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Inklusion: Die Angst vor dem gemeinsamen Lernen

Gemeinsam Lernen: Kindern mit Behinderung soll der Besuch einer Regelschule ermöglicht werden. Das schreibt die UN-Konvetion der Inklusion vor.

Gemeinsam Lernen: Kindern mit Behinderung soll der Besuch einer Regelschule ermöglicht werden. Das schreibt die UN-Konvetion der Inklusion vor.

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dpa

Berlin -

Jens-Jürgen Saurin leitet eine Schule, die es in Berlin bald schon nicht mehr geben sollte. „Ihr seid zur Auflösung vorgesehen“, diese Haltung sei oft erkennbar gewesen, wenn er mit führenden Mitarbeitern der Schulverwaltung zu tun hatte, sagt Saurin. Er schreitet über die Flure der Adolf-Reichwein-Schule in Neukölln, Schülerinnen winken ihm zu. In dieser Förderschule werden vornehmlich lernbehinderte Kinder von der dritten bis zur 10. Klasse unterrichtet. Kinder also, die sich schlecht konzentrieren können, bei denen ein weit unterdurchschnittlicher Intelligenzquotienten gemessen wurde. Viele dieser Kinder sind verhaltensauffällig, einige werden gewalttätig, andere neigen zu Depressionen.

Solche Förderschulen für lern- und sprachbehinderte sowie für verhaltensauffällige Schüler sollen in den kommenden Jahren in Berlin aufgegeben werden, gelten als Sackgasse. Die Kinder sollen gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern an Regelschulen unterrichtet werden. So schreibt es die UN-Konvention der Inklusion vor, die in Deutschland seit mehreren Jahren gilt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte dafür eigens ein detailliertes Konzept erarbeiten lassen.

Kein Geld für Sonderpädagogen

Doch jetzt ist das Großprojekt Inklusion in Berlin aufgeschoben. Denn Scheeres konnte bei den Haushaltsverhandlungen die notwendige „personelle Grundausstattung“ für diesen Schritt nicht durchsetzten – obwohl sie angekündigt hatte, sich mit dem Finanzsenator um diese Mittel streiten zu wollen. 300 zusätzliche Sonderpädagogen sollten nach ihren Plänen die Auflösung der Sonderschulen für sprach- und lernbehinderte Schüler abfedern. Doch dafür gibt es im Doppelhaushalt 2014/15 kein Geld. In der SPD-Fraktion heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass keiner besonders betrübt sei, dass es mit der Inklusion erst einmal nicht vorangehe in Berlin. Freunde würde man sich bei solch einem Projekt ohnehin nicht machen.

Die Inklusion steht also auf der Prioritätenliste der Senatorin ziemlich weit hinten. Viele Schulleiter und Lehrerkollegien, die sich bereits konkret auf die Inklusion vorbereitet haben, sind nun enttäuscht. „Das Bezirksparlament hat gerade erst beschlossen, dass wir nun eine inklusive Schule sind“, heißt es in der Lauterbach-Förderschule im Märkischen Viertel. Aber die Umsetzung sei völlig ungeklärt. Andere Lehrer fühlten sich in ihrer Einschätzung bestätigt.

Die Inklusion in Berlin sei eben nicht für wenig Geld zu haben. Zu dieser großen Fraktion gehört auch Saurin. Zu ihm kämen die Schüler, die an den regulären Schulen scheitern. „Sie kommen erst hierher, wenn sie Magenschmerzen haben, weil sie nicht mehr die Grund- oder Sekundarschulen besuchen wollen“, sagt Saurin. Sie kämen dort nicht mit, reagierten darauf mit Wutausbrüchen oder zögen sich zurück und schwänzten die Schule. Nicht wenige seiner Schüler hätten zu Hause auch Gewalterfahrungen gemacht oder seien gar missbraucht worden.

Wenn Inklusion gelingen sollte, müsste eine Regelschule das mit deutlich mehr sonderpädagogischem Personal als heutzutage üblich auffangen, sagt Saurin. Dennoch leben er und seine Kollegen wie die anderen verbliebenen Förderzentren nun weiter mit der Frage, ob es ihre Schulen in ein paar Jahren überhaupt noch gibt. Auf der anderen Seite gibt es Grundschulen, die die Inklusion möglichst schnell vorantreiben wollten. Auch dort fühlen sich die Lehrer nun alleingelassen. Zumal auch die Schulhelferstunden für das kommende Schuljahr oft noch nicht bewilligt sind.

Manchmal kämen er und sein Lehrerkollegium sich aber schon vor wie ein Gallisches Dorf, sagt Förderschulleiter Saurin. Zunehmend müssten sie auch die Schüler von zwischenzeitlich geschlossenen Förderschulen aufnehmen. Seine Schule mit gut 200 Schülern sei immerhin gefragt und vom Bezirk Neukölln auch seit Jahren gefördert. Etwa die Hälfte der Schüler machen einen Abschluss.

Rechtsanspruch als Farce

Senatorin Scheeres kündigte nun ein flächendeckendes System von Beratungs- und Unterstützungszentren sowie Lehrerfortbildung an, um die Inklusion in Berlin voran zu bringen. Zwei Stellen pro Bezirk soll es dafür geben. Auch Sybille Volkholz, die den Landesbeirat zur Inklusion geleitet hat, ist bemüht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie sehe kein Ende der Inklusion, nur weil die zusätzlichen Sonderpädagogen nicht sofort finanziert würden. „Die neue Lage erfordert eine strategische Änderung“, sagte Volkholz. „Es können auch Mittel aus dem Programm für die Brennpunktschulen für die Inklusion verwendet werden.“ Dieses Programm hatte SPD-Fraktionschef Raed Saleh gegen Scheeres Willen durchgesetzt. Es kostet jährlich ungefähr so viel wie die 300 Sonderpädagogen, die nun fehlen. Auch Saleh bestätigte inzwischen, dass das Geld ja auch für zusätzliche Sonderpädagogen ausgeben werden kann.

Auch baulich müssen viele Schulgebäude noch auf die Inklusion vorbereitet werden. Es fehlen Räume für das Lernen in kleinen Gruppen, barrierefrei sollte es auch sein. In Berlin werden allerdings jetzt schon 52 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer Regelschule unterrichtet. Das ist bundesweit ein Spitzenwert. Einen Anspruch darauf besteht aber trotz Inklusions-Konvention derzeit nicht. Jede Schule kann sich unter Verweis auf ihre räumliche oder personellen Ausstattung weigern, behinderte Kinder aufzunehmen. „Von daher ist das eine Farce“, sagte Simone Pietsch, Anwältin für Schulrecht. Sekundarschulen und erst recht die Gymnasien müssen sich durch die Aufschiebung der Inklusion vorerst nicht konkret darauf vorbereiten, wie sie mit weiteren behinderten Kindern umgehen würden.


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