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Internationales Congress Centrum: Kosten für ICC-Sanierung explodieren

Das Internationale Congress Centrum, erbaut vor mehr als 30 Jahren, ist marode. Seine Ästhetik war umstritten, inzwischen gilt es als Architekturikone.

Das Internationale Congress Centrum, erbaut vor mehr als 30 Jahren, ist marode. Seine Ästhetik war umstritten, inzwischen gilt es als Architekturikone.

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imago

Die geplante Sanierung des Internationalen Congress Centrums (ICC) am Funkturm wird offenbar immens teurer als bisher bekannt. Wie aus einem internen Vermerk aus dem Senat hervorgeht, der Grundlage für Finanzberechnungen während der rot-schwarzen Koalitionsverhandlungen war, wird der vor einem Jahr präsentierte Kostenrahmen von 182 Millionen Euro voraussichtlich um 80 Prozent überschritten.

Der Vermerk vom 10. November 2011 liegt der Berliner Zeitung vor. Darin heißt es, „nach neuen Erkenntnissen“ werde derzeit von Gesamtkosten in Höhe von 328 Millionen Euro ausgegangen, also 146 Millionen Euro mehr als geplant. Auch sei eine Bauzeitverlängerung von drei Jahren „bis mindestens 2020“ zu erwarten.

Drei Jahre Aufschub

Bisher sollte das ICC, das größte Kongresszentrum Europas, nach rund zweieinhalbjähriger Bauzeit im Jahr 2017 wieder eröffnet werden. Mit den neuen Rahmendaten dürfte die jahrelange Debatte um einen möglichen Abriss und Neubau des ICC, eines Symbolbaus der West-Berliner Nachkriegsmoderne, wieder aufleben. Allerdings stehen beide Koalitionspartner, SPD wie CDU, bisher fest zum Plan von Sanierung und Weiterbetrieb des 1979 eröffneten und bei Nutzern hochbeliebten Gebäudes am Messegelände – der allerdings technisch veraltet und schadstoffbelastet ist.

Im Koalitionsvertrag, ausverhandelt am 15. November, heißt es eindeutig: „Das Internationale Congress Centrum (ICC) wird saniert und anschließend in seiner heutigen Funktionalität als zentrales Kongresszentrum weiter genutzt.“

Schätzungen waren bekannt

Nach Informationen dieser Zeitung ist der interne Vermerk von der Senatsfinanzverwaltung formuliert worden, deren Experten in der Schlussphase der Verhandlungen zwischen SPD und CDU, so die Überschrift, „mögliche finanzielle Auswirkungen der Koalitionsabsprachen“ zu berechnen hatten. Die Schätzung selbst kommt offenbar aus der Stadtentwicklungsverwaltung, die für das Sanierungsprojekt der Landesimmobilie ICC verantwortlich ist. Die Berechnung dürfte daher mindestens dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), seinem Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) und der Ex-Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) bekannt gewesen sein. Unklar ist, ob das auch schon vor der Berlin-Wahl am 18. September der Fall war, denn erste Informationen über deutlich steigende Sanierungskosten sickerten bereits im Sommer durch. Dass der einstige Kostenrahmen von Anfang an zu gering angesetzt war, befürchteten ohnehin viele. Auch der ehemalige Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) etwa war stets skeptisch, was die Kosten einer ICC-Sanierung anging. Auf Druck der SPD verabschiedete sich Messe-Aufsichtsratsmitglied Wolf aber Ende 2010 vom bevorzugten Neubauplan.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, inzwischen geleitet vom Michael Müller (SPD), zugleich Parteichef, bestätigte am Donnerstag, dass es eine entsprechende „aktuelle Studie“ gebe, die von der Baubehörde in Auftrag gegeben worden sei. Darin sei aber die „Maximalvariante“ der ICC-Sanierung berechnet worden, sagte Behördensprecher Mathias Gille: „Das Ergebnis muss fachlich und politisch erst noch bewertet werden.“ Ob dieses Ergebnis schon vor der Wahl bekannt war und nur nicht thematisiert wurde, konnte Gille nicht sagen.

Zweifel an Validität

Unter den mit dem Thema ICC befassten Landespolitikern herrscht nun ziemliche Fassungslosigkeit: So zeigte sich der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Frank Jahnke aus Charlottenburg-Wilmersdorf, überrascht über die neuen Berechnungen und stellte in Frage, wie valide die Zahlen seien. Er wolle wissen, sagte Jahnke, was der Grund für eine so massive Kostensteigerung sein könnte. Hintergrund ist die traditionelle Befürchtung der sozialdemokratischen ICC-Anhänger, dass die landeseigene Messe GmbH und ihr Chef Raimund Hosch immer schon lieber einen Neubau als ein saniertes ICC gehabt hätten. Allerdings übersteigt die neue Kostenschätzung von 328 Millionen Euro auch das bisher teuerste Neubau-Szenario von rund 260 Millionen Euro – das erst vor einem Jahr verworfen wurde.

Auch der CDU-Stadtentwicklungsexperte Stefan Evers kennt bisher keine Zahlen zu gestiegenen Kosten. Wie sie gegebenenfalls zu finanzieren seien, ließ die Finanzverwaltung auf Nachfrage ebenfalls unbeantwortet.

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