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Holger Klotzbach im Interview: „Ich schlage mich auf die Seite des Risikos und der Kunst“

Ein legerer Boss mit viel Verantwortung: Holger Klotzbach, 70, ist Gründer und Chef des Tipi am Kanzleramt und der Bar jeder Vernunft

Ein legerer Boss mit viel Verantwortung: Holger Klotzbach, 70, ist Gründer und Chef des Tipi am Kanzleramt und der Bar jeder Vernunft

Foto:

Berliner Zeitung/David Oliveira

Holger Klotzbachs Büro befindet sich in einem Container hinter dem Tipi-Zelt am Kanzleramt. Bei vielen Zigaretten erzählt der Chef des Tipi und der Bar jeder Vernunft von den 70ern in Berlin, Sponti-Zeiten, einem späten Coming-Out und den Unterschieden zwischen Ost- und West-Publikum.

Holger Klotzbach, die Spannweite Ihres Berufslebens ist hier in Ihrem Büro-Container deutlich sichtbar – mit den Plakaten der 3 Tornados, dem Anarchokabarett und der Realpolitik, die hier sogar zum Namen gehört: Tipi am Kanzleramt. Sie sind der Macht ganz schön nahe gekommen!

Ach, ich habe mich gar nicht so verändert. Jetzt bin ich ein anarchistischer Unternehmer.

Anarchie in Nachbarschaft zur Regierung?

Das Tipi ist doch ein unterhaltsamer Gegenpol zum Kanzleramt. Und wir haben uns zu einem beliebten Ort für Galas entwickelt, ob für Firmen, Parteien oder Privatpersonen. Für uns stellen diese Einnahmen die Subventionen dar, die andere Theater von der Stadt bekommen. Damit sind wir auch freier in der Programmgestaltung.

Nun haben Sie ziemlich viele Angestellte, wie viele sind es genau?

So etwa 150.

Das ist ein ziemlich großes Haus, schwer vorstellbar, wie man das anarchistisch führen sollte. Das muss schon ziemlich geordnet, auch bürokratisch ablaufen, damit alle am Monatsende versorgt sind.

Chaos ist ja eigentlich ein sehr ordentliches Organisationsprinzip. Nein, im Ernst, wir sind keine demokratische Versammlung. Als ich mit Bernhard Paul und André Heller das Vergnügen hatte, den Circus Roncalli zu gründen, da wollten wir diesen Circus im Gegensatz zu den traditionellen Unternehmen demokratisch strukturieren. Aber diese Idee ist an den Realitäten des Zirkuslebens gescheitert.

Sind Sie ein Stechuhrchef?

Wir haben auch Stechuhren hier, das ist einfach wichtig für die Abrechnung. Aber wir lassen den meisten, die hier arbeiten, große Freiheiten, wann sie ihre Arbeit beginnen, wann sie gehen, vielleicht einen Arzttermin wahrnehmen. Ich habe schon vor Jahren den Mindestlohn, den es heute gibt, hier bezahlt. Kollegen haben mir gesagt, ich würde die Preise kaputtmachen. Aber ich habe das hier ja nie dafür gemacht, um Geld zu verdienen. Es ging mir immer um das, was man die Unterhaltungskunst nennt.

Sie sind eben doch eher pragmatisch veranlagt, scheint uns.

Na ja, ich komme aus Duisburg, mein Vater war Maschinenbauingenieur. Vielleicht deshalb. Bevor ich nach Berlin kam, habe ich in Bethel und Tübingen Theologie studiert, allerdings habe ich auch in meiner Eigenschaft als AStA- und SDS-Vorsitzender mehr Vorlesungen verhindert als gehört.

Der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, gehört in eine bewegte Zeit. Wann war das bei Ihnen?

1967. Dann wurde mir das in Tübingen zu eng. Wir sind dann nach Berlin gegangen, und hier gründete sich dann die Projektgruppe Elektroindustrie.

Sie gingen in die Produktion?

Ja. Wir sind in die Betriebe gegangen, um die Arbeiterklasse zu revolutionieren. Das habe ich drei Monate gemacht, auch bei Siemens, aber nach einer revolutionären Aktion flog ich raus. Etwa 1972 dachte ich dann, ich müsste doch mal ein Examen machen. Die schnellste Möglichkeit war ein Lehrerstudium.

Sind das die zwei Seiten Ihrer Persönlichkeit, dass Sie neben der anarchistischen Karriere immer auch das Bürgerliche im Blick behielten?

Na ja, ich war damals bei der proletarischen Linken hauptamtlicher Funktionär für 400 Mark. Meinen Eltern hatte ich damals erklärt, dass sie mich nicht mehr zu unterstützen brauchten. Von Marx und dem Kapital hatte ich offenbar sehr wenig verstanden, als ich glaubte, ich könne mein Leben lang mit 400 Mark auskommen. Als ich das Lehrer-Examen in der Tasche hatte, habe ich mich nach Bremen beworben, wurde aber wegen des Berufsverbotsparagrafen abgelehnt. Dann habe ich mich eben auf eine Lehrerstelle im Circus Busch-Roland beworben. Als ich da ankam, war die Stelle schon von einer Schweizerin besetzt, die mich aus Mitleid zu einem Essen mit den Zirkusleuten einlud. Die Atmosphäre gefiel mir so gut, dass ich unbedingt bleiben wollte. Und so wurde ich als Hilfsarbeiter eingestellt. Nach einem Jahr wurde ich dann doch Lehrer, musste zusätzlich noch den Job des Pressesprechers und des Brandmeisters der zirkuseigenen Feuerwehr übernehmen. Das habe ich drei Jahre gemacht. Dann bin ich nach Berlin zurück, direkt zu Tunix, das war ein Sponti-Kongress.

