Kerzen, Plüschtiere und Blumen erinnern an einen grausamen Vorfall in Charlottenburg: Am 20. November hatte eine Frau ihren neugeborenen Sohn aus dem 5. Stock ihres Wohnhauses am Spandauer Damm geworfen. Nur wenige Tage später wurde ein toter Säugling in Buch gefunden, die Mutter hatte ihn erstickt. Foto: dapd
Kerzen, Plüschtiere und Blumen erinnern an einen grausamen Vorfall in Charlottenburg: Am 20. November hatte eine Frau ihren neugeborenen Sohn aus dem 5. Stock ihres Wohnhauses am Spandauer Damm geworfen. Nur wenige Tage später wurde ein toter Säugling in Buch gefunden, die Mutter hatte ihn erstickt. Foto: dapd
Berlin –
Der Berliner Säuglingsmord ist kein Einzelfall. Doch warum tötet jemand sein eigenes Kind? Den Tätermüttern fehlt es es oft an Sozialbindungen und der Bereitschaft, ihr Leben zu verändern, meint der Rechtspsychologe Stefan Dauer.
Herr Dauer, warum töten Mütter ihre Neugeborenen?
Aus unterschiedlichen Gründen. Unmittelbar nach der Geburt töten sie, wenn sie keine Identifikation mit dem Kind erreicht haben, wenn sie die Schwangerschaft ignoriert haben und die Geburtsvorbereitung verleugnet haben.
Wie oft geschieht so etwas?
Laut polizeilicher Kriminalstatistik gibt es in Deutschland 100 bis 120 Fälle jährlich.
Das Baby lag im Innenhof eines Mehrfamilienhauses.
Foto: dpa
Der neugeborene Junge war aus dem fünften Stock eines sechsstöckigen Wohnhauses geworfen worden.
Foto: Birgitt Eltzel
Der tote Säugling lag auf dem Pflaster in einer blauen Mülltüte. Er war in eine Decke und in Zeitungen gewickelt. Die gelben Striche markieren den Fundort.
Foto: Birgitt Eltzel
Der 67-jährige Rentner Dieter Herde aus dem sechsten Stock machte den grausigen Fund, als er gegen 8:30 Uhr den Müll wegbringen wollte.
Foto: Birgitt Eltzel
Polizisten holten aus der Wohnung im fünften Stock einen 44-jährigen Mann, eine 40-jährige Frau und deren 15-jährige Tochter zur Vernehmung. Das Kind soll die 40-Jährige entbunden haben. Alle drei hatten sich in der Wohnung der Frau im fünften Stock befunden. Den Hof sperrten die Einsatzkräfte weiträumig für die Spurensicherung und Tatortbegehung ab. Gegen 13 Uhr wurde der Hof wieder freigegeben.
Foto: dpa
Weil der 44-jährige Mann als Gewalttäter bekannt war, kam das SEK zum Einsatz.
Foto: dpa
Auch der Hund der Familie, ein Rottweiler-Mischling, wurde aus der Wohnung entfernt und in die Tiersammelstelle gebracht.
Normalerweise löst die Geburt eines Kindes eine Welle von Glücksgefühlen aus, die Schmerzen der Geburt sind vergessen, die Freude riesig. Warum ist das bei einigen Frauen so vollständig anders?
Das findet bei einigen Frauen tatsächlich nicht statt. Das ist aber nicht biologisch begründet – wie bei Kindbettdepressionen zum Beispiel – sondern psychologisch. Diesen Frauen fehlt es oft an sozialen Bindungen und an der Bereitschaft, das eigene Leben verändern zu wollen. Die Schwangerschaft passt nicht.
In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche möglich, Babys können zur Adoption abgegeben werden – keine Frau muss ein Kind haben…
Und wir haben ja auch die Babyklappe, natürlich. Aber diese Frauen sind nicht in einem sozialen System verankert – sie thematisieren die Schwangerschaft einfach nicht. Diese Frauen stehen in der Regel unter erheblicher psychischer Belastung, entweder durch sich selbst oder durch einen Partner, der sie nicht unterstützt.
Stefan Dauer (49), Psychologe und Forensiker. Foto: Akademie für Rechtspsychologie
Stefan Dauer (49), Psychologe und Forensiker. Foto: Akademie für Rechtspsychologie
Sind die Taten eigentlich geplant oder beschließen die Frauen erst bei der Geburt, ihr Kind zu töten?
Das ist unterschiedlich. Manchmal kann die anstehende Geburt, die möglicherweise zuvor verdrängt wurde, die Situation ins Bewusstsein rufen – und dann reagieren diese Frauen unerwartet. Es gibt aber auch geplante Tötungsdelikte.
Gibt es Unterschiede, wie die Kinder getötet werden?
Es gibt eine Vielzahl von Tötungsarten: während der Geburt, kurz danach, zum Beispiel durch Erschlagen oder Strangulation; mehrere Monate später durch Kindesmisshandlung. Es gibt aber Frauen, die legen ihr Kind nach der Geburt einfach ab und lassen es unversorgt.
Was sind das für Frauen?
Jede Frau, die gebärfähig ist, kann potenziell zur Täterin werden. Theoretisch jedenfalls. Aber glücklicherweise nutzen die meisten Frauen ihre Schwangerschaft, um sich auf ihre neue Rolle als Mutter vorzubereiten. Aus psychologischer Sicht sind die neun Monate also durchaus sinnvoll.
Die Berlinerin, die inzwischen gestanden hat, ihr Baby getötet zu haben, hat ihren Sohn nach der Geburt in einen Müllsack gesteckt und aus dem Fenster geworfen. Das wirkt sehr brutal und weckt den Eindruck, sie habe es entsorgen wollen.
