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Hilfe für Opfer von Genitalverstümmelung: „Ich bin jedes Mal völlig fassungslos“

Waris Dirie, die somalische Aktivistin gegen Genitalverstümmelung, war bei der Eröffnung des „Desert Flower Centers“ am Krankenhaus Waldfriede im September 2013 dabei.

Waris Dirie, die somalische Aktivistin gegen Genitalverstümmelung, war bei der Eröffnung des „Desert Flower Centers“ am Krankenhaus Waldfriede im September 2013 dabei.

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dpa/Stephanie Pilick

Berlin -

Weltweit leiden Schätzungen zufolge rund 150 Millionen Mädchen und Frauen unter den Folgen von Genitalverstümmelungen. Darauf machte die Stiftung Weltbevölkerung anlässlich des Internationalen Tages gegen Genitalverstümmelung an diesem Donnerstag aufmerksam. In Berlin gibt es seit September im Krankenhaus Waldfriede in Zehlendorf eine Anlaufstelle für Frauen, die wegen dieses grausamen Rituals unter Entzündungen, Inkontinenz und Fisteln leiden und oft schwer traumatisiert sind. Cornelia Strunz ist Fachärztin für Chirurgie und erste Ansprechpartnerin für diese Frauen, die im „Desert Flower Center“ Rat und Hilfe suchen.

Frau Doktor Strunz, wie viele Frauen haben seit der Eröffnung des Zentrums bei Ihnen Rat gesucht?

Bisher waren 24 Betroffene bei uns in der Sprechstunde, im Alter von fünf bis Mitte vierzig. Acht sind operiert worden. Es kommen jetzt immer mehr Anfragen. Es spricht sich herum, dass es uns gibt. Auch Gynäkologen schicken Betroffene zu uns. Allein in Deutschland leben 50 000 Frauen mit Genitalverstümmelungen. Neulich war eine Mutter mit ihrer fünfjährigen Tochter bei mir. Sie hatte Angst, dass das Kind bei einem Heimatbesuch in Somalia beschnitten worden wäre. Wir haben sie untersucht. Zum Glück war sie unversehrt.

In Deutschland steht die Beschneidung von Mädchen unter Strafe. Wird sie trotzdem vorgenommen?

Ja, es gibt auch bei uns Beschneiderinnen aus Afrika. Aber so einen Fall hatten wir in unserem Zentrum noch nicht.

Woher kommen die Frauen, die bei Ihnen Hilfe suchen?

Sie sind afrikanischer Herkunft, aber die meisten leben in Deutschland, einige in Berlin. Manche waren Asylbewerberinnen. Die ersten beiden Patientinnen waren aus Dschibuti und aus Äthiopien.

Wer übernimmt die Kosten für die Behandlung?

Die Krankenkassen, bei Asylbewerberinnen das Sozialamt. Ansonsten kommt eine Stiftung dafür auf.

Ist das Zentrum auf dem Krankenhausgelände in einem separaten Bereich untergebracht?

Nein, es ist integriert in eine ganz normale Station für die Behandlung von Dick- und Enddarmerkrankungen. Nur dass im Zimmer von Chefarzt Roland Scherer eine Afrikakarte hängt. Er ist Spezialist für Enddarm-erkrankungen und hat oft auch rectovaginale Fisteln bei Beschneidungsopfern behandelt. Er wollte helfen. So kam der Kontakt zu unserer Schirmherrin Waris Dirie zustande, die das Thema durch ihren Roman „Wüstenblume“ weltweit bekannt gemacht und eine Stiftung gegründet hat.

Was hat Sie in den Gesprächen mit den Betroffenen am meisten erschreckt?

Ich bin jedes Mal wieder völlig fassungslos, was diesen Frauen angetan worden ist. In den Erstgesprächen versuche ich zunächst heraus- zubekommen, was ihr konkretes Anliegen ist. Ob sie eine Operation anstreben oder vor allem psychosoziale Hilfe brauchen. Oft ist eine längere Beratung nötig. Meist haben die Frauen chronische Beschwerden, die sie schon viele Jahre ertragen. Das Gewebe ist verhärtet, die Narben bereiten ständige Schmerzen.

Wie lange müssen die Frauen auf einen Termin warten?

Bei mir in der Sprechstunde geht das sehr schnell, schon in wenigen Tagen. Für die medizinische Behandlung haben wir inzwischen eine Wartezeit von über zwei Monaten. Doktor Roland Scherer ist der Experte für die Behandlung der Fisteln. Für die Rekonstruktion der Klitoris kommt ein Mal im Monat Doktor Pierre Foldès zu uns. Er hat weltweit die meisten Erfahrungen in diesem Bereich und arbeitet in einer Klinik in Paris.

Was bedeuten diese Operationen für die Frauen?

Nach etwa einem halben Jahr verbessert sich das Sexualempfinden. Das Entscheidende ist aber, dass die Frauen das Gefühl haben, ihre Identität zurückzugewinnen. Viele schämen sich, haben Angst, sich auszuziehen. Sexuellen Kontakt verbinden sie nur mit Schmerzen. Die meisten Frauen, die in die Sprechstunde kommen, sind Alleinerziehende mit Kindern – ohne Partner.

Wie werden die Frauen auch psychologisch betreut?

Die Seelsorgerin und Pastorin im Krankenhaus Waldfriede, Gabriele Stangl, ist eine wichtige Partnerin. Auch die Kenianerin Evelyn Brenda, die sich schon lange gegen Genitalverstümmelung einsetzt, berät bei uns beschnittene Frauen. Ein erster Schritt ist immer, Ängste zu nehmen. Ab dem 1. März wollen wir regelmäßige Informationstage veranstalten.

Das Gespräch führte Andrea Beyerlein.


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