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Interview mit Berliner Kinderpsychiater: „Depressionen bei Kindern nehmen zu“

Bei Jungen zeigen sich Probleme schneller als bei Mädchen.

Bei Jungen zeigen sich Probleme schneller als bei Mädchen.

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imago/Westend61

Zu Beginn des Gesprächs ist nur noch eine Kollegin anwesend. Und als wir fertig sind, ist bereits eine Reinigungskraft aktiv. Ansonsten ist in der Praxis in Schöneberg mit den hohen hellen Räumen längst alles still. Feierabend. An dem kleinen quadratischen Holztisch, an dem sonst seine heranwachsenden Patienten Platz nehmen, muss der Kinderpsychiater Michael Elpers nun selbst Fragen beantworten. Er macht das cool.

Herr Elpers, das Klischee besagt, Großstädte seien psychisch kranke Städte, während es Kindern auf dem Land gut geht. Stimmt das?

Die Art der psychischen Erkrankungen und ihre Verteilung sind zwischen Stadt und Land gar nicht so unterschiedlich. Allerdings sieht man in der Stadt viele Krankheitsbilder auf engem Raum. ADS hingegen, also das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, ist laut aktueller Krankenkassenerhebungen auf dem Land weiter verbreitet als in Städten.

Wie psychisch krank oder gesund sind Berlins Kinder?

Sie sind nicht kranker als in anderen Gegenden Deutschlands. Aber es gibt eine Zunahme von Angststörungen, stressbedingten Erkrankungen und Depressionen – bei Jugendlichen und Kindern. Auch der zunehmende Cannabiskonsum bei Jugendlichen wird psychiatrisch als sehr problematisch angesehen. Die Zahl der Kinder mit massiven Schulproblemen nimmt zu. Hier im Bezirk Schöneberg ist der Anteil der rechtschreibgeförderten Kinder um 60 bis 70 Prozent gestiegen, ohne dass sich die sozialen Faktoren verändert haben. Da muss man sich schon mal fragen, woran es liegt, dass immer mehr Kinder immer schlechter schreiben können.

Und – woran?

Bei der Vielzahl der Schulreformen sind sowohl Lehrer als auch Schüler überfordert. Das Klischee hingegen, wonach jedes Kind mit Schulproblemen ein ADS hat und Ritalin bekommt, trifft seltener zu – gerade in Berlin. Hier geht der Anteil der medikamentös behandelten Kinder sogar eher zurück. AD(H)S betrifft drei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, nicht mehr. Deshalb ist es umso wichtiger genau hinzuschauen, wo die Probleme liegen.

Noch mal zur Rechtschreibung. Früher wäre man nicht auf den Gedanken gekommen, das in den Bereich psychischer Störungen zu rücken.

Wir sprechen hier nicht von einfachen Rechtschreibfehlern, sondern von Legasthenie. Und das Problem bei Legasthenie ist, dass Krankenkassen zwar die Diagnostik bezahlen, aber nicht die Therapie. Eltern haben die Möglichkeit, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen – allerdings nur, wenn zusätzlich eine psychische Störung besteht.

Es gibt den Vorwurf, dass die Psychiatrie Probleme pathologisiere, also Gesunde zu Kranken erkläre.

Manchmal gilt ein Kind, das motorisch oder schwierig im Sozialverhalten ist, gleich als krank. Dem würde ich energisch widersprechen. Allerdings ist immer häufiger soziale Kompetenz gefragt. Und da zeigen sich Probleme bei Jungs schneller als bei Mädchen. Was nicht heißt, dass Mädchen glücklicher sind, nur weil sie angepasster sind. Sie fallen bloß nicht so schnell auf. Eltern kommen mit ihren Kindern meist, weil sie Probleme in der Schule haben. Zusätzliche schulische Förderung gibt es aber oft nur, wenn eine psychiatrische Diagnose gestellt wird. Und die Ursache von Schulproblemen kann auch darin liegen, dass die Schule personell unterbesetzt ist. Dabei erlebe ich die Schulen grundsätzlich als sehr bemüht. Schulen müssen für Kinder jedenfalls Anträge stellen auf Förderung, im Bereich Lernen oder im sozial emotionalen Bereich. Also kommen die Kinder zu uns. Wenn man keine stellt, weil ein Kind psychisch gesund ist, dann stößt man auf Unverständnis. Bloß nicht bei den Eltern; die sind meistens froh.

Aus welchen Milieus rekrutieren sich Ihre Patienten?

Es gibt keine Häufung in bestimmten sozialen Schichten. In der Oberschicht ist es eher so, dass Kinder wegen der zunehmenden Arbeit und der dadurch bedingten Abwesenheit der Eltern auf sich gestellt sind. Stichwort Wohlstandsverwahrlosung. Auf der anderen Seite ist es nicht so, dass sich Hartz- IV-Empfänger nicht kümmern. Hier besteht oft derselbe Wunsch nach Bildung; es fehlen nur die Möglichkeiten zur Unterstützung. Sicher ist: Zunehmender Stress und Mobbing in der Schule wie Ausgrenzung überhaupt sind immer ein großer Risikofaktor für psychische Störungen.

Und sonst?

Und dann gibt’s den großen Bereich der psychischen Erkrankungen der Eltern. Da werden Probleme der Eltern auf die Kinder übertragen. Oft fühlen sich Kinder verantwortlich für ihre Eltern, so- dass sich Eltern-Kind-Rollen teilweise umdrehen und Kinder Verantwortung für die Eltern übernehmen müssen. Stichwort Alkoholismus, der vielfach verdeckt verläuft. Das alles wirkt sich auf die psychische Gesundheit der Kinder aus, bricht sich aber als Symptom oft erst in der Schule bahn. Auch um Chronifizierungen zu verhindern, ist schnelles Handeln wichtig.

Um auf Berlin zurückzukommen: Ist Steglitz psychisch gesünder als Spandau?

Nein.

Ist Ost-Berlin psychisch gesünder als West-Berlin?

Nein. Die pädagogischen Ansätze sind häufig andere. Aber das heißt nicht, dass sie besser oder schlechter sind. Eltern aus Ost-Berlin gehen häufig anders mit Problemen um.

Nämlich wie?

Ein klassisches Beispiel ist die Sauberkeitserziehung. Für viele Ost-Berliner Eltern ist es nach wie vor wichtig, dass das Kind nach einem Jahr trocken ist. Ein West-Berliner Elternteil würde sagen, warten wir mal ab. Und die Medizin sagt, vor dem vierten Lebensjahr ist das eh kein Problem. Die Akzeptanz von Kinderpsychiatrie ist gleich, obwohl Ost-Eltern häufig noch ganz andere Erfahrungen mit Psychiatrie hatten. Kürzlich war ein Vater hier, dessen Kind ein schweres ADS hat. Er sagte, er habe auch eines gehabt. Es wurde damals nur nicht so genannt. Er kam dann zur Kur. Und die bestand darin, dass er jeden Morgen mit eiskaltem Wasser abgespritzt wurde. Diese Erfahrung ist bis heute sehr prägend, trotzdem wird Hilfe selbstverständlich in Anspruch genommen.

Wie steht es um Migranten?

Ich erlebe Eltern mit Migrationshintergrund in unserer Praxis genauso besorgt um die psychische Entwicklung, die Bildung und die damit verbundenen Zukunftschancen ihrer Kinder, egal, ob sie türkische, arabische oder andere Wurzeln haben.

Wie erklären Sie einem Kind, dass es mit weniger Ängsten in die Schule gehen soll, wenn die Eltern selbst Leistungsdruck haben?

Dann darf ich nicht allein mit dem Schüler oder der Schülerin sprechen, sondern muss der ganzen Familie und den Eltern bewusst machen, woher die Symptomatik kommt. Ein Kind kann nicht nur funktionieren. Und der Stress der Eltern wirkt sich auf die Kinder aus. Da muss man gemeinsame Lösungen finden.

Und wie überzeugen Sie ein Kind, nicht mehr so viel im Internet zu surfen, wenn es an jeder Straßenecke Erwachsene mit dem iPhone spielen sieht?

Schwierig. Aber es muss bei der Nutzung neuer Medien Pausen geben. Das kann man auch neurobiologisch erklären. Die einseitige Fokussierung auf den Medienkonsum kann im Gehirn Stresshormone auslösen. Die neuronale Netzwerkbildung kann bei chronischem Gebrauch verlangsamt werden. Man muss sich nur die Sendung mit der Maus angucken. Da läuft die Maus ganz langsam durchs Bild. Und die Farben sind im Gegensatz zu vielen anderen Medienangeboten ganz einfach gehalten. Das stellt für das kindliche Gehirn keinen Stress dar. Die Vorbildfunktion von Eltern fällt aber heute schon oft im Kindergartenalter oder davor weg. Oft sehe ich Eltern in Cafés, deren Kinder im Kinderwagen mit den Smartphones ihrer Eltern spielen. Das ist sehr problematisch.

Was wäre Ihre Prognose?

Dass der Anteil der aufmerksamkeitsgestörten Kinder durch die Reizüberflutung noch deutlich zunehmen wird. Dieses Konsumverhalten zu beeinflussen, ist in Berlin natürlich viel schwieriger, weil die medialen Möglichkeiten ungleich größer sind.

Und das Internet ist schneller als in der Uckermark.

Für Spiele brauche ich ja nicht mal eine Internet-Verbindung. Dafür sind Kinder und Jugendliche in den Großstädten oft informierter als auf dem Land. Mit denen kann man auch über problematische Entwicklungen diskutieren.

Sie arbeiten in der Stiftung „Achtung! Kinderseele“ mit. Was tut diese Stiftung?

Die Stiftung hat sich aus einer Initiative der verschiedenen kinderpsychiatrischen Fachverbände in Deutschland gegründet. Es geht um die Bewusstmachung der möglichen Probleme in der psychischen Entwicklung, also auch um Prävention. So übernehmen Kinderpsychiater zum Beispiel Patenschaften für Kindergärten. Diese Arbeit außerhalb der etablierten Systeme ist notwendig.

Zivilgesellschaftliches Engagement entsteht immer dann, wenn anderswo Defizite existieren.

Grundsätzlich ist zivilgesellschaftliches Engagement eine gute Sache, weil es frei von Sachzwängen passiert. Es wird nach Problemen geguckt und nicht nach Paragrafen, wie sie zum Beispiel bei Jugendhilfemaßnahmen notwendig sind. Kinder- und Jugendpsychiatrie bietet keine schnellen Lösungen, sondern braucht Zeit, weil sie dem Entwicklungsgedanken Rechnung trägt. Das Problem ist, dass es oft zu lange dauert, bis eine empfohlene Therapie durchgesetzt werden kann. Dann besteht die Gefahr einer Chronifizierung. Dahinter steckt auch ein finanzielles Problem. Der Berliner Senat hat wenig Geld oder setzt falsche Prioritäten. Ein Schulpsychologe ist für 12 oder 13 Schulen zuständig. Die Eltern warten oft mehr als sechs Monate auf einen Termin und kommen dann natürlich lieber hierher, weil sechs Monate deutlich zu lang sind. Und dann dauert es wieder Monate, bis eine Maßnahme durchgesetzt werden kann, weil wieder eine Diagnose benötigt wird für die Krankenkasse und die Jugendämter. Das System ist zu träge.

Woran merken Sie das?

Viele Eltern sind verzweifelt. Wir sehen pro Quartal fast 1 000 Familien. Und wir müssen auch welche wegschicken. Die Schwere der Erkrankungen nimmt zu. Trotz allem sind in Ost- wie West-Berlin Strukturen entstanden, die helfen. Unser Einzugsbereich ist der gesamte Osten, weil es im ländlichen Bereich sonst nicht viele Angebote gibt. Ich hatte sogar schon Familien aus Bayern hier. In Spitzenzeiten haben wir zehn Neuanmeldungen pro Tag. Wir betreuen die ersten Eltern, die als Kinder bei uns Patienten waren und jetzt mit ihren eigenen Kindern kommen – aus dem Wissen heraus, wie es ihnen selbst ergangen ist. Kinder- und Jugendpsychiatrie wird immer selbstverständlicher. Das ist eine gute Entwicklung.

Sie selbst kommen aus einer Kleinstadt im Münsterland und leben seit über 20 Jahren in Berlin. Schon mal überlegt, zurückzugehen – wegen des Seelenfriedens, meine ich?

Ich bin noch zu Mauerzeiten hergezogen, habe den Umbruch erlebt und bin bis heute glücklich, die Entwicklung der Stadt jeden Tag weiter sehen zu können. Ich habe zwar ein starkes Heimatgefühl. Aber mein zu Hause ist hier in Berlin.

Das Gespräch führte Markus Decker.