blz_logo12,9

Hindus: Kraft tanken im Murugan-Tempel in Britz

Hindu-Tempel Murugan

Wir haben dem Murugan Tempel in Neukölln einen Besuch abgestattet.

Foto:

imago/Jürgen Ritter

Berlin -

Die Frau hält die Hände gefaltet, ihre Augen sind geschlossen, sie spricht leise zu sich. Mit nackten Füßen steht sie auf dem geheizten Kachelfußboden des Murugan-Tempels in Britz. Ein Priester im gelben Gewand und mit vielen Ketten am freien Oberkörper singt ein Mantra, die Frau stellt eine brennende Öllampe in einer Schale mit Butterschmalz vor einer Götterstatue ab. Dann wischt sie mit einem Taschentuch ihre Tränen fort. „Ich glaube, dass Gott mir hilft, damit alles gut wird“, sagt sie.

In den Murugan-Tempel mit seinen reich verzierten und fantasievoll bemalten Aufbauten kommen jeden Tag viele Menschen. Sie bitten Murugan und weitere Heilige um Hilfe. Es ist der erste frei stehende Hindu-Tempel in Berlin, etwa 240 Quadratmeter groß. Vor drei Jahren wurde das Gotteshaus in einer zweitägigen Zeremonie feierlich eröffnet. Elf Priester und zwei Hindu-Oberpriester waren deswegen angereist, sie rieben Statuen mit Sesamöl, Milch und heiligem Gras ein, das Tempeldach weihten sie mit 108 Wassertöpfen und für das Prozedere liehen sie eine Kuh. In ihr wohnen die Götter, sagen die Hindus. Sie ist heilig.

Nadarajah Thiagarajah vor dem Tempel

Nadarajah Thiagarajah lädt auch Besucher in den Britzer  Tempel ein.

Foto:

David Olivera

„Dieser Tempel symbolisiert unsere Heimat“, sagt Nadarajah Thiagarajah. Der 69-Jährige ist der Vorsitzende des Tempel-Vereins, zu ihm kommen viele der etwa 600 Mitglieder, die regelmäßig mit ihren Familien den Tempel besuchen. Die meisten Gläubigen stammen aus Indien und Sri Lanka, sie flohen einst vor dem Bürgerkrieg und kamen als Gastarbeiter nach Deutschland und West-Berlin. Thiagarajah diente einst in Sri Lanka als Offizier der britischen Armee, bevor er 1981 nach Berlin wechselte. Vier Jahre später folgten ihm seine Frau mit den vier Kindern, ein fünftes wurde später in Berlin geboren. Thiagarajah trug Zeitungen aus und führte ein Restaurant.

Mit einer Gruppe tamilischer Hinduisten baute er in den 80er-Jahren einen Kellerraum in der Kreuzberger Urbanstraße zum Gebetsraum um. Als der heilige Keller saniert werden musste und auch längst nicht mehr genügend Platz bot – in Berlin leben etwa 6000 Hindus – kaufte der Verein im Jahr 2009 an der Blaschkoallee, Ecke Riesestraße ein freies Grundstück. Für 800.000 Euro errichteten indische Architekten und Handwerker einen traditionellen Hindu-Tempel. Mit Spenden und einem Bankkredit finanzierten die Hindus den Bau im südindischen Stil.

Zweitgrößte Tempel Europas

Thiagarajah sagt, die Gläubigen kämen in den Tempel, weil sie viele Gedanken im Kopf haben, so manche Sorgen und Probleme. „Im Tempel konzentrieren wir uns auf die Götter. Wir beten zu ihnen und kommen zur Ruhe“, sagt er. Wichtigster Gott ist Murugan, einer von vielen Millionen Göttern, die der Hinduismus kennt. Murugan ist ein Kriegsgott, er kämpft gegen Dämonen, böse religiöse und weltliche Kräfte. Thiagarajah erklärt, Murugan sei der wahre Vorstand des Tempelvereins. „Er bestimmt, was passiert. Ich bin nur sein Sprecher.“

Der Tempel ist täglich für Gläubige und für Besucher geöffnet (7.30–12.30 Uhr, 16.30 –19.30 Uhr). Im Vorraum ziehen Besucher die Schuhe aus, fotografieren ist verboten, Handys sollten nicht klingeln.

Drei indische Priester arbeiten im Tempel. Mit Zeremonien, Gesängen, Meditationen und Waschungen, mit Opfergaben wie Gewürzen und frischen Früchten ehren sie sechs Mal am Tag die Götter. Die Gläubigen veranstalten lange Zeremonien und Feste, sie feiern die Geburtstage ihrer Götter, wie sie der Mondkalender festlegt. Dann verbringen die Hindus die ganze Nacht mit Gebeten, Glockenläuten und Gesängen, sie trinken Tee und Milch, und frühstücken gemeinsam am Morgen. Das Beten in Gemeinschaft gebe Kraft, sagt Thiagarajah.

Etwa fünf Kilometer weiter nördlich, am Rand der Neuköllner Hasenheide, steht ein grauer Rohbau für das 18 Meter hohe Portal zum Sri Ganesha Tempel. Doch die Bauarbeiten ruhen. Im Frühjahr soll das Portal fertig sein, versichert Vilwanathan Krishnamurthy, Vize-Präsident des Vereins. Dann beginnt wohl auch der Bau des Hauptgebäudes. Der Tempel soll einmal der zweitgrößte Tempel Europas werden. Solange besuchen die Gläubigen den Tempel in Britz. Murugan und Sri Ganesha sind Brüder.