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Initiative Kotti & Co: Unerklärbare Mieterhöhungen

Die Mieterinitiative „Kotti & Co“ wird von der Opposition im Abgeordnetenhaus unterstützt.

Die Mieterinitiative „Kotti & Co“ wird von der Opposition im Abgeordnetenhaus unterstützt.

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Markus Wächter

Berlin -

Neriman T. steht inmitten weiterer Anwohner am Kottbusser Tor/Ecke Admiralstraße in Kreuzberg. Die Rentnerin geht an Krücken. "Ich lebe jetzt seit 36 Jahren hier in Kreuzberg, das ist meine Heimat", sagt sie. Sie ist Mieterin bei der GSW und teilt sich mit ihrer vierköpfigen Familie eine Drei-Zimmer-Wohnung im Kiez. "Nun brauche ich zwei Drittel meines Einkommens für die Miete, das restliche Drittel für Versicherungen, Strom und Festnetz." Sie sei kein Einzelfall, sagt Neriman T. "Fast jeder hier kann seine Miete kaum noch bezahlen, ob Krankenschwester oder Polizist. Ich habe Angst, nach so langer Zeit ausziehen zu müssen."

Stadtteilgruppen haben Protestcamp errichtet

Seit drei Wochen protestieren Anwohner vom Kottbusser Tor gegen Mieterhöhungen. Initiativen und Stadtteilgruppen haben neben dem U-Bahnhof Kottbusser Tor ein Protestcamp errichtet, Tag und Nacht sind sie dort im Schichtdienst von jeweils vier Stunden. Wer Pause hat, schläft auf einer Pritsche im Holzverschlag. "Wir gehen hier erst wieder weg, wenn es eine gesetzliche Regelung gibt, durch die die Miete sinkt", sagt Katrin Schmidberger von den Grünen.

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Die Kieze rund um das Kottbusser Tor, großteils soziale Wohnungsbauten, stehen vor radikalen Umstrukturierungen durch die Eigentümer. Denn ab 2004 privatisierte der Senat die Wohnungsgesellschaften wie die GSW Immobilien AG. Die finanzielle Anschlussförderung für die Sozialwohnungen reduzierte die damalige Landesregierung von 30 auf 15 Jahre, für einige Objekte wurde sie komplett abgeschafft. Den Mietern erscheinen die Mieterhöhungen teils willkürlich. Als Gründe gäben die Eigentümer Wohnungssanierungen und Betriebskostenerhöhungen an. Mieter beklagen, keine Einsicht in die Akten zu bekommen.

Und so steigen die Mieten am Kotti und mit ihr die Wut der Bewohner. Alexander Kaltenborn, Mitbegründer der Initiative "Kotti & Co", ist wie viele der Protestierenden Mieter einer Wohnung der GSW. Er bezahlte vor drei Jahren für seine 97 Quadratmeter große Wohnung 760 Euro warm, heute sind es 960 Euro. "Die Miete steigt um 13 Cent je Quadratmeter, jeden Monat!", sagt er.

"Privatisierung ein Fehler"

Eine junge GSW-Mieterin, die nicht genannt werden möchte, sagt, sie sei frustriert von der intransparenten Vorgehensweise der GSW. Ihre Betriebskostenvorauszahlung sei sehr niedrig eingestuft worden, mit der ersten Abrechnung sei „der Hammer“ gekommen. Sie spricht von Nachzahlungen in Höhe von bis zu 2.000 Euro, die Nachbarn zahlen mussten. "50 Prozent der Sozialwohnungen liegen über dem Berliner Mietspiegel", sagt Alexander Kaltenborn von der Initiative "Kotti & Co".

Mittlerweile unterstützen die Berliner Oppositionsparteien den Protest der Mieter. Linke, Grüne und Piraten kommen zu Veranstaltungen ins Camp. "Nichts am sozialen Wohnungsbau ist heute noch sozial", sagt Oliver Höfinghoff von der Piratenfraktion. Seine Partei fordert eine Kappungsgrenze von vier Euro Kaltmiete pro Quadratmeter.

Auch die ehemalige Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) setzt sich für ein neues Mietkonzept ein. "Mittlerweile sehen alle Parteien in der Privatisierung einen Fehler", sagt sie. Dass sich frühere staatsnahe Unternehmen wie die GSW so hart gegen Mieterinteressen stellten, sei nicht akzeptabel. Nach Angaben des Bündnisses Sozialmieter sind derzeit 28.000 Haushalte von Mieterhöhungen betroffen.



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