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Hochschulen: Wer in Brandenburg studiert, will in Berlin arbeiten

Studieren ja, bleiben nicht so gern: Die meisten Studenten wollen Brandenburg gern nach ihrem Abschluss wieder verlassen.

Studieren ja, bleiben nicht so gern: Die meisten Studenten wollen Brandenburg gern nach ihrem Abschluss wieder verlassen.

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DPA/Patrick Pleul

POTSDAM -

Die Zahlen sind schon erschreckend: Fast zwei Drittel all jener, die in Brandenburg studieren, wollen nach ihrem Abschluss das Land wieder verlassen. Mehr Wille zum Wegzug gibt es bundesweit nur bei den Studenten in Sachsen-Anhalt. Das sind die Ergebnisse einer Umfrage der Firma Studitemps aus Köln, die jeden Monat bundesweit etwa 3000 Studentenjobs vermittelt und die Fragen zur Umfrage an die 300.000 Mitglieder ihres Internetportals stellte.

„Wie viele von den befragten Studenten nach ihrem Studium wirklich gehen, wissen wir nicht“, sagt Studitemps-Geschäftsführer Benjamin Roos. Aber das Land Brandenburg gebe für jeden Studenten pro Jahr etwa 5200 Euro aus, insgesamt 260 Millionen Euro pro Jahr. „Wenn zwei Drittel wegwollen, verliert das Land quasi 164 Millionen“, sagt er. Das Land sollte interessiert daran sein, mehr Absolventen zu halten.

500 Euro mehr Gehalt nötig

Doch das Problem ist auch bei den Studenten das klassische Dilemma von Brandenburg: Mitten in diesem Land, quasi als Herz, befindet sich Berlin – die seit Jahren angesagteste Stadt zumindest in Europa. Laut Studie wollen 64 Prozent jener Studenten, die Brandenburg verlassen wollen, nach Berlin. Um doch in Brandenburg zu bleiben, müsste ihnen eine Brandenburger Firma 500 Euro mehr Gehalt bieten, als sie in Berlin bekommen würden.

„Natürlich haben wir großes Interesse daran, dass mehr Akademiker bleiben“, sagt Stephan Breiding vom Potsdamer Wissenschaftsministerium. Aber es gebe nun mal nicht in allen Winkeln des Landes genügend Arbeitsplätze.“ Grundsätzlich sei die Uni-Ausbildung nie allein nur für die eigenen Landeskinder gedacht. Jedes Land ist auch Ausbildungsdienstleister für andere, und Brandenburg hat wegen der Berlin-Nähe recht viele Studenten.

„Im Bundesvergleich ist unsere Zahl von 50.000 Studierenden relativ hoch“, sagt Breiding. Und zwei Drittel davon seien ursprünglich gar keine Brandenburger. „Sie kommen aus anderen Ländern und dem Ausland, und bei dem weltweiten Trend, mobil und flexibel zu sein, ist die Wahl eines Studienortes nicht die Wahl für einen Ort fürs ganze Leben.“ Das Land wolle aber mehr Absolventen im Land halten. „Dabei geht es nicht nur ums Geld, auch um Infrastruktur, Lebensqualität und kulturelle Angebote.“

Wolfgang Spieß, bei der IHK Potsdam zuständig für Bildung, sagt, dass eine eigene Studie vor zwei Jahren zu ähnlichen Ergebnissen kam wie die von Studitemps. „Bei uns sagten zwei Drittel der Studierenden, dass sie geblieben wären, wenn sie entsprechende Angebote erhalten hätten.“ Gemeint sind gut bezahlte Arbeitsplätze mit interessanten Aufgaben und Aufstiegschancen. „Das müssen die Firmen hier auch als Chance sehen“, sagt Spieß. Denn gerade, weil es so viele Studenten in Brandenburg gibt wegen der Nähe zu Berlin, müsste um sie geworben werden. „Deshalb unterstützen wir auch das Deutschlandstipendium“, sagt Spieß. Dabei gibt der Bund Studenten mit guten Leistungen 150 Euro pro Monat, wenn dieselbe Summe von anderen Sponsoren kommt. „Wir haben mit vier Hochschulen dafür Kooperationsvereinbarungen und unterstützen 20 Studenten“, sagt Spieß. „Wir wollen damit auch Vorbild sein, damit sich Unternehmen beteiligen und den Studenten klar machen: Wir sind an euch interessiert.“

Pendeln zum Studienort

In der Praxis sieht es oft anders aus. Viele Studenten wohnen in Berlin und pendeln zu den vier Hochschulen in Potsdam und in Wildau, oder sie fahren eine Stunde mit dem Zug nach Frankfurt (Oder) oder Brandenburg/Havel. Das sagt auch Claudia Fortunato vom Studentenrat der Uni Potsdam. Nur 30 Prozent der Studenten wohnen in Potsdam, aber 40 Prozent in Berlin, der Rest im Umland. „Unser Problem: Wir haben eine sehr aktive studentische Szene, man kann sich in Potsdam richtig wohlfühlen trotz des vielen Preußenkitschs. Aber die Stadt ist viel zu teuer."

Nur in Sachsen-Anhalt wollen mehr Absolventen das Land wieder verlassen. Dabei werden auch in Brandenburg Fachkräfte gebraucht. Berlin gehört zu den wenigen Gewinnern im Ansehen der Absolventen WG-Zimmer unter 400 Euro und für 20.000 Studenten nur 2000 Wohnheimplätze. „Heute pendeln die Leute zum Studium nach Potsdam. Wenn es mehr bezahlbaren studentischen Wohnraum gäbe, würden sie herziehen und lieber wegen der Kultur nach Berlin pendeln“, sagt sie. „Und es würden dann bestimmt viel mehr Leute langfristig bleiben.“