterhält Goldnetz Werkstätten. Aber der meiste Nachschub kommt aus Mitte, sagt Anja Ludwig. Befragt nach dem exquisitesten Stück, sind sich die Werkstattleiterin und ihr Kob einig: Das war das Liegefahrrad im vergangenen Jahr.

Die aufgearbeiteten Räder werden von Goldnetz an Bedürftige mit weniger als 900 Euro Einkommen verkauft. Die Ausbeute vom Frühjahrsputz wird am 12. Mai auf Sozialmärkten auf dem Nettelbeckplatz in Wedding und auf dem Klausenerplatz in Charlottenburg angeboten. Für Nachschub ist schon gesorgt: „An der Alten Schönhauser habe ich sechs Räder im Auge“, sagt Christian Krüger. „Die stehen da schon seit über drei Monaten. Aber für den Abtransport war es noch zu früh.“


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