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Interview mit Lutz Franzke (SPD): „Wir profitieren schon jetzt vom Flughafen“

Lutz Franzke ist als Bürgermeister für vieles zuständig – aber nicht für streikende Bahner und enthemmte TV-Siedler.

Lutz Franzke ist als Bürgermeister für vieles zuständig – aber nicht für streikende Bahner und enthemmte TV-Siedler.

Foto:

Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Königs Wusterhausen -

Die Einwohnerzahl steigt, die Wirtschaft brummt, Königs Wusterhausen (KW) gehört zu den prosperierenden Städten im Berliner Speckgürtel. Bürgermeister Lutz Franzke (SPD) ist seit 2009 im Amt.

Wie hart trifft der Bahnstreik heute die Bürger in Königs Wusterhausen?

Wir haben rund 10 000 Einpendler nach Berlin, ich nehme an, die Hälfte fährt normalerweise mit der Bahn. Das wären dann 5 000 Leute, die heute wohl aufs Auto umsteigen. Das ist für viele frustrierend. Manche Leute beschweren sich auch bei mir – obwohl sie wissen, dass ich als Bürgermeister da nichts machen kann.

Fahren viele Berliner zum Arbeiten zu Ihnen raus?

Die Flughafenregion hat viel mehr Aus- als Einpendler, also Leute, die in Berlin wohnen, aber in unserer Region arbeiten.

Was hat Ihre Stadt bisher vom geplanten Großflughafen BER?

Wir haben ein Bevölkerungswachstum von zwei Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt mit 5,8 Prozent weit unter dem Brandenburg-Durchschnitt. Wir profitieren davon, dass die komplette Infrastruktur für den BER, die gute Anbindung an Schönefeld, fertig ist. Ich gehe davon aus, dass die Hälfte der neuen Firmen in unseren Gewerbegebieten sich im Vorgriff auf den BER und wegen der guten Infrastruktur dort angesiedelt hat.

Ist es für Sie noch wichtig, ob der BER 2017 oder doch später öffnet?

Das ist wichtig. Der Eröffnungstermin ist eine Frage des Kredits, den man international hat. Daran wird unsere Region gemessen. Mit der Eröffnung wird noch eine ganz andere wirtschaftliche Dynamik einsetzen. Aber auch die negativen Auswirkungen werden massiver.

Zum Beispiel?

Wir müssen abwarten, wie stark der Fluglärm wird, dazu kommt der Lärm durch die Autobahn.

Die Stadt prosperiert, aber Mancher spricht auch von Wachstumsschmerzen. Wo tut es weh?

Bei der Bildungsinfrastruktur. Ein Beispiel: Vor einem halben Jahr haben wir in Zeesen eine Kita eröffnet, die ist schon wieder zu klein. Wir brauchen außerdem Schulen. Aber auch im Bereich Verkehr gibt es Probleme, etwa am Bahnhof. Es fehlt Platz für die Autos der Pendler. Hier planen wir jetzt ein Parkhaus. Pendler werden fürs Parken zahlen müssen. Und dann noch der Wohnungsmarkt. Es gibt so gut wie keine freien Mietwohnungen mehr.

Kann man in Königs Wusterhausen günstiger wohnen als in Berlin?

Nein. Die Nettokaltmiete für Neubauten liegt bei 8,50 bis 9,50 Euro pro Quadratmeter. Junge Leute haben kaum eine Chance, etwas zu finden.

Wie steuern Sie dagegen?

Wir geben Grundstücke an die städtische Wohnungsbaugesellschaft, damit bezahlbare Wohnungen entstehen. Aber irgendwann gehen uns die Grundstücke aus. Wir planen auch ein neues Wohngebiet am Funkerberg. Doch wir können nicht alles allein machen. Ein Drittel der Wohnungen baut die Kommune, die anderen zwei Drittel private Bauherren.

Was muss von Seiten der Landesregierung kommen?

Wir hören schon oft: Eure Probleme möchte man haben – es wäre schön, wenn es allen so gut ginge wie Königs Wusterhausen. Aber langsam hat man wohl erkannt, dass die Kommunen im berlinnahen Raum Unterstützung brauchen, gerade im Bereich Bildung und Wohnen.

Immer mehr Flüchtlinge müssen untergebracht werden. Mit wie vielen rechnen Sie in diesem Jahr?

Der Landkreis Dahme-Spreewald muss wohl 900 Menschen unterbringen. Wir als größte Stadt sind verpflichtet, entsprechend zu helfen. Dem kommen wir auch nach.

Gegen die geplante Unterkunft für 400 Flüchtlinge im Ortsteil Niederlehme gab es große Proteste. Warum wurden die Pläne aufgegeben?

Sie sind letztlich am Eigentümer gescheitert. Aber auch an der Größe. Der Protest der Menschen hat auch eine Rolle gespielt.

Haben Sie eine Lehre daraus gezogen?

Ein so großer Standort an einem kleinen Ort ist nicht vermittelbar. Man muss die Bürger mitnehmen. Aber allen, die sagen, wir sollen die Flüchtlinge in Wohnungen unterbringen, muss man auch sagen: Wir haben keine freien Wohnungen.

Wo sollen die Flüchtlinge denn nun hin?

120 bis 150 Menschen werden Anfang nächsten Jahres ins Gebäude der jetzigen Jugendarrestanstalt einziehen. Das Gebäude liegt zentral, bei der Polizeiinspektion. Rund 80 Flüchtlinge sollen in das ehemalige Sportzentrum in Uckley. Außerdem wollen wir ein Grundstück für Container-Unterkünfte anbieten, für 120 bis 160 Menschen.

Wie ist die Stimmung gegenüber Flüchtlingen?

Es gibt so eine Haltung: Ich bin im Grundsatz dafür, dass die Leute untergebracht werden – aber nicht bei mir im Ortsteil. Als es um Niederlehme ging, war es noch kritischer, weil es da um die