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Berliner Zeitung | Interview: „Berlin hat tatsächlich viel vom New York der 80er Jahre“
15. March 2016
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Interview: „Berlin hat tatsächlich viel vom New York der 80er Jahre“

Joe Jackson

Joe Jackson

Foto:

Jacob Blickenstaff

Auch wenn Joe Jackson weder Currywurst noch Hipster besonders mag: In Berlin fühlt sich der britische Musiker längst zuhause. Der 61-Jährige verbringt mehr Zeit in seinem Kreuzberger Domizil, als in seiner New Yorker Wohnung. Deshalb wollte er für sein Album „Fast Forward“, für das er Songs in Berlin, New York, Amsterdam und New Orleans aufgenommen hat, unbedingt den Peter-Kreuder-Klassiker „Good Bye Johnny“ aus den 30er Jahren covern.

Herr Jackson, Sie sind 2006 nach Berlin gezogen. Hat Sie diese Stadt gar nicht gereizt, als die Mauer noch stand?

Doch. Ich war schon vor der Wiedervereinigung einige Male in Berlin. Und zwar nicht bloß in West-Berlin, sondern auch in Ost-Berlin. Die Mauerstadt fand ich stets sehr interessant. Doch ich habe damals eben in New York gewohnt.

Heute pendeln Sie zwischen New York und Berlin.

Ich versuche, wirklich in Berlin zu leben. Nur zieht mich einiges immer wieder nach New York: Mein Manager und meine Band sind dort. Deswegen kann ich die Verbindung zu dieser US-Metropole nicht völlig kappen.

 

Es heißt ja, Berlin sei wie New York vor 35 Jahren.

Berlin hat tatsächlich viel vom New York der 80er Jahre. Diese Metropole ist frei und rau, die Lebenshaltungskosten sind verhältnismäßig niedrig. Junge Kreative können hier ohne weiteres leben. Obwohl die Berliner ständig über die steigenden Mieten klagen. Dabei liegen die Preise auf dem Wohnungsmarkt weit unter Städten wie New York oder London.

Wie inspirierend ist Berlin eigentlich für Sie als Musiker?

Eine Stadt hat grundsätzlich keinen Einfluss auf meine künstlerische Arbeit. Als ich meine CD „Rain“ in Berlin aufnahm, sagte hinterher jeder zu mir: „Die Songs spiegeln dieses Stadt wider.“ Dabei hatte ich sie geschrieben, bevor ich nach Berlin gekommen bin.

Trotzdem erzählen Sie auf Ihrem aktuellen Album „Fast Forward“ Geschichten aus vier Städten, darunter auch Berlin.

Lassen Sie es mich so formulieren: Ich habe meine Stücke zwar in vier Städten eingespielt, aber sie handeln nicht unbedingt von diesen Metropolen.

Lebt Ihre „Junkie Diva“ etwa nicht in Berlin?

Nicht zwingend. Es geht in diesem Lied eh gar nicht so sehr um diese Frau, sondern um einen Fan, der von einem weiblichen Star geradezu besessen ist. In seiner Fantasie führt diese Person ein glamouröses Leben – meilenweit entfernt von seinem faden Alltag. Es fasziniert ihn, dass sie sich in dunkle Abgründe stürzt, Drogen nimmt, bis ans Limit geht. Er selbst würde sich das zwar niemals trauen, doch in der Rolle des Zaungastes fühlt er sich rundherum wohl. Selbst dem frühen Tod seines Idols kann er noch etwas abgewinnen. Nach dem Motto: Gut, dass diese Frau so jung gestorben ist. Wenn sie älter geworden wäre, hätte sie vermutlich bald ihre Ausstrahlung verloren.

Ist diese Nummer eine Hommage an Amy Winehouse?

Das werde ich dauernd gefragt. Die Wahrheit ist: Ich hatte sie nicht im Kopf, als ich dieses Stück geschrieben habe. Mir ging es tatsächlich nur um diese beinahe krankhafte Fixierung auf Stars.

Macht Ihnen der Gedanke, dass Ihre Anhänger alles Mögliche in Sie hineinprojizieren könnten, manchmal Angst?

Ich denke, sie interessieren sich in erster Linie für meine Musik. Mein Lebensstil dürfte ihnen verhältnismäßig egal sein. In den 80er Jahren gab es mal eine Phase, wo das anders war. Auf dem Höhepunkt meines Erfolgs stand ich mehr unter Beobachtung. Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Ich wollte nie – wie Michael Jackson – zu einer Kunstfigur stilisiert werden. Denn ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Auf jeden Fall haben Sie sich Ihre kritische Beobachtungsgabe bewahrt. Mit „I could see your Face“ prangern Sie Ehrenmorde an.

Zu diesem Titel hat mich das Schicksal der jungen Kurdin Hatun Sürücü inspiriert, die vor elf Jahren mitten in Berlin von ihren Brüdern getötet wurde. Weil sie ihrer streng religiösen Familie zu westlich orientiert war. Es ist mir ein Rätsel, wie so etwas in einer angeblich multikulturellen Gesellschaft passieren kann. Einerseits werden Frauen in einem freien Land wie Deutschland gezwungen, Kopftücher zu tragen – und niemand unternimmt etwas dagegen. Auf der anderen Seite regt sich keiner mehr darüber auf, wenn in der weltoffenen Hauptstadt von Kopf bis Fuß tätowierte Lesben Hand in Hand durch die Straßen gehen. Warum wird beides toleriert? Normalerweise widersprechen sich Unterdrückung und Gleichberechtigung doch.

 

Das Interview führte Dagmar Leischow.

 

Joe Jackson, Mittwoch, 16. März, 20 Uhr, UdK Konzertsaal Hardenbergstraße, Charlottenburg, Karten ab 53 Euro.


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