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In den Betrieben der Berliner Weiberwirtschaft sind Frauen die Chefs

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Ines Hecker von Goldrausch (l.) und Katja von der Bey helfen Frauen, die Chefinnen sein wollen.

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Markus Wächter / Waechter

Zum Geburtstag gibt es eine Torte. Sie ist aus Schokolade und Marzipan und mit zehn brennenden Kerzen verziert. Eigentlich hat die Gründerinnenzentrale ihr Jubiläum erst im April, aber am Frauentag passt es noch besser. Etwa fünfzig Frauen sind zum Netzwerkabend gekommen, um ihre Geschäftsideen vorzustellen, eventuell ein paar Kontakte zu knüpfen und bei dieser Gelegenheit nun auch ein bisschen zu feiern.

Mit einem Glas Sekt in der Hand stehen sie in kleinen Grüppchen zusammen und stellen einander höfliche Fragen. Erst mal die andere erzählen lassen, was die so macht. Es ist nicht sehr laut hier in den Tagungsräumen der Weiberwirtschaft, kein dröhnendes Gelächter lässt den Raum erzittern, keine trumpft auf. Ulla Schweitzer vom vierköpfigen Team der Gründerinnenzentrale hat die Torte aufgeschnitten und bietet reihum  Stückchen an. Sehr beharrlich macht sie das. Doch die meisten lehnen ab.

Vielleicht ist der frühe Abend kein guter Zeitpunkt für Torte, vielleicht mögen die meisten kein Marzipan. Trotzdem kommt einem sofort der Gedanke: Früher wollten die Frauen die Hälfte des Himmels, heute noch nicht mal ein kleines Stück vom Kuchen? Man kann aber auch sagen: Diese Frauen lassen sich nichts aufdrängen, was sie nicht wollen. Sie entscheiden selbst, was gut für sie ist. Sie übertreiben nicht. Sie sind vernünftig. Vor allem im Geschäftsleben.

Männer sind hier nur Angestellte

Katja von der Bey hat seit Jahren mit Frauen, die sich selbstständig machen, zu tun. Die promovierte Kunsthistorikerin ist Geschäftsführerin der Weiberwirtschaft, einer Genossenschaft, in der nur Frauen Mitglied werden können, und die Europas größtes Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum betreibt. Der Gewerbehof in der Anklamer Straße in Mitte beherbergt rund sechzig Betriebe, in denen  Männer zwar arbeiten dürfen – die Chefs aber sind  die Frauen.

Ein vierköpfiger Vorstand entscheidet, wer einziehen darf. Er sorgt dafür, dass im Gewerbehof eine bunte Mischung zu finden ist. Angesiedelt haben sich  Designerinnen, Unternehmensberaterinnen, eine Werbeagentur, eine Praxis für Akupunktur und Massage, eine Buchhandlung, auch ein Atelier, in dem individuelle Grabsteine angefertigt werden, und eine Firma, die auf die Postproduktion von Spielfilmen spezialisiert ist.

„Wir staunen manchmal selbst, was es so gibt“, sagt Katja von der Bey. Die 53-Jährige ist eine ruhige, freundliche Frau, die sich seit Jahrzehnten für Frauen in der Wirtschaft einsetzt. Fünf Jahre lang hatte sie eine eigene Galerie für zeitgenössische Kunst in Kreuzberg. Seit Mitte der Neunzigerjahre ist sie im Vorstand der Weiberwirtschaft, erst ehrenamtlich, seit einigen Jahren als hauptamtliche Geschäftsführerin.

 „Die Zahl der Gründerinnen steigt steil“, sagt sie. Viele Frauen wollen sich selbstständig machen, weil sie Familie und Beruf besser  unter einen Hut bekommen, wenn sie ihr eigener Chef sind. Manche sind an der sogenannten gläsernen Decke verzweifeltet,  die unsichtbare Schranke, die Frauen – aus welchen Gründen auch immer – in herkömmlichen Unternehmen den Schritt auf die oberste Stufe der Karriereleiter versperrt.

