05.01.2012

Interview: "Dankbarkeit und Trauer"

Benjamin Pritzkuleit
Jonathan Margulies vor einer Wand, die zum Namen seines Clubs an der Heidestraße 14 passt.
Berlin –  

Am Sonnabend feiert Berlins Drum&Bass-Institution Icon nun die allerletzte Party und schließt dann endgültig. Der Tape-Betreiber Jonathan Margulies spricht über das bevorstehende Ende seines Clubs und die Dinge, die bleiben.

Auch in den Räumen der früheren Maria, in denen im zuletzt unter dem Namen ADS Partys stattfanden, ist jetzt wirklich Schluss. Und nebenan schließt Chez Jacki gleich mit. Die Zeit der Zwischennutzung ist vorbei. Bald auch für den Tape Club.

Seit fast fünf Jahren befindet er sich in einem flachen Lagerhaus an der Heidestraße, in einem Quartier gegenüber des Hauptbahnhofs, das lange urbane Wüste war. Da das Tape nicht nur Club ist, sondern auch Raum für Ausstellungen bietet, siedelten sich nebenan Ateliers und Galerien an und machten die Gegend kurzzeitig zu einem neuen Kunstzentrum.

Die meisten sind schon wieder weg. Und auch das Tape wird dem neuen Stadtteil weichen müssen. Der Rohbau eines Hochhauses steht bereits an der Heidestraße, auf der der Verkehr aus dem Tiergarten-Tunnel entlangrauscht.

Bis dahin wird im Tape gefeiert – wie zum Beispiel Neujahr mit einer Schwulenparty des Labels GMF. Höchste Zeit, Jonathan Margulies zu befragen, einen der beiden Betreiber. Der 33-Jährige mit israelischem und US-Pass lebt seit 2004 in Berlin. Zum Interview hat er in sein sonniges Büro im Tape mit Blick auf Kopfsteinpflaster und alte Klinker-Lagerhäuser geladen.

Herr Margulies, wie wird es hier bald aussehen?

Die Gegend wird ein großes Entwicklungsgebiet. Es wird alles abgerissen und völlig neu gebaut. Breite Straßen, eine neues Hafenbecken und wahrscheinlich viele Wohnungen. Von der alten Substanz bleibt nichts. Dabei hat dieses Gebiet so viel Charme. Wo jetzt unser Club ist, wird bald die verbreiterte Heidestraße sein. Die ist bereits von der Stadt vorfinanziert. Deshalb ist es völlig egal, wann genau die Investoren kommen. Unser Gebäude ist bald weg.

Wann macht das Tape dicht?

Irgendwann im Frühjahr. Unser Vertrag läuft im Mai aus und würde danach nur noch monatlich verlängert werden. Aber das macht keinen Spaß: Monat für Monat kämpfen. Nein, Danke. Wir möchten im Voraus planen und werden im Mai oder auch schon früher zumachen.

Also kein überraschendes Ende?

Nein. Dass wir gehen müssen, war von Anfang an klar. Wir haben damals einen Zweijahresvertrag unterschrieben und sind doch schon fünf Jahre hier. Wir hatten von Anfang an nicht die Illusion, dass es zehn Jahre gehen würde.

Mit welchem Gefühl verlassen Sie die Heidestraße?

Wir sind dankbar, für die Zeit, die wir hatten. Natürlich ist da auch Trauer, schließlich war der Club fünf Jahre lang unser Wohnzimmer. Gleichzeitig gibt es gute Energie, wenn man weiß: Okay, ich mache jetzt etwas Neues. Was wir gelernt haben und die Kontakte, die wir geknüpft haben, das alles schmeißen wir ja nicht auf den Müll. Für uns war die Zeit ein Erfolg. Deshalb ist es gut, jetzt nach unserem eigenen Zeitplan aufzuhören.

Was haben Sie anschließend vor?

Erstmal machen wir eine kleine Pause, bevor die nächste Sache anfängt. Wir möchten nicht schnell irgendetwas finden, vor allem keinen Laden mit Zwischennutzung sondern etwas Langfristiges. Dieses Zwischennutzungsleben ist gut für eine bestimmte Zeit, um zu experimentieren und etwas zu entwickeln, ohne hohe Kosten an der Backe zu haben. Aber irgendwann reicht es. Begonnen haben wir ja als Produktionsfirma für Events in der Film- und Modebranche, der Club kam erst später. Die Firma arbeitet weiter. Dafür braucht man keinen festen Ort. In Berlin findet man zum Glück immer noch schöne Räume, in denen man einmalige Veranstaltungen machen kann.

Suchen Sie auch neue Club-Räume?

Ja. Wir haben schon ein, zwei interessante Orte gefunden. Aber wir haben’s nicht eilig. Mit dem Tape haben wir viel gelernt: Was wir können und was nicht, was wir wollen und was nicht. Der nächste Ort soll zu einer Institution werden. Dazu braucht man aber die richtige Location, mit der richtigen Konstellation an Leuten. Deshalb: keine Eile.

Werden Sie den Tape Club also woanders wiedereröffnen?

Nein, das Tape wird mit diesem Ort sterben. Aber es kommt ein neues Konzept. Ich bin mir noch nicht sicher, ob man das dann einen Club nennen kann. Das hängt auch von den Räumen ab. Sicher ist aber: Dort wird laute Musik gespielt, und man kann tanzen.

Was ist demnächst noch geplant?

Demnächst ist wieder Tape Modern, die Gruppenausstellung mit bis zu 25 Künstlern in der großen Halle, samt Afterparty. Wahrscheinlich wird es die letzte hier sein. Horse Meat Disco, unsere erfolgreichste Partyreihe, findet weiter jeden zweiten Sonnabend im Monat statt und wird ins Exil gehen, bis wir einen neuen, festen Ort haben. Ende Januar findet außerdem die letzte Underground Quality-Labelnacht statt. Das wird ganz groß. Wir haben seit Jahren eine enge Bindung zu dem US-Label. Es steht für die Musik, mit der wir uns identifizieren: House und Deep House.

Packen Sie schon?

Noch nicht. Aber nach fünf Jahren wird bestimmt einiges zu tun sein. Zum Glück haben wir tolles Personal, das schon lange dabei ist. Ich bin mir sicher, dass wir innerhalb von zwei Wochen alles zusammengepackt und ins Lager gebracht haben. Und dann geht es erstmal für ein paar Wochen zum Entspannen an den Strand.

Das Gespräch führte Katja Hanke.

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