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Berliner Zeitung | Interview mit DB-Manager Alexander Kaczmarek: „Ich finde uns Berliner liebenswürdig“
09. January 2016
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Interview mit DB-Manager Alexander Kaczmarek: „Ich finde uns Berliner liebenswürdig“

Als Kind spielte er auf Ruinen am Anhalter Bahnhof, nun arbeitet er in der Nähe: DB-Manager Alexander Kaczmarek.

Als Kind spielte er auf Ruinen am Anhalter Bahnhof, nun arbeitet er in der Nähe: DB-Manager Alexander Kaczmarek.

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Paulus Ponizak

Eine Dose mit Wittenberger „Lutherbrodt“ erinnert daran, dass Alexander Kaczmarek einige Jahre lang in Sachsen-Anhalt gearbeitet hat. Doch jetzt ist er wieder hier, als Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn (DB) für Berlin. Von seinem Büro hoch oben im 17. Stock des Bahn-Towers am Potsdamer Platz hat der 52-Jährige einen prächtigen Blick auf die Stadt, aus der er stammt – und in der er das nicht immer beliebte Bundesunternehmen DB gegenüber Politikern, Bürgern und Behörden vertritt.

Die DB hat ein schönes Weihnachtsgeschenk bekommen. Ihr Tochterunternehmen S-Bahn Berlin GmbH hat die Ausschreibung gewonnen und wird auch in Zukunft den Ring betreiben. Freut Sie das?

Ja! Das freut mich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der S-Bahn. Es freut mich natürlich auch für Berlin und Brandenburg. Wir brauchen dringend Investitionen in neue Züge, und die sind erst nach erfolgtem Zuschlag möglich.

Wäre Konkurrenz für Berlin und auch die DB nicht besser?

Konkurrenz ist immer gut, damit kennt sich die Deutsche Bahn gut aus. Allerdings: Es wäre eine große organisatorische Herausforderung, ein besonderes technisches System wie die S-Bahn unter verschiedenen Betreibern aufzuteilen.

Kritiker sagen, dass der Senat das Vergabeverfahren auf die DB zugeschnitten hat, weil er keinen Wettbewerb wollte. Und dass die DB als zum Schluss einziger Bewerber einen hohen Preis diktieren konnte.

Das ist Unsinn. Das Verfahren hat deshalb so lange gedauert, weil die Verantwortlichen klare Vorstellungen hatten, was sie wollten. Für uns gab es keine Spezialbehandlung. Das wäre auch rechtlich nicht in Ordnung gewesen. Der Senat ist da über jeden Zweifel erhaben.

Was wird für die Fahrgäste besser?

Sie bekommen neue S-Bahn-Züge, die ersten 2021. Damit können wir den Betrieb mit höchster Zuverlässigkeit durchführen.

Die Züge von Siemens und Stadler Pankow werden über Klimatisierung und Videoüberwachung verfügen. Warum ist das nicht auch bei den jetzigen S-Bahnen möglich?

Wir befassen uns schon lange mit der Umrüstung von älteren Fahrzeugen. Doch das stößt irgendwann an Grenzen. Technisch, weil die Lebenszeit endlich ist. Aber auch, was die Zulassung anbelangt: Wer zu viel an Zügen herumbastelt, muss sich eine neue Zulassung besorgen, und das ist schwierig. Beim Thema Video geht es aber auch um eine grundsätzliche Frage: die Sicherheit der Fahrgäste. Und dazu kann ich nur sagen: Objektiv, was die Kriminalitätszahlen anbelangt, ist der Nahverkehr sicherer als der übrige öffentliche Raum. Damit auch das Sicherheitsgefühl stimmt, haben wir viel Personal im Einsatz. Das ist besser als Kameras, die kein Verbrechen verhindern und vor allem der Beweissicherung dienen.

Was macht Sie so sicher, dass die neuen Berliner S-Bahnen nicht auch irgendwelche Macken haben?

Wir haben aus der S-Bahn-Krise von 2009 gelernt, die Fahrzeughersteller ebenfalls.

Von Weichen- und Signalstörungen, wie es sie oft bei der DB gibt, werden auch die neuen Züge betroffen sein.