Milchmädchentarife in der Genossenschaft

Annette Fahrenkopf-Gruner ging es so. Die 45-Jährige gründete 2009 mit ihrer Geschäftspartnerin Nina Hoffmann die Werbeagentur Agentur33. „In meiner alten Agentur hatte ich keine Chance, in die Geschäftsführung zu kommen“, sagt sie. „Das war ein geschlossener Kreis, Frauen waren auf der obersten Ebene einfach nicht vorgesehen.“ Also machte sie sich selbstständig und hat es bis heute nicht bereut.

Mit drei Festangestellten und vier freien Mitarbeitern hat die Agentur33 vier Räume in der Weiberwirtschaft gemietet und gehört damit schon zu den größeren Firmen auf dem Gelände. Denn die meisten Frauen gründen klein und expandieren nicht.  Daher sind sie froh über die sogenannten Milchmädchentarife in der Genossenschaft. Wer in der Anklamer Straße einziehen darf, zahlt nur eine geringe Miete, manchmal kurzzeitig auch gar nichts.

„Unsere Gewerbemieten steigen aber mit den Jahren“, sagt Katja von der Bey. So möchte man die Unternehmen, die Fuß gefasst haben, ermuntern, weiterzuziehen, um wiederum neuen Firmen einen Start zu ermöglichen. Was nicht so einfach ist. Seit fünf Jahren sind alle Flächen komplett vermietet, es gibt eine Warteliste für Firmen, die sich in der Anklamer Straße ansiedeln möchten. „Wir träumen von einen zweiten Standort“, sagt von der Bey.

Frauen verkaufen sich zu günstig

Ansonsten wird nicht viel geträumt. „Die Weiberwirtschaft bietet keinen geschützten Raum, auch wir agieren am Markt“, sagt die Geschäftsführerin, „wir geben Rückendeckung, um Nachteile auszugleichen.“

Zum Beispiel beim Thema Geld. Frauen, die ihr eigener Chef werden wollen, werden oft von den Banken abgewimmelt. Weil sie keine Sicherheiten haben. Aber auch, weil sie  nur wenig Geld benötigen. „Ein Kredit über 10 000 Euro macht genauso viel Arbeit wie einer über eine Million“, sagt Ines Hecker. Die Wirtschaftswissenschaftlerin ist hauptamtliche Mitarbeiterin bei Goldrausch, die einzige. Goldrausch ist wie das Gründerinnennetzwerk eine Tochter der Genossenschaft Weiberwirtschaft und wurde ins Leben gerufen, um Frauen beim Weg in die Selbstständigkeit sehr praktisch zu helfen: mit Geld.

Auch wenn der hinreißende Name etwas anderes suggeriert – Goldrausch ist auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert. Wer sich darum bemüht, hat Ines Hecker am Telefon. Sie lässt sich die Idee der Gründerin erläutern und geht mit ihr den Business- und Finanzplan durch. Dabei hat sie festgestellt, dass Frauen Schulden ein Gräuel sind. „Wenn sie 2 850 Euro benötigen,  beantragen sie genau diese Summe und nicht etwa 3 000 Euro“, sagt sie. Diese kleinen Kredite zahlen sie dann getreulich zurück und verdienen anschließend oft wenig. Wer finanziell mehr Luft habe, sagt Hecker, trete aber schon bei der Kundenakquise ganz anders auf.

Überhaupt: Frauen und Geld. Frauen machen sich nicht selbstständig, um reich zu werden, das lässt sich mittlerweile auch wissenschaftlich untermauern. Sie wollen für sich selbst bessere Arbeitsbedingungen schaffen oder bessere nachhaltige Dienstleistungen oder Produkte anbieten. Auf den Profit schauen sie oft erst danach. Mit verheerenden Folgen: Gründen Männer ihren eigenen Betrieb,  haben sie vor zehn Jahren im Durchschnitt 34 Prozent mehr verdient als selbstständige Frauen. Heute beträgt diese sogenannte Gender Gap sogar 42 Prozent.

„Frauen verkaufen sich zu günstig“, sagt Ines Hecker. Den Mut zum Wachstum müsse eine Unternehmerin aber selbst aufbringen. „Das kann man ihr nicht einfach so verordnen.“ Sie selbst gönnt sich einen  Traum:   „Ich würde gern eine Bank für Frauen gründen“, sagt sie. Da blitzt er dann doch noch auf, der Wunsch nach der Hälfte des Himmels. Mindestens.