Das war natürlich keine gezielte Entsorgung. Die gibt es aber auch. Man muss bei diesem Fall aber sagen: Man weiß noch nichts Genaues. Selbst das Geständnis muss so nicht stimmen.
Kindstötungen: Eine Chronologie aus Berlin und Brandenburg.
Ein zwei Tage alter Junge wird in der Babyklappe des Zehlendorfer Krankenhauses Waldfriede entdeckt. Der Säugling war mit 15 Messerstichen getötet worden.
September 2003
Gartenarbeiter finden in einem Park an der Glassower Straße in Neukölln einen toten Jungen. Das Baby war erdrosselt worden.
Juli 2004
Handwerker entdecken in einer Wohnung in Berlin-Lichtenrade eine Kinderleiche. Die Mutter hatte das Kind nach der Geburt verhungern und verdursten lassen.
Februar 2005
In einer Recycling-Anlage in Mahlsdorf wird ein totes Baby gefunden.
August 2006
In Köpenick entdeckt ein Vater im eigenen Heizungskeller eine Babyleiche. Die 19-jährige Tochter hatte das Kind geboren und anschließend erstickt.
Dezember 2007
Eine 18-jährige Schülerin aus Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) bringt einen Jungen zur Welt und erdrosselt ihn mit einem Strumpf.
Februar 2008
Eine 23-Jährige aus Lübben (Dame-Spreewald) ertränkt ihr Neugeborenes in der Badewanne. In Nauen (Havelland) wird ein totes Baby entdeckt. Die 22-jährige Mutter hatte es sterben lassen und im Nachbarhaus versteckt.
April 2008
Die Polizei findet ein totes Baby am Gräbendorfer See in der Lausitz. Die Mutter hatte ihr Kind erdrückt und vergraben. Spaziergänger finden unterhalb des Müggelturms in Köpenick einen Rucksack. Darin liegt ein neugeborenes totes Mädchen. Die Polizei findet heraus, dass sich die Mutter, die als Animierdame beschäftigt war, nach Asien abgesetzt hat.
März 2009
Eine 21-Jährige tötet in Biesenthal (Barnim) ihre Zwillinge. Eines der beiden Babys war noch nicht geboren, als sie es durch Schläge auf ihren Bauch umbrachte. Ebenfalls im März entdeckt ein Mieter eine Babyleiche in einem Kleidercontainer an der Güntzelstraße in Wilmersdorf.
Oktober 2009
In einer Wohnung in Charlottenburg werden vier tote Babys entdeckt. Die Überreste liegen in einem Polsterhocker. Der Hocker stammt aus einer Wohnung des Hochhauses Krumme Straße. Dort hatte seit Oktober 2008 eine Frau gelebt, die sich Ende Juli 2009 aus dem Fenster der Wohnung in der 12. Etage stürzte.
Februar 2010
Eine Mutter entbindet ihr Kind allein im Treppenhaus. Das Kind stirbt und wird auf einem verschneiten Acker in Weesow (Barnim) entsorgt.
Dezember 2010
Eine 20-Jährige wirft ihr Kind am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages nach der Geburt aus dem Fenster eines mehrgeschossigen Hauses in der Charlottenburger Kaiser-Friedrich-Straße. Ein Nachbar entdeckt den Säugling im Schnee, als er seinen Müll wegbringt. Der Junge stirbt in einer Klinik an Unterkühlung.
Juli 2011
In Lauchhammer im südlichen Brandenburg wird eine Frau verhaftet, weil sie in der Wohnung ihre drei Monate alte Tochter getötet haben soll. Die Obduktion bestätigt den Verdacht, dass das Kind getötet worden ist. Bei der Mutter wird ein Blutalkoholwert von 1,8 Promille festgestellt.
Die Polizei sagt, die Anonymität in der Großstadt sei für die hohe Zahl der Fälle verantwortlich. Spielt das eine Rolle?
Nein, mit Anonymität ist das nicht zu erklären. Kindstötungen gibt es auf dem Dorf ebenso wie in der Großstadt. Zu viel Nähe in einem Dorf kann auch nicht gut sein. Das Problem, das die Frauen haben, ist das Muttersein – und wie sie mit der Rolle umgehen.
Frauen, die ihre Kinder getötet haben, werden meist vergleichsweise milde verurteilt…
Das stimmt nicht. Bei einer Kindstötung berücksichtigt das Gericht genauso wie bei jeder anderen Tötung den Tatablauf und die Persönlichkeit von Täter oder Täterin. Für die Bevölkerung scheint es aber so zu sein, dass diese Frauen anders bestraft werden. Das liegt daran, dass die Spezifität der Tat und die Lebenssituation der Täterinnen vor Gericht stets individuell betrachtet werden. Aber wenn es Mord war, wird auch eine Mutter wie eine Mörderin bestraft.
Bereuen solche Frauen eigentlich später, was sie getan haben?
In der Regel haben die Frauen in der Haftzeit ganz erhebliche Probleme. Abgesehen davon, dass sie von anderen Gefangenen abgelehnt werden – oft wird ihnen erst in der Haft bewusst, was sie gemacht haben. Dann kommen die Selbstvorwürfe und die moralische Ächtung. Diese Frauen erleben eine intensive Auseinandersetzung mit der Tat – oft stärker als andere Straftäter.
Stefan Dauer (49) ist Fachreferent für Rechtspsychologie an der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Das Gespräch führte Claudia Fuchs.
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