Das war also Mitte der 70er-Jahre.

Ja, etwas später: 1978. Ich machte damals mit Monika Döring ein Café auf, das Schwarze Café, das führten wir als Kollektiv. Ich bin dann nach einem Jahr raus. Das Kollektiv funktionierte nicht. Die drei, die damals geblieben sind, betreiben das Café immer noch. Da habe ich dann zum ersten Mal die 3 Tornados gesehen, ich selbst war erst seit 1981 dabei.

Wie war denn das Leben in Berlin für Sie in den 70ern?

Ich fand’s toll, weil es so eine szenige Gemütlichkeit hatte. Es gab nur ein, zwei linke Kneipen, wo man sich abends traf, für mich die Herta in der Schlüterstraße. Manche Entwicklungen, etwa in der Musik, habe ich nie mitgemacht, ich habe immer politisch gearbeitet, zum Beispiel auch in der Roten Hilfe, auch bin ich früh in die von Rosa von Praunheim gegründete HAW gegangen.

Also die Homosexuelle Aktion Westberlin. Haben Sie noch Kontakt zu Praunheim?

Ja, er kommt öfter auch zu uns.

Wie war schwules Leben zu dieser Zeit?

Das kannte ich noch nicht wirklich, das spielte in den linken Gruppen auch keine Rolle Mitte der 70er. Ich wusste damals auch nicht so genau, ob ich schwul bin oder nicht. Ich hatte mein Coming-Out erst mit über 30. Im Schwarzen Café gab es natürlich dann auch andere Schwule.

Berlin hat sich ja nun sehr verändert. Profitieren Sie denn vom Tourismus?

Ja, das wird mehr, besonders im Sommer, wenn wir „Cabaret“ spielen. Dieses Musical ist ein großartiges Berlin-Programm und wir rechnen damit, dass es im Sommer auch viele Touristen sehen möchten. Der Hauptteil unserer Besucher sind immer noch Berliner.

Kommen die Touristen eher ins Tipi, weil es mehr im Zentrum liegt, und in die Bar jeder Vernunft die Berliner?

Nein, das kann man so nicht sagen, der Anteil ist in etwa gleich. Ebenso gehen die Besucher aus den östlichen Bezirken gleichermaßen ins Tipi wie in die Bar. Tendenziell haben wir etwas mehr Besucher aus dem Westteil der Stadt.

Wie stellt man das fest?

Wir machen Publikumsbefragungen alle zwei, drei Jahre. Aber es hängt natürlich davon ab, was man zeigt. Wenn man nun eine richtige West-Nummer zeigt…

Was soll das sein, eine West-Nummer?

Die Geschwister Pfister zum Beispiel, die ziehen mehr West-Berliner Publikum an. Wenn man aber Katrin Sass einlädt, kommen mehr Leute mit Ost-Hintergrund.

Die Bar jeder Vernunft ist ein Punkt im Berliner Nachtleben, auf das sich ein Publikum einigen kann, bei dem man weiß, was man hat, und es wird sich auch nicht ändern.

Das stimmt in gewisser Weise, dennoch ändert sich hier ständig etwas. Ganz einfach durch die Künstler, die wir hier groß machen. Beispiele sind Ass-Dur, Muttis Kinder, und Malediva, auch wenn es die nun leider nicht mehr gibt. Die haben wir nicht entdeckt, die haben wir, mein Kollege Lutz Deisinger als Programm-Hauptverantwortlicher oder ich irgendwo gesehen. Aber wir leisten uns die Puste, sie zwei, drei Jahre lang immer wieder spielen lassen, um sie durchzusetzen. Da vollführen wir regelmäßig einen Drahtseilakt, hangeln zwischen den künstlerischen Ansprüchen und der Ökonomie. Unser kaufmännischer Geschäftsführer, ein ganz alter Genosse, den ich schon seit vierzig Jahren kenne, der muss dann immer aufs Geld gucken. Ich schlage mich auf die Seite des Risikos und der Kunst.

Und dann haben Sie Ihre Eigenproduktionen. Nach „Ein Käfig voller Narren“ soll in diesem Jahr „Frau Luna“ kommen. Warum gerade diese Operette?

Damit erfülle ich mir und wir uns einen ganz alten Traum. Das haben wir schon zwölf Jahre auf dem Schirm, haben es schon zweimal versucht.

Dann folgt also auf „Ich bin, was ich bin“ aus dem „Käfig voller Narren“ nun die Hauptstadt-Hymne „Das ist die Berliner Luft“?

Genau – mit all ihren Komponenten aus Politik und Vergnügen.

Das Gespräch führten Cornelia Geißler und Marcus Weingärtner.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Über Berlin Reden.


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