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Hilfsangebote für Bedürftige: Obdachlose und Flüchtlinge buhlen um Notunterkünfte

In der Bahnhofsmission am Zoo können sich Obdachlose eine warme Mahlzeit abholen und Zuwendung sowie frische Kleidung erhalten.

In der Bahnhofsmission am Zoo können sich Obdachlose eine warme Mahlzeit abholen und Zuwendung sowie frische Kleidung erhalten.

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imago stock&people

Der Sonntag war mit mehr als 20?Grad Celsius noch einmal richtig schön warm, aber jahreszeitgemäß kündigt der Wetterbericht für diese Woche Regen und Kühlschranktemperaturen unter 10 Grad an. Für die meisten Berliner kein Problem, sie drehen einfach ihre Heizung an. Für viele der über 11.000 Wohnungslosen, die ohne gesichertes Mietverhältnis in der Statistik der Senatssozialverwaltung stehen, vor allem aber für die Obdachlosen, die ihr Leben komplett auf der Straße fristen, beginnt die härteste Zeit des Jahres. Wie hoch ihre genau Zahl ist, weiß niemand so genau, geschätzt sind es mehrere tausend.

Vor der Bahnhofsmission auf der Rückseite des Bahnhofs Zoo bilden sich nicht nur vor der Essen- oder Kleiderausgabe lange Schlangen, ein provisorisches Vordach über den Wartenden hält den Regen notdürftig ab. Die Situation gleicht auf den ersten Blick der in den Vorjahren. Aber derzeit entwickelt sich eine Konkurrenz im Armuts-Sektor – zwischen den zu tausenden in die Stadt kommenden Flüchtlingen und denen, deren prekäre Situation den Stempel Made in Berlin trägt: Menschen, die aus ihren Wohnungen geflogen sind, weil die Eigentümer die Mieten in unbezahlbare Höhen treiben. Die ihre Arbeit und ihren Partner verloren haben und die danach zu oft Trost in Alkohol oder anderen Drogen suchen.

Wer von ihnen auf der Straße landet, kann zwischen dem 1. November und dem 31. März auf die Berliner Kältehilfe rechnen, die knapp 500 Schlafplätze in unterschiedlichen Einrichtungen umfasst. Etwa 60 Plätze sind es im Gebäude der Stadtmission an der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof. Doch die Plätze sind seit Wochen mit Flüchtlingen, unter anderem aus Syrien, belegt, die das überlastete Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) dort einquartiert hat – vorübergehend, wie Karen Holzinger von der Berliner Stadtmission betont. Mit Beginn der Kältehilfe-Periode müssen die Flüchtlinge die Räume verlassen.

Hilfe für Oranienplatz-Flüchtlinge

Plätze für Hilfesuchende sind knapp geworden in Berlin. Zwar handelt es sich bei Asylbewerbern und Wohnungslosen rechtlich und was die staatliche Finanzierung betrifft um unterschiedliche Gruppen, aber ihre prekäre Situation ist ähnlich. „Deshalb versuchen wir, denen zu helfen, die in akuter Not zu uns kommen. Dies gilt für alle: Flüchtlinge, Obdachlose und EU-Migranten,“ sagt Karen Holzinger. Aber angesichts der Lage sei man immer wieder überfordert: „Eine der Flüchtlingsgruppen vom Oranienplatz, die ihre Unterkünfte verlassen mussten, tauchte dann, von der Polizei geschickt, eines Abends vor unserer Notunterkunft an der Franklinstraße auf. Das waren rund 30?Menschen, das hat unseren Rahmen völlig gesprengt. Die konnten wir nicht aufnehmen,“ berichtet Holzinger.

Ihr schwant auch, was passiert, wenn Serbien, woher derzeit viele Asylbewerber stammen, von der Bundesregierung zum sicheren Land erklärt wird. „Dann werden die Menschen trotzdem kommen. Sie werden dann aber nicht mehr als Flüchtlinge vor dem Lageso Schlange stehen, sondern bei uns vor den Notunterkünften.“ Bereits jetzt sind rund zwei Drittel der dortigen Klientel Osteuropäer: Polen, Rumänen, Bulgaren.

Bezahlbare Wohnungen sind knapp

Berlin verfüge zwar über ein gutes Angebot von Hilfeleistungen für Wohnungs- und Obdachlose, konstatiert Ina Zimmermann vom Diakonischen Werk. Senat, Bezirke und freie Träger sowie kleinere und größere ehrenamtliche Initiativen wie die Berliner Obdachlosenhilfe kümmern sich um Schlafplätze und Betreuung. Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission, kann sich zudem über die vielen Freiwilligen freuen, die ihre Hilfe anbieten und über die Spenden, die viele Berliner vorbeibringen.

Aber gegen Wohnungslosigkeit helfen letztlich nur bezahlbare Wohnungen. Die fehlen. Es werde immer schwieriger, eine sichere Bleibe für Menschen zu finden, die nach einem Leben auf der Straße soweit stabilisiert sind, dass sie wieder ein eigenständiges Leben führen könnten, sagt Holzinger. „Wenn ein Vermieter für eine Wohnung 50 Bewerber hat, sucht er sich lieber einen problemlosen, solventen Mieter aus“, sagt Ina Zimmermann. Die Folge: Viele andere, die vergeblich nachfragen, landen auf der Straße und damit in der Abwärtsspirale aus Obdachlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verwahrlosung.

Obdachlosigkeit entsteht meist nicht plötzlich. Dieter Puhl zitiert eine Untersuchung der Universität München, wonach Menschen, die wohnungslos werden, etwa 6,5 Jahre zuvor in ihrem Umfeld auffällig geworden sind. Puhl: „Wir müssen uns als Gesellschaft früher kümmern, bevor diese Leute auf der Straße landen“.