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Interview mit Klaus Wowereit: Wowereit hat Homosexuellen Mut gemacht

„Dass wir den Flughafen nicht fertig bekommen haben, ist meine größte Niederlage", so Klaus Wowereit.

„Dass wir den Flughafen nicht fertig bekommen haben, ist meine größte Niederlage", so Klaus Wowereit.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Zehn Tage sind vergangen, seit Klaus Wowereit sein Amt zur Verfügung stellte. Am Donnerstag im Roten Rathaus wirkt er mit sich im Reinen. Erstmals gibt er zu, dass die Abwahl seines Vertrauten Michael Müller im Juni 2012 auch für ihn eine Zäsur war.

Herr Wowereit, in sämtlichen Nachrufen, die gerade über Sie erscheinen, wird wieder der Partymeister thematisiert. Ärgert Sie, dass Sie dieses Etikett nicht loswerden?

Wenn Bilanzen gezogen werden, werden auch Etiketten und alte Vorurteile hervorgeholt. Dagegen kann man sich nicht wehren. Aber es bleiben eben Vorurteile – besonders bei denen, die von weit weg urteilen.

Was ist das für ein Gefühl, jetzt überall diese alten Bilder zu sehen?

Ich habe immer Klischees verpasst bekommen und musste immer dagegen ankämpfen. Ich habe dreizehneinhalb Jahre damit gelebt und werde nun auch nicht zum Schluss daran verzweifeln.

Haben Sie sich denn selbst als Glamour-Bürgermeister gesehen? War das eine bewusst gewählte Rolle?

Zunächst war ich ein Kontrastprogramm zu meinem Amtsvorgänger. Die Leute haben sich drum gerissen, dass ich komme. Und natürlich muss die Stadt repräsentiert werden. Ich habe mir immer vorgestellt, was passieren würde, wenn ich all die Termine, die bei mir plötzlich als Party diffamiert wurden, absage. Kaum auszumalen, was mir dann alles vorgeworfen worden wäre. Für mich war es aber auch selbstverständlich, dem Gastgeber das Gefühl zu geben, dass ich gerne da bin. Das war vielleicht neu. Trotzdem war es immer Arbeit. Empfänge als Party zu diffamieren, ist abstrus.

Berlin ist heute eine weltoffene Metropole, in der auch gerne gefeiert wird. Wollen Sie gar keinen Anteil daran gehabt haben?

Natürlich ist Berlin attraktiv für junge Leute. Und es ist normal, dass sie unsere Clubszene bevölkern. Und wer nach Berlin in den Urlaub fährt, der will schließlich auch Freude haben. Aber es ist mitnichten so, dass unsere jährlich elf Millionen Touristen alle in den Clubs zu finden sind. Sie gehen in die Museen, sie besuchen die Gedenkstätten. Die Internationale Attraktivität Berlins basiert auf weit mehr als auf Party-Gefühl.

Ein weiteres Stereotyp ist, dass Berlin auf Kosten anderer lebt. Ärgert Sie das?

Ja. Dieses Klischee hält sich hartnäckig, gezielt benutzt vor allem in bayerischen Wahlkämpfen. Es ist aber völlig unzutreffend. Schauen Sie auf die Wirtschaftsdaten, Berlin ist heute beim Wachstum und dem Zuwachs bei den Jobs bundesweit spitze. Wir haben viele Weichen neu gestellt und wie man sieht: richtig gestellt. Wir kommen heute ohne Nettokreditaufnahme aus, insofern haben die Berlinerinnen und Berliner sich überhaupt nichts vorzuwerfen. Berlin musste wegkommen von dieser alten Subventionsmentalität. Ich erinnere mich sehr gut an einen Spruch, den damals Klaus Landowsky von der CDU geprägt hatte: Wenn der erste Obdachlose auf den Treppen des Reichstags liegt, dann wird schon der Bund helfen. Das musste raus aus den Köpfen. Und das ist gelungen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum Wowereit sich über das Stereotyp, Berlin lebe auf Kosten anderer, ärgert.

Befürchten Sie, dass Ihr Nachfolger mit vollen Händen Geld ausgibt? Schließlich gibt es hier auch Schlaglöcher und marode Kitas.

Es ist richtig, mehr in die Infrastruktur zu investieren, wenn es Spielraum dafür gibt. Das haben wir auch bisher so gehalten. Wir haben nie eine Kita nicht gebaut mit dem Argument, es sei kein Geld da. Wir haben auch keine Forschungseinrichtung an Berlin vorbeiziehen lassen mit dem Hinweis, wir könnten den Landesanteil an der Finanzierung nicht decken. Aber eins darf nicht wieder passieren: zu denken, dass man das über Schulden regeln kann.

Berlin ist eine tolerante Stadt für Schwule und Lesben. Ist das auch Ihr Verdienst?

Die Tatsache, dass sich ein an prominenter Stelle stehender Politiker offen zu seiner Homosexualität bekennt, hat sehr viel ausgelöst. Ich hätte das damals gar nicht so erwartet. Mir haben Mütter und Väter geschrieben: Jetzt trauen auch wir uns, es den Nachbarn zu sagen, dass unsere Tochter oder unser Sohn eine gleichgeschlechtliche Lebensweise hat. Wenn das schon der Regierende Bürgermeister kann, müssen wir uns auch nicht mehr verstecken.

Sind Sie eine Ikone der Schwulenbewegung?

Zumindest war ich das. Aber auch Ikonen haben ihre Zeit.

Wie haben Sie es eigentlich geschafft, Ihr Privatleben so abzuschirmen?

Sie sprechen eine der schwierigsten Fragen an, die es in so einem Amt gibt: Wie kann man trotz einer riesigen Bekanntheit seine Privatsphäre schützen. Es geht nur, wenn man das Private privat hält. Das ist nicht immer leicht, es gibt ja ein berechtigtes Interesse daran, Politiker als Privatmenschen kennenzulernen. Mein Partner und ich haben uns aber dafür entschieden, es nicht zu tun. Trotzdem gab es Übergriffe.

Zum Beispiel?

Als wir umgezogen sind, standen die Paparazzi vor der Tür und meinten, das fotografieren zu müssen. Das haben wir auch juristisch verhindert. Aber das war ein harter Kampf. Ich kann nur jedem andern raten, da konsequent zu sein.

Auf welche drei Entscheidungen Ihrer Amtszeit sind Sie besonders stolz?

Es wird noch genug Zeit sein, Bilanz zu ziehen. Mir kommt es da jetzt nicht auf das Detail an. Es kommt auf das Lebensgefühl an und wie spürbar sich diese Stadt verändert hat. Dass wir nicht nur behaupten, eine internationale Metropole zu sein, sondern eine sind. Uns ist es auch gelungen, in Berlin ein gutes Miteinander zu organisieren, obwohl die Interessen in der Stadt oft sehr weit auseinandergehen. Darauf bin ich stolz.

Worauf noch?

Von den 25 Jahren, die seit dem Mauerfall vergangen sind, konnte ich mehr als die Hälfte als Regierender Bürgermeister dazu beitragen, dass Ost und West zusammenwachsen. Das Wagnis, die Koalition mit der Linkspartei einzugehen, war da ein Meilenstein. Das haben damals viele nicht verstanden und auch bekämpft. Die Bilanz dieser rot-roten Koalition kann sich sehen lassen.

Und was war eine Niederlage?

Dass wir den Flughafen nicht fertig bekommen haben.

In einer Talkshow sagten Sie, Sie hätten sich schon vor langer Zeit entschieden, 2016 nicht erneut zu kandidieren. Wann genau?

Das weiß ich nicht mehr.

Das glauben wir nicht.

Es ist aber so, das war ein Prozess. Dass ich nicht für eine weitere Amtszeit kandidiere, ist schon länger gereift, und es hätte mich auch niemand von dieser Entscheidung abbringen können.

Was war der Grund, vorzeitig zu gehen?

Die Spekulationen um meine Nachfolge wären nicht weniger geworden. Und ich wollte meinem Nachfolger eine Chance geben, sich einzuarbeiten.

Lesen Sie am nächsten Abschnitt, was die Abwahl von Michael Müller für Folgen für Wowereit hatte.

War die Abwahl von Michael Müller als SPD-Chef im Juni 2012 der Anfang vom Ende?

Es war jedenfalls ein einschneidendes Erlebnis. Dass Michael Müller auf dem Parteitag nicht mehr wiedergewählt worden war, wurde seiner Leistung nicht gerecht. Wir haben gemeinsam drei Wahlkämpfe gewonnen und die Stadt und die SPD nach vorn gebracht. Ich hatte mich bewusst entschieden, den Parteivorsitz nicht selbst anzustreben, sondern die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Das funktioniert aber nur, wenn ein absolutes Vertrauensverhältnis da ist. Und das gab es in diesen Jahren mit Michael Müller. Aber ich bin Demokrat. Seit mit Jan Stöß nun ein anderer Vorsitzender und mit Raed Saleh ein anderer Fraktionschef gewählt sind, arbeite ich auch mit ihnen vertrauensvoll zusammen. Und immer gilt: Wenn ein Einzelner meint, sich auf Kosten der anderen profilieren zu müssen, geht es schief.

Das ist aber geschehen.

Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, dass es keine Ressentiments gibt.

Aber teilen Sie unseren Eindruck, dass die Dreierkonstellation Wowereit, Stöß, Saleh nicht so harmonisch war?

Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Nachfolger positionieren. Leute ohne Ehrgeiz sind nicht gut in wichtigen Ämtern. Wenn es zwei gibt, die ein Amt anstreben, ist es klar, dass man sich auch voneinander abgrenzt. Es muss nur fair passieren. Jetzt geht es um meine Nachfolge, da hat sich auch Senator Müller beworben. Die Partei muss abwägen, mit wem sie die beste Chance hat, die Stadt voranzubringen. Es geht nicht nur um den Rest der Legislaturperiode, sondern auch um die Aufstellung der SPD über 2016 hinaus.

Für wen sind Sie?

Es sind drei unterschiedliche und profilierte Persönlichkeiten. Jeder hätte das Zeug. Bevor Sie mich jetzt speziell nach Michael Müller fragen: Es ist kein Geheimnis, dass ich mit ihm hervorragend zusammenarbeite. Er ist Bürgermeister und damit einer meiner Stellvertreter im Senat.

Haben Sie noch Einfluss auf die Nachfolge?

Ich habe den Zeitpunkt der Bekanntgabe meines Rücktritts bewusst so gewählt, dass die Partei in einem breiten Mitgliedervotum über die Nachfolge entscheiden kann.

Warum gibt es nicht Neuwahlen?

Wir sind mitten in der Legislaturperiode. Insofern müsste jemand die Auflösung des Parlaments beantragen und eine Mehrheit dafür finden. Diesen Antrag gibt es nicht. Insofern hat sich das Parlament entschieden, dass die Koalition weiter regiert und den Wechsel im Amt des Regierenden Bürgermeisters vornimmt, so wie es die Verfassung vorsieht.

Sie haben gesagt, dass Sie den Rücktritt nur mit sich und Ihrem Lebensgefährten ausgemacht haben. Können Sie niemandem trauen, wird man einsam in diesem Amt?

Heutzutage kann man leider eine so persönliche Sache nicht breiter diskutieren. Auch nicht im kleinen Kreis. Ich habe da meine Erfahrungen gemacht.

Regieren Sie in den letzten Monaten als eine lame duck, sind Sie eine lahme Ente?

Ich fühle mich nicht so. Der Senat ist im Amt und das Parlament entscheidungsfähig. Die Regierungskoalition arbeitet weiter zusammen. Da gibt es keinen Bruch. Ich treffe Entscheidungen, die anstehen, beispielsweise bei der Olympiabewerbung.

Dann könnten Sie noch die Strukturen des BER-Aufsichtsrats verändern. Das ist ja eins der größeren Probleme, das Sie hinterlassen.

In Brandenburg wird jetzt gewählt, da kann es eine Veränderung geben. Für Berlin wird eine Position frei. Wie die besetzt wird, ist eine Entscheidung des Nachfolgers.

Der muss nicht den Vorsitz übernehmen?

Das muss zwischen den Gesellschaftern ausgemacht werden.

Es werden wieder keine Fachleute sein?

Die Debatte hat gerade Geschäftsführer Mehdorn angezettelt. Aber er weiß ganz genau, wie wichtig es ist, die Hilfe der Politik und der Gesellschafter Berlin, Brandenburg und Bund zu haben. Einfluss der Gesellschafter auf den Aufsichtsrat ist selbstverständlich.

Man könnte diesen Einfluss aber anders organisieren

Das kann man. Die Frage ist, ob der Flughafen dann schneller fertig wird.

Was machen Sie ab Dezember? Nur Golfspielen ist doch langweilig.

Mir geht es wie allen Arbeitnehmern, die in Rente gehen. Ich muss mein Leben umstellen, und es wird überhaupt nicht einfach sein, von einer Sieben-Tage-Woche und einem späten Feierabend auf Null herunterzukommen. Ich bin da ganz gespannt, wie ich das bewältigen werde.

Ihr Partner Jörn Kubicki sicher auch.

Ja, der auch. Aber Golfspielen wäre ja auch mal nicht schlecht, weil ich das in den vergangenen Jahren vernachlässigen musste, außer im Urlaub. Was sonst noch kommt, wird man sehen.

Wie finden Sie den Tipp Ihres Vorgängers Eberhard Diepgen, erst mal ins Ausland zu gehen, um nicht in die Versuchung zu kommen, sich überall einzumischen.

Es ist mein Vorsatz, mich nicht ins Tagesgeschäft einzumischen. Wenn ich mich noch öffentlich äußern sollte, dann nur zu übergeordneten Themen.

Gibt es denn schon Angebote?

Abwarten.

Sie haben mit „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ und „Arm, aber sexy“ zwei bleibende Sprüche geprägt. Sie können jetzt noch einen dritten hinterlassen.

Ich bin dankbar, dass ich das machen durfte.

Das Gespräch führten Ralph Kotsch und Regine Zylka.

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