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Hipster-Opa Günther Anton Krabbenhöft: „Alle sehen so öde aus“

Immer elegant: Günther Anton Krabbenhöft hat es zu Berühmtheit gebracht.

Immer elegant: Günther Anton Krabbenhöft hat es zu Berühmtheit gebracht.

Foto:

Christian Schulz

In Kreuzberg war er schon bekannt, seit einer Fotoaktion im Sommer wurde Günther Anton Krabbenhöft, geboren in Göttingen, auch über die Stadtgrenze hinaus zum Star. Nicht zuletzt wegen seines auffälligen Äußeren, das ihn von anderen Männern seines Alters deutlich abhebt. Der 70-Jährige wurde schnell zum „ältesten Hipster Kreuzbergs“ gekürt, einen Titel, den Krabbenhöft dämlich findet. Im Interview erzählt der Mann, der eines der aktuellen Gesichter der Google-Werbung ist, von anarchistischen Zeiten, Wohnungsnöten, egoistischen Mitmenschen und warum die Jugend genauso langweilig aussieht wie die ältere Generation.

Herr Krabbenhöft, seit wann leben Sie eigentlich in Berlin?

Seit 1968. Zuerst habe ich in Wedding gelebt, schon damals war es sehr schwierig, eine Wohnung zu finden. Man hatte mir einen Tipp gegeben, und als ich zu der Adresse kam, war da gerade die Trauergesellschaft der verstorbenen Vormieterin. Ich dachte aber, wenn ich nicht klopfe, dann tut es ein anderer und bekommt den Zuschlag. So habe ich diese Wohnung bekommen, ich musste halt alle Sachen von der verstorbenen Vormieterin übernehmen.

Warum kamen Sie nach Berlin? So attraktiv schien die Stadt in den 60ern ja nicht zu sein.

Ich habe auf einen Platz gewartet auf dem Kreuzfahrtschiff „Hamburg“ als Koch. Das war in Berlin eine Art Warteposition, aber dann kam alles ganz anders, und ich bin geblieben. In Kreuzberg lebe ich nun auch schon seit fast 30 Jahren, in den 80ern habe ich zusammen mit meinen Mitbewohnern ein ehemals besetztes Haus in SO36 saniert, und in diesem Haus lebe ich immer noch. Es ist eine Art Hauswohngemeinschaft.

Klassische Kreuzberger Verhältnisse, wenn man so will.

Ja, genau. In den 80er-Jahren wurde das ja auch gefördert, man versuchte, mit der staatlichen Förderung die besetzten Häuser sozusagen zu befrieden. Die Häuser abzureißen und Neubauten hinzusetzen, wäre für die Wohnungsbaugesellschaften zwar lukrativer gewesen. Aber die Häuser mit Eigenhilfe der zukünftigen Nutzer zu sanieren, war viel billiger. Saniert haben ja oft die Mieter selbst, wie auch in unserem Fall.

Hat sich Kreuzberg sehr verändert in diesen drei Jahrzehnten?

Was für eine Frage, natürlich! Und nicht immer zum Vorteil. Auch mein Kiez, also das Gebiet zwischen Kottbusser Tor und Admiralbrücke, wurde komplett umgewälzt, obwohl das nie als „gute“ Gegend galt. Aber auch hier wohnen nun junge Unternehmer und Leute aus dem Kreativbereich. Vorher war hier vieles etwas tot, aber rund um den Kotti ist es wilder geworden. Letztes Jahr haben wir Anwohner zum ersten Mal beschlossen, dass wir uns unsere Straße zurückerobern wollen und haben Tische auf die Straße gestellt und Party gemacht. Man kann das ja nicht alles den Touristen überlassen.

Sind Sie eigentlich gerne Kreuzberger?

Mittlerweile ja. Ich liebe es, und ich hasse es. Man ärgert sich oft, kann aber doch nicht ohne sein. Es ist natürlich anstrengend, dieses sich fortwährend mit seinen Mitmenschen auseinandersetzen zu müssen, gegenüber Leuten, die ihr Ding durchziehen und nicht merken, oder nicht merken wollen, dass sie nicht alleine sind. Die Menschen parken in meiner Straße oft in zweiter Reihe oder fahren Rad auf dem Bürgersteig als ob es ihr eigener wäre. Das ist sicherlich eine Lappalie, aber die Summe aus Lappalien macht den Alltag ärgerlich. Man muss sich dann fragen, warum die Menschen so egoistisch sind. Und dass das zugenommen hat mit dem Egoismus, das empfinde ich schon recht stark.

Aber Sie selbst stechen ja auch hervor, wenn auch im positiven Sinne. Wie wird man denn zu „Kreuzbergs ältestem Hipster“, wie Sie mittlerweile häufig betitelt werden?

Das ist natürlich eine blöde Bezeichnung, aber ich habe mich eben oft auch gewandelt, mich im Grunde immer der Stadt angepasst. Nachdem ich von Moabit nach Kreuzberg gezogen bin, habe ich auch lange dieses klassische Kreuzberger Anarcho-Schwarz getragen, aber eben in meiner eigenen Interpretation. Das waren dann Skihosen aus den 20ern und Wanderstiefel, aber eben in Schwarz.

Und wann haben Sie zu Ihrem jetzigen, sehr klassischen, eleganten Stil gefunden?

Das hat sich entwickelt, man steht ja nicht still. Ich bin älter geworden und habe mich nach den Möglichkeiten gefragt, die es gibt, wenn man älter wird und sich für Kleidung interessiert. Man kann so tun, als ob man immer noch 30 ist und diese Dinge auch für sich adaptieren, die für die Jugend gemacht sind und dann glauben, man hätte damit ein Stück Jugend zurückerobert. Oder man taucht in der Masse der Unscheinbaren unter. Die Jungen sind ja mittlerweile genauso unscheinbar wie die Alten, sie haben eben nur junge Gesichter. Aber auch kein Interesse an Kleidung. Die sehen aus wie die Alten, genauso öde.

Wie viel Zeit verwenden Sie denn täglich für Ihr Styling?

Was ist das denn für eine alberne Frage? Ich ziehe mich einfach an, wie jeder andere auch. Ich denke eben nur vorher darüber nach.

Werden Sie oft angesprochen auf Ihr Äußeres?

Ja, und die Reaktionen sind durchweg freundlich. Es scheint offenbar eine große Sehnsucht zu geben nach Leuten, die sich anders, die sich elegant kleiden. Das ist doch seltsam, denn auf der Straße sieht man davon ja nichts, die Menschen sind schlampig gekleidet in der Regel und sehen alle gleich aus. Dabei muss man – das ist eine Binsenweisheit – ja nicht viel Geld ausgeben, um gut gekleidet zu sein. Ich bin Rentner, ich kann mir nicht so viel teure Kleidung leisten, obwohl ich 50 Jahre gearbeitet habe. Aber darüber denke ich nicht nach. Mittlerweile mache ich ja auch ein wenig Geld mit Werbung, ich bin ja auf diesem riesigen Google-Plakat abgebildet. Das war schon ein Schock im ersten Moment, wenn man da so das eigene Gesicht in zehn Metern Größe hängen sieht.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner.



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