In einem so komplexen System wie der Berliner S-Bahn wird es immer mal wieder Störungen geben. Wie widerstandsfähig dieses System bei Störungen ist, stellt für uns eine wichtige Frage dar. Und da haben wir wegen der vielen eingleisigen Abschnitte ein echtes Problem. Störungsbedingte Verspätungen übertragen sich leicht. Wir arbeiten immer noch Stalins Rache ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zweite Gleise abgebaut, sie gingen als Reparation in die Sowjetunion. Und im Kalten Krieg wurde das S-Bahn-Netz dann getrennt.

Wenn Sie einen Sack Geld zur Verfügung hätten: Wo würden sie als Erstes zusätzliche Gleise verlegen?

Als Erstes würde ich in Westend die dritte Bahnsteigkante wieder in Betrieb nehmen, damit wir den Betrieb auf dem Ring stabilisieren können. Dann würde ich zwischen Wannsee und Potsdam das zweite Gleis wieder aufbauen. Mit dem Projekt, auch nach Tegel wieder zweigleisig zu werden, sind wir gerade schon auf einem guten Weg.

Sollte nicht auch die S-Bahn von Spandau nach Falkensee endlich wiederaufgebaut werden?

Sagen wir es mal so: Ich hielte es für sehr wichtig, dass wir in diesem Streckenkorridor, in dem auch sehr viele Fern- und Regionalzüge unterwegs sind, zusätzliche Kapazitäten schaffen. Die brauchen wir dringend, denn wir haben dort einen Engpass. Die beste Möglichkeit, ihn zu beseitigen, wäre die S-Bahn-Verlängerung ins Havelland. Sie würde den zweiten Engpass im Bahnhof Spandau nicht zusätzlich belasten, sondern entlasten.

Gleich nach Ihrer Rückkehr nach Berlin bekamen sie es mit erbosten Lichtenradern zu tun, die gegen den Neubau der Dresdner Bahn protestieren. Haben Sie es schon bereut, dass Sie zurückgekehrt sind?

Keine Sekunde! Ich bin ja gebürtiger Neuköllner, da ist man abgehärtet. Und die Thematik Dresdner Bahn ist mir schon seit 20 Jahren geläufig. Sicher, in Berlin geht es manchmal härter zur Sache als anderswo. Doch in diesem Fall hat das Eisenbahn-Bundesamt entschieden und das Projekt genehmigt. Das ist für uns entscheidend.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wo Alexander Kaczmarek zusätzliche Gleise verlege würde +++

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak hat die geplanten Lärmschutzwände in Lichtenrade mit der Berliner Mauer verglichen. Finden Sie das angemessen ?

Ich werde selbstverständlich keine Äußerungen von Bundestagsabgeordneten bewerten. Tatsache ist, dass wir den Lärmschutz nach Recht und Gesetz geplant haben. Eine Simulation zeigt, dass es eine gute Lösung für die Anwohner ist und sie von Lärm entlastet – auch gegenüber dem heutigen Zustand.

Auch im Nordosten Berlins protestieren Bürger gegen Bahnlärm, genauso wie in Wilmersdorf, wo in Zukunft wieder Güterzüge fahren sollen. Was raten Sie den Anwohnern: wegziehen oder Mund halten?

Niemand muss wegziehen. Erstens werden unsere Güterzüge in den nächsten Jahren deutlich leiser. Mithilfe des Bundes rüsten wir unsere Wagen auf Flüsterbremsen um. Dadurch wird sich der Lärm halbieren, das ist wirklich merkbar. Zweitens werden wir den Südring, der durch Wilmersdorf führt, elektrifizieren und in diesem Zusammenhang Lärmschutz vorsehen. Hand aufs Herz: Das Problem dort ist nicht die DB, das ist die Stadtautobahn. Ganz klar! Die A 100 ist dort eine echte Dauerbelastung.

Sind die Berliner renitenter als die Menschen in Sachsen-Anhalt?

Da fragen Sie den Richtigen! Also, ich finde uns Berliner liebenswürdig. Ich verstehe nicht, warum uns ständig nachgesagt wird, dass wir angeblich ruppig sind. Es stimmt allerdings, dass die Menschen in Berlin schneller bereit sind, sich für ein Thema zu engagieren. Klar, dass sich dabei der eine oder andere auch aufregt. In Sachsen-Anhalt wirken die Menschen gelassener. Beide Bundesländer haben Reize.

Ich finde, dass die Berliner sehr leidensfähig sind. Während der S-Bahn-Krise 2009 haben sie das Chaos klaglos ertragen. Woanders auf der Welt hätte man protestiert.

Wir wollen niemanden auf Gedanken bringen! Aber es stimmt. Vielleicht ist das ja das Kennzeichen eines Großstädters. Auch New Yorker oder Londoner müssen mit vielen Herausforderungen zurechtkommen. Auch sie können und müssen damit leben, dass manchmal etwas nicht funktioniert.

Wann sind Sie zum letzten Mal mit einem Fernverkehrszug verreist?

Von Dresden bin ich mit dem Eurocity nach Berlin gefahren. Der Zug kam aus Budapest und war auf die Minute pünktlich. Natürlich habe ich den tschechischen Speisewagen besucht, für ein Bier und eine hervorragende Gulaschsuppe.

Für die meisten Berliner spielt die Bahn im Fernverkehr keine Rolle, sie fahren Auto oder fliegen. Finden Sie es nicht belastend, ein Nischenprodukt vertreten zu müssen?

Auf Verbindungen wie Berlin– Hamburg oder Berlin–Hannover, wo die Bahn konkurrenzlos kurze Fahrzeiten hat, haben wir einen hohen Marktanteil. Auch zwischen Berlin und Frankfurt am Main sind wir kein Nischenanbieter. Seit einiger Zeit sind die Züge wieder fühlbar voller. Wir haben natürlich einen Preiskampf mit dem Bus. Das merken die Fahrgäste daran, dass es viele Sparpreistickets gibt. Für 19 oder 29 Euro kommt man sehr weit.

Es gibt noch einen besonderen Fernverkehr: Das sind die Züge, die Flüchtlinge nach Berlin bringen.

Im Schnitt kommt einmal am Tag ein solcher Zug in Schönefeld an. Wir hätten sicher auch Lichtenberg nutzen können, aber Schönefeld liegt besser, die Autobahn ist in der Nähe. Wir haben den Durchgang von den Bahnsteigen renoviert, dort sieht es jetzt sehr anständig aus, wovon auch die Fluggäste profitieren. Ein Problem für die gesamte DB war, dass anfangs oft nicht klar war, wohin die Züge von Bayern fahren sollten, weil sich die Bundesländer uneins waren. Inzwischen hat sich das Verfahren eingespielt. Wie viele Züge künftig nötig sind, kann aber keiner sagen.

Sie sind dagegen, die alte Stammbahn zwischen Berlin und Potsdam zu einem Radweg umzugestalten. Auf welchen anderen Trassen sollten ebenfalls wieder Züge fahren?

Da sind die Nordbahn Richtung Birkenwerder und die Niederbarnimer Eisenbahn in Wilhelmsruh. Die Frage ist auch, ob Regionalzüge über Tegel nach Gesundbrunnen fahren sollen. Die Siemensbahn Jungfernheide–Gartenfeld wäre ebenfalls ein Kandidat, wenn auch kein vorrangiger. Dafür müsste man schon viel Fantasie aufbringen. Aber vielleicht hat auch sie eine Zukunft, wenn auf dem Tegeler Flughafengelände gebaut wird.

Doch für solche Pläne müsste die Verwaltung strategisch denken.

Ich habe das Gefühl, dass die Senatsverwaltung aus dem Sarrazin-Modus, als kaum etwas zusätzlich geplant wurde, herauskommt. Berlin stagniert nicht mehr. Als ehemaliger West-Berliner bin ich glücklich, dass ich das erleben darf, dass die Stadt nicht weiter vor sich hin schrumpft. Ich merke das: Es passiert was, Berlin wächst, und das ist schön. Dafür bin ich dankbar. Als Kind habe ich mich auf den Ruinen am Anhalter Bahnhof herumgetrieben. Später hatte ich dann das Gefühl, auf einem Trümmerhaufen zu leben, weil die Stadt West-Berlin keine richtige Perspektive hatte. Am Bahnhof Zoo fuhr ein paar Mal am Tag ein Transitzug ein, der nach Hannover viereinhalb Stunden brauchte. Schön, dass dies alles Vergangenheit ist.

Sie haben in Ihrem Büro ein Verkehrsunternehmen in Miniaturform. Gibt es bei Ihnen zu Hause auch eine Modelleisenbahn?

Das hier ist unsere DB-Parteitagsanlage, die wurde zu vielen Bundesparteitagen mitgebracht. Es gibt ein Bild, wie Frau Merkel da hineinschaut. Auch zu Hause habe ich einige Loks und Wagen, ein bisschen größer in Spur 0. Doch eine richtige Anlage habe ich nicht mehr. Dafür fehlt mir leider die Zeit.

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