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Interview mit Jamie Cullum: „Es passiert sehr viel in Berlin“

Steht schon wieder auf dem Flügel: Jamie Cullum kann’s nicht lassen.

Steht schon wieder auf dem Flügel: Jamie Cullum kann’s nicht lassen.

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dpa

Jamie Cullum hat in Berlin eine große Fangemeinde, weshalb der 35-jährige Jazz-Entertainer inzwischen regelmäßig hier Station macht. Am Dienstag und Mittwoch stellt er in der Passionskirche sein neues Album „Interlude“ vor.

Mr. Cullum, man hört, dass in letzter Zeit viele Künstler von London nach Berlin ziehen. Können Sie das bestätigen?

Ja, ich selbst habe vier Musiker-Freunde, die gerade erst nach Berlin gezogen sind und wahrscheinlich kommen sie so schnell nicht zurück. Es passiert sehr viel in Berlin, es gibt eine tolle Künstler-Community, es ist nicht zu teuer, ein sehr kreativer Ort.

Was wäre der erste Grund für Sie, nach Berlin zu ziehen?

An Berlin schätze ich, dass es eine sehr familienfreundliche Stadt ist. Mir scheint, dass Berlin Kinder einfach sehr gerne hat. So etwas kommt in Großstädten nicht häufig vor.

Sie haben 2010 in Ihrem Blog geschrieben, Ihre Stimme befände sich in einem „brenzligen“ Zustand. Ist sie inzwischen wieder in Ordnung?

Ja, absolut. Es ging bei mir nicht so weit, wie bei Adele oder John Mayer, die ihre Stimmen richtig verletzt haben. Ich war damals krank geworden, habe aber einfach weitergemacht, mich nicht ausgeruht, ich habe meine Stimme überreizt und es dauerte dann erst einmal, sie wieder zurück in den Normalzustand zu bekommen. Die Situation war aber nie zu ernst.

Ihr Kollege, der Jazz-Sänger José James schwört auf viel Schlaf, Alkohol-Verzicht ...

Damals war ich genau das Gegenteil: Ich habe viel Party gemacht, wahrscheinlich zu viel getrunken, und ich habe mein Instrument nicht respektiert. Danach diese Erfahrung zu machen, hatte auch etwas Positives, weil ich mich deshalb mehr mit meiner Stimme beschäftigt habe, bis dahin hatte ich mich vor allem auf mein Klavierspiel konzentriert. Ich kann meine Stimme jetzt auf interessantere Art und Weise einsetzen als früher.

Nach mehreren Alben mit eigenen Jazz-Pop-Songs, stellen Sie jetzt eine CD mit Jazz-Standards vor. Wie schwer ist es, aus dem umfangreichen Jazz-Fundus auszuwählen?

Für mich ist es nicht besonders schwer, weil ich ein Musik-Nerd und Plattenfreak bin, außerdem muss ich jede Woche meine Radiosendung vorbereiten – mein Leben besteht sozusagen aus einer Abfolge von Playlists, ich muss ständig Songs auswählen. Sicher geht es auch darum, solche zu finden, die noch nicht zu häufig aufgenommen wurden, bei denen du das Gefühl hast, dass du damit etwas Besonderes ausdrücken kannst.

José James meint, es wäre unnötig, einen Song wie „Singin’ in the Rain“ oder „Summertime“ noch mal aufzunehmen. Wie sehen Sie das?

Jeder von uns Sängern hat solche Songs, von denen er nicht will, dass sie noch mal verunstaltet werden. Es ist eben die Frage: Was will jemand heute noch mit „Summertime“ aussagen?

Zumindest „Singin’ in the Rain“ haben Sie vor ein paar Jahren aufgenommen.

Ja, bei dem Song geht es mir anders. Da steckt für mich die Idee dahinter, so einen fröhlichen Uptempo-Song mal auf eine Art zu singen, die trauriger und nachdenklich ist.

Und von welchem Song würden Sie die Finger lassen?

Ich kann nicht verstehen, warum irgendjemand noch mal „Fly Me to the Moon“ aufnehmen sollte, was gibt es da noch zu sagen? – aber dann kommt vielleicht José, Gregory Porter oder Annie Lennox mit einer neuen Version um die Ecke, und schon ändere ich meine Meinung.

Sie haben unter anderen Dave Brubeck und Wynton Marsalis für Ihre Sendung „Jamie Cullum’s BBC Radio 2 Show“ interviewt. Was hätten Sie Frank Sinatra gefragt, wenn Sie ihn getroffen hätten?

Ich würde mit ihm über Improvisation reden, das wird heute bei Sinatra ja kaum thematisiert. Soweit ich das sehe, hatte er eine unglaubliche Affinität zu Jazz-Musikern. Mich würde interessieren, wie er an den Gesang herangegangen ist. Fühlte er sich wie ein Saxofonist, der ein Solo spielt? Und wie anders hat er den gleichen Song beim nächsten Konzert aufgefasst?

Vor einigen Jahren sagten Sie, dass Sie die Sinatra-Ära überhaupt nicht interessiert. Hat sich das geändert?

Ich habe das Thema damals abgewehrt, weil ich nicht den Eindruck erwecken wollte, dass ich als Sänger etwas Ähnliches mache. Meine Platten waren vielleicht keine komplette Ablehnung dieser Zeit, doch ich wollte, dass die Leute meine Musik als etwas Heutiges betrachten, nicht als Wiederholung von etwas Vergangenem. Meine Liebe und mein Interesse zu dieser Ära waren aber immer vorhanden.

In Ihren Konzerten springen Sie gerne auf den Flügel, laufen mit Mikrofon durchs Publikum. Ist dieses Show-Element von Bedeutung?

Ich mache das, was ganz spontan aus mir herauskommt. Ich empfinde das nicht als Show, es ist auch nicht so, dass ich immer rumspringen muss. Es ist einfach ein natürlicher Ausdruck der Freude daran, was ich mache. Die Leute fasziniert das, aber ich persönlich denke da nicht viel drüber nach.

Das Gespräch führte Jakob Buhre.

Jamie Cullum, 7. und 8. Oktober, Passionskirche, Marheinekeplatz 1, Kreuzberg. Beginn: 20 Uhr. Tickets ab 39,95 Euro.