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Interaktive Karte zeigt den Leerstand in Berlin

Leerstand auch auf der Potsdamer Straße/Ecke Kurfürstenstraße.

Leerstand auch auf der Potsdamer Straße/Ecke Kurfürstenstraße.

Berlin ist übersät von roten „leer“-Punkten, das zeigt die interaktive Karte von www.leerstandsmelder.de. Hinter jedem Punkt verbirgt sich ein leerstehendes Gebäude, eine leerstehende Wohnung oder Gewerbefläche. „Lassenstraße 12–14“ steht seit der Fertigstellung 2014 fast ganzjährig leer“, ist da auf einem Punkt im Grunewald zu lesen. In Schöneberg, am Peter-Strasser Weg 15, steht seit „mindestens 15 Jahren“ ein Haus leer. Der Besitzer sei seit 20 Jahren verschwunden, heißt es in dem Eintrag. Eine Villa in Dahlem stehe seit „mindestens fünf Jahren“ leer, vom Eigentümer konnte man nichts in Erfahrung bringen.

Ein Streifzug durch die Bezirke Berlins ist auch gleichzeitig eine kleine Lektion in Stadtarchitektur, denn die meisten leerstehenden Orte haben die Aktivisten der Website Leerstandsmelder.de mit Fotos bebildert. Die leerstehenden Orte könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist ein ganzer Plattenbau-Block in Lichtenberg, der seit Jahren leersteht, eine ehemalige Schule in Hohenschönhausen, sogar eine „ehemalige öffentliche Bedürfnisanstalt“ in Moabit haben die Aktivisten aufgestöbert. 746 Einträge sind derzeit in Berlin verzeichnet.

Ein Screenshot der Seite: Leerstand prägt das Stadtgebiet Berlins.

Ein Screenshot der Seite: Leerstand prägt das Stadtgebiet Berlins.

Foto:

leerstandsmelder.de

Wer kommt auf die Idee, solche Immobilien zu katalogisieren? Entstanden ist der Leerstandsmelder 2009 im Hamburger Gängeviertel, wo Bürger und Künstler gegen den Abriss ungenutzter Gebäude protestierten. Die Seite Leerstandsmelder war eine Möglichkeit, diesen Protest zu koordinieren. „In Berlin ist es der Verein openberlin (www.openberlin.org)“, sagt Kristina Sassenscheidt, die hier für den Leerstandsmelder arbeitet. „Der ehrenamtlich arbeitende Verein zielt auf die Kommunikation, den Wissensaustausch und die Dokumentation aktueller urbaner Ereignisse, Prozesse und Herausforderungen“, so Sassenscheidt. „Wir möchten Transparenz auf dem Leerstands-Markt schaffen und neue Möglichkeitsräume aufzeigen.“

Sassenscheidt arbeitet im Bereich Kulturmanagement und Öffentlichkeitsarbeit. Für sie ist der Leitspruch „Eigentum verpflichtet“ von hoher Wichtigkeit. „Leerstand führt dazu, dass zentrale Flächen knapp und teuer werden und immer mehr an den Stadträndern gebaut wird.“ Dadurch würden die Leute mehr pendeln, und es würde mehr Land versiegelt. „Zugleich verursacht der Neubau hohe ökologische Kosten im Vergleich zur Sanierung und Weiternutzung der verbauten grauen Energie“, beschreibt es Sassenscheidt.

Eine leerstehende Wohnung melden kann generell jeder, der sich auf der Leerstandsmelder-Seite anmeldet. Zu jedem Eintrag kann der Nutzer auch Kommentare schreiben, etwa, wenn bemerkt wird, dass ein leerstehendes Haus neue Bewohner gefunden hat. Auch Abriss-Gerüchte können vermerkt werden.

Politische Motivation

Natürlich will man auch politisch etwas bewirken. „Wir stehen im Kontakt mit verschiedenen Politikern unterschiedlicher Parteien“, sagt Sassenscheidt. Ein Brennpunkt der politischen Diskussion ist das riesige ehemalige Haus der Statistik am Alexanderplatz, das schon seit Jahren leersteht. Ob dort nach einer Renovierung Flüchtlinge untergebracht werden können, wird ebenfalls diskutiert. „Leider wurden die leerstehenden Objekte, die bei uns registriert sind, noch nicht für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, außer den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof und der ehemaligen Landesbank in Wilmersdorf“, so Sassenscheidt.

Die Leerstandsmelder-Seite ist mittlerweile in 28 Städten präsent. Jede Stadt, die dazustoßen möchte, muss 200 Euro für diesen Service zahlen. Der einzige relevante Kostenfaktor ist die Programmierung der Seite. Obwohl jedes leerstehende Gebäude mit Adresse veröffentlicht wird, sei es bisher noch zu keinen Aktionen von Hausbesetzern gekommen, meint Sassenscheidt. Eine gewisse Leerstandsquote ist für einen funktionierenden Mietermarkt übrigens notwendig, Fachleute sprechen von zwei bis drei Prozent. Denn wären 100 Prozent der Wohnungen vermietet, könnte ja niemand umziehen.

In Stuttgart hat die Politik schon auf die Wohnungsnot reagiert: längerer, unbegründeter Leerstand kann dort mit Geldbußen von bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Immobilienverbände und Eigentümerverbände reagieren auf Initiativen wie den Leerstandsmelder cholerisch. „Das ist ein moderner Pranger“, sagt etwa der Geschäftsführer des Eigentümerverbandes Haus und Grund, Ulrich Wecker, wie die Stuttgarter Zeitung berichtete.