21.11.2011

Interview : "Keine Identifikation mit dem Kind"

Von Claudia Fuchs
Kerzen, Plüschtiere und Blumen erinnern an einen grausamen Vorfall in Charlottenburg: Am 20. November hatte eine Frau ihren neugeborenen Sohn aus dem 5. Stock ihres Wohnhauses am Spandauer Damm geworfen. Nur wenige Tage später wurde ein toter Säugling in Buch gefunden, die Mutter hatte ihn erstickt.
Kerzen, Plüschtiere und Blumen erinnern an einen grausamen Vorfall in Charlottenburg: Am 20. November hatte eine Frau ihren neugeborenen Sohn aus dem 5. Stock ihres Wohnhauses am Spandauer Damm geworfen. Nur wenige Tage später wurde ein toter Säugling in Buch gefunden, die Mutter hatte ihn erstickt.
Foto: dapd
Berlin –  

Der Berliner Säuglingsmord ist kein Einzelfall. Doch warum tötet jemand sein eigenes Kind? Den Tätermüttern fehlt es es oft an Sozialbindungen und der Bereitschaft, ihr Leben zu verändern, meint der Rechtspsychologe Stefan Dauer.

Herr Dauer, warum töten Mütter ihre Neugeborenen?

Aus unterschiedlichen Gründen. Unmittelbar nach der Geburt töten sie, wenn sie keine Identifikation mit dem Kind erreicht haben, wenn sie die Schwangerschaft ignoriert haben und die Geburtsvorbereitung verleugnet haben.

Wie oft geschieht so etwas?

Laut polizeilicher Kriminalstatistik gibt es in Deutschland 100 bis 120 Fälle jährlich.

Fotos vom Tatort in Charlottenburg

Bildergalerie ( 8 Bilder )

Normalerweise löst die Geburt eines Kindes eine Welle von Glücksgefühlen aus, die Schmerzen der Geburt sind vergessen, die Freude riesig. Warum ist das bei einigen Frauen so vollständig anders?

Das findet bei einigen Frauen tatsächlich nicht statt. Das ist aber nicht biologisch begründet – wie bei Kindbettdepressionen zum Beispiel – sondern psychologisch. Diesen Frauen fehlt es oft an sozialen Bindungen und an der Bereitschaft, das eigene Leben verändern zu wollen. Die Schwangerschaft passt nicht.

In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche möglich, Babys können zur Adoption abgegeben werden – keine Frau muss ein Kind haben…

Und wir haben ja auch die Babyklappe, natürlich. Aber diese Frauen sind nicht in einem sozialen System verankert – sie thematisieren die Schwangerschaft einfach nicht. Diese Frauen stehen in der Regel unter erheblicher psychischer Belastung, entweder durch sich selbst oder durch einen Partner, der sie nicht unterstützt.

Stefan Dauer (49), Psychologe und Forensiker.
Stefan Dauer (49), Psychologe und Forensiker.
Foto: Akademie für Rechtspsychologie

Sind die Taten eigentlich geplant oder beschließen die Frauen erst bei der Geburt, ihr Kind zu töten?

Das ist unterschiedlich. Manchmal kann die anstehende Geburt, die möglicherweise zuvor verdrängt wurde, die Situation ins Bewusstsein rufen – und dann reagieren diese Frauen unerwartet. Es gibt aber auch geplante Tötungsdelikte.

Gibt es Unterschiede, wie die Kinder getötet werden?

Es gibt eine Vielzahl von Tötungsarten: während der Geburt, kurz danach, zum Beispiel durch Erschlagen oder Strangulation; mehrere Monate später durch Kindesmisshandlung. Es gibt aber Frauen, die legen ihr Kind nach der Geburt einfach ab und lassen es unversorgt.

Was sind das für Frauen?

Jede Frau, die gebärfähig ist, kann potenziell zur Täterin werden. Theoretisch jedenfalls. Aber glücklicherweise nutzen die meisten Frauen ihre Schwangerschaft, um sich auf ihre neue Rolle als Mutter vorzubereiten. Aus psychologischer Sicht sind die neun Monate also durchaus sinnvoll.

Die Berlinerin, die inzwischen gestanden hat, ihr Baby getötet zu haben, hat ihren Sohn nach der Geburt in einen Müllsack gesteckt und aus dem Fenster geworfen. Das wirkt sehr brutal und weckt den Eindruck, sie habe es entsorgen wollen.

Das war natürlich keine gezielte Entsorgung. Die gibt es aber auch. Man muss bei diesem Fall aber sagen: Man weiß noch nichts Genaues. Selbst das Geständnis muss so nicht stimmen.

Kindstötungen: Eine Chronologie aus Berlin und Brandenburg.
Juli 2002

Ein zwei Tage alter Junge wird in der Babyklappe des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede entdeckt. Der Säugling war mit 15 Messerstichen getötet worden. 

Die Polizei sagt, die Anonymität in der Großstadt sei für die hohe Zahl der Fälle verantwortlich. Spielt das eine Rolle?

Nein, mit Anonymität ist das nicht zu erklären. Kindstötungen gibt es auf dem Dorf ebenso wie in der Großstadt. Zu viel Nähe in einem Dorf kann auch nicht gut sein. Das Problem, das die Frauen haben, ist das Muttersein – und wie sie mit der Rolle umgehen.

Frauen, die ihre Kinder getötet haben, werden meist vergleichsweise milde verurteilt…

Das stimmt nicht. Bei einer Kindstötung berücksichtigt das Gericht genauso wie bei jeder anderen Tötung den Tatablauf und die Persönlichkeit von Täter oder Täterin. Für die Bevölkerung scheint es aber so zu sein, dass diese Frauen anders bestraft werden. Das liegt daran, dass die Spezifität der Tat und die Lebenssituation der Täterinnen vor Gericht stets individuell betrachtet werden. Aber wenn es Mord war, wird auch eine Mutter wie eine Mörderin bestraft.

Bereuen solche Frauen eigentlich später, was sie getan haben?

In der Regel haben die Frauen in der Haftzeit ganz erhebliche Probleme. Abgesehen davon, dass sie von anderen Gefangenen abgelehnt werden – oft wird ihnen erst in der Haft bewusst, was sie gemacht haben. Dann kommen die Selbstvorwürfe und die moralische Ächtung. Diese Frauen erleben eine intensive Auseinandersetzung mit der Tat – oft stärker als andere Straftäter.

Stefan Dauer (49) ist Fachreferent für Rechtspsychologie an der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Das Gespräch führte Claudia Fuchs.

Anzeige
Berliner Zeitung präsentiert:
Anzeige
Anzeige
BER-Dossier
Ein Flugzeug fliegt in Schönefeld über die A113.

Der neue Flughafen Berlin Brandenburg (BER) soll bis zu 40.000 Arbeitsplätze schaffen. Doch die Eröffnung im Juni ist geplatzt, die neuen Flugrouten sind umstritten. In unserem Dossier erfahren Sie alles über den Stand der Umzugsarbeiten und die Konsequenzen für die Hauptstadtregion. mehr...

Neueste Bildergalerien Berlin
Sonderthema

Die 4. Ausgabe zeigt wieder Trends und Aktuelles aus der Autowelt. Unter anderem auch:

IM ÜBERBLICK: die neuen Modelle
IM TEST: der SLK mit Dieselmotor
IM GESPRÄCH: ein Beifahrer

Alles lesen...

Serie
Auf zwei Rädern durch Berlin. Heute werden Tag für Tag im Durchschnitt rund 1,5 Millionen Wege in Berlin mit Pedalkraft zuückgelegt.

Junge und Alte tun es, Frauen und Männer auch: Sie radeln. Berlin ist im Zweirad-Fieber. In unserer neuen Serie beschäftigen wir uns mit der Fahrradmetropole Berlin. mehr...

Umfrage: Hält Hertha BSC die Bundesliga?

Kann Hertha BSC Berlin nach der Niederlage im ersten Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Klassenerhalt doch noch schaffen?

23% Es wird schwierig, aber Hertha schafft es.
28% Ohne Lasogga hat Hertha keine Chance.
18% Fortuna Düsseldorf ist zu stark.
31% Mir ist das egal.
Galerie
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Serie zur Gentrifizierung
Interaktiv
Kolumne

Täglich erzählen unsere Lokalreporter Anekdoten aus dem Nachtleben in der Hauptstadt. mehr...

Anzeige
Anzeige
Meistgeklickte Artikel
Thilo Sarrazin diskutierte bei Günther Jauch mit Peer Steinbrück.
"Europa braucht den Euro nicht" 
Absteiger? Sünder? Oder Spieler, die noch eine Chance bekommen, den Klassenerhalt zu sichern? Herthas Profis bei der sonntäglichen Übungsstunde unter der Leitung von Otto Rehhagel.
Relegation gegen Düsseldorf 
Sanierte Wohnungen im Märkischen Viertel.
Mieten in Berlin 
Ferienhäuser an der Mecklenburgischen Seenplatte

Genießen Sie Ihren Urlaub im Land der tausend Seen. Mit BestFewo finden Sie das passend Ferienhaus für Ihre Reise.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Anzeige
Galerie
Liveticker
34 Staus mit einer Gesamtlänge von 86km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Autohändler in Berlin
Finden Sie Autohändler in Berlin und Umgebung bei AutoScout24