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Hipster Antifa Neukölln: Für mehr Soja-Latte und Bio-Märkte

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Die Gruppe will nicht erkannt werden. Aber sie will reagieren – auf die aktuelle Gentrifizierungskritik, die in ihren Augen zunehmend fehlläuft.
Die Gruppe will nicht erkannt werden. Aber sie will reagieren – auf die aktuelle Gentrifizierungskritik, die in ihren Augen zunehmend fehlläuft.
Foto: Markus Wächter
Berlin –  

Die Gruppe Hipster Antifa Neukölln dokumentiert Angriffe auf Touristen und Zugezogene und plädiert für die Aufwertung von Kiezen. Sie wollen gegen gefährliche Tendenzen in den Bezirken und auf sinnvolle Weise gegen steigende Mieten vorgehen.

Sie nennen sich Hipster Antifa Neukölln, sind erst seit zwei Monaten aktiv und werden schon heftig angefeindet. Bei Facebook und Twitter dokumentieren sie verbale und körperliche Angriffe gegen Touristen, Hipster und Zugezogene. Sie wehren sich gegen diese Art der Gentrifizierungskritik, die aus einigen linken Gruppen kommt.

Ihr seid mit dem Slogan „Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wi-Fi und Bio-Märkte!“ angetreten. Seid ihr also alle Hipster und für Gentrifizierung? Findet ihr Mieterhöhungen und die Abwanderung von sozial Schwächeren o.k.?

Ja genau, und wir rennen alle mit Hornbrillen und Stoffbeuteln rum. Nein, tatsächlich ist unser Klamottenstil eher durchschnittlich. Dass wir uns Hipster Antifa Neukölln nennen, ist natürlich eine gezielte Provokation, ebenso wie der Slogan. Aber wir sind tatsächlich für die Aufwertung von Kiezen, nämlich dann, wenn bestimmte Projekte dazu beitragen, die Lebensqualität zu steigern, wie zum Beispiel ein linkes Café mit moderaten Preisen.

Wen wollt ihr mit der positiv besetzten Kiezaufwertung provozieren?

Wir wollen diejenigen provozieren, die Hipster, aber auch Touristen und Zugezogene dafür verantwortlich machen, dass die Mieten steigen, die ihnen die Schuld an der Gentrifizierung geben. In vielen linken Gruppierungen gilt die Auffassung, Hipster und Touris oder auch Studenten und Künstler seien das Problem. Sie seien schuld, dass sich andere ihre Wohnungen nicht mehr leisten können. Auch die Stimmung auf der Straße geht in diese Richtung. Linker Aktionismus, der sich früher stärker gegen Staat und Polizei richtete, wendet sich heute, zumindest hier in Berlin, auch gegen Zugezogene und Hipster. Das ist aber viel zu einfach gedacht.

Warum ist das zu einfach gedacht?

Auch Künstler und Studenten haben in der Regel nicht viel Geld, auch sie können sich keine horrenden Mieten leisten.

Aber machen nicht Studenten und Künstler einen Bezirk zu einem angesagten Bezirk? Dadurch werden Investoren angelockt und irgendwann können sich nur noch Leute mit Geld die Wohnungen leisten.

Gentrifizierung ist ein Prozess, der seit Jahren stattfindet, nicht erst, seit Studenten oder Hipster in bestimmte Gegenden ziehen. Die Kritik müsste viel breiter angelegt sein. Wir fragen uns, ob nicht der Begriff Gentrifizierung viel tiefer liegende Strukturen verdeckt, nämlich kapitalistische Verwertungszusammenhänge. An unserer Gesellschaft, in der derjenige, der das Geld hat, sich alles kaufen kann, sind doch nicht Hipster und Studenten schuld. Das heißt aber nicht, dass Mieterhöhungen einfach hingenommen werden müssen. Wir gestehen es jedem zu, sich dagegen zu wehren. Das würde jeder von uns auch tun.

Das heißt, ihr kritisiert auch Gentrifizierungsprozesse, aber ihr lehnt ab, wie die Debatte geführt wird?

Ja. Touristen Angst einzujagen, damit sie nicht mehr herkommen, Kinderwagen von Zugezogenen anzuzünden oder Investoren zu verschrecken, in dem man die Scheiben ihrer Büros einschmeißt, ist der falsche Weg. Gerade erst wurde ein neues Hotel in der Boxhagener Straße mit Farbe besprüht, Parolen wie „Touristen fisten“ oder „Hipster verpisst euch“ findet man überall in der Stadt. Solche Aktionen führen nicht zum Ziel. Dadurch werden doch nicht Mieten gesenkt!

Und was wäre ein sinnvoller Protest gegen steigende Mieten?

Das Kotti-Camp zum Beispiel, wo die Demonstranten seit Wochen ausharren und versuchen, mit öffentlichem Protest die Politik zu erreichen. Viele aktuelle Tendenzen der Gentrifizierungskritik sind von Ressentiments gegenüber Touris, Zugezogenen und Hipstern bestimmt. Mit den inneren Widersprüchen in diesen Ressentiments befasst sich kaum einer.

Welchen inneren Widersprüchen?

An einen Kinderladen in Neukölln hat jemand „Verschwinde, Du wertest den Kiez auf!“ gesprüht. Die Besitzerin hat darunter geschrieben: „Ich bin Migrantin und wohne seit 20 Jahren hier.“ Daran sieht man, dass die militanten Gentrifizierungskritiker an die Grenzen ihrer eigenen Logik stoßen. Ab wann ist man ein echter Berliner und darf ein Café oder einen Laden aufmachen? Wer darf das nicht? Wie erkennt man einen Touristen? Und wie unterscheidet man ihn von jemandem, der vor zehn Jahren aus den USA hierher gezogen ist? Solche Fragen hat bisher noch niemand zufriedenstellend beantwortet. Weil man sie nicht beantworten kann.

Glaubt Ihr, dass sich die Aggressionen in Zukunft verschärfen?

Das würden wir nicht ausschließen. Freunde von uns sind im Görlitzer Park mit Flaschen beworfen und als Touristen beschimpft worden, nur weil sie etwas schicker angezogen waren. Es gibt in jedem Fall eine virulente Gefahr, dass sich die Angriffe auf Hipster, Touris und Zugezogene radikalisieren. Der ein oder andere kommt vielleicht auf die Idee, ein neues Hotel einfach mal anzuzünden oder Menschen tätlich anzugreifen.

Das wollen wir verhindern. Deswegen haben wir uns gegründet: Wir kritisieren die gefährlichen Tendenzen, die wir beobachten, wollen zum Nachdenken anregen. Es ist wichtig, dass die Debatte, in was für einer Stadt wir leben wollen, geführt wird. Aber es ist auch wichtig, dass sie differenziert, ohne einfache Schuldzuweisungen geführt wird.

Das Interview führte Katharina Wagner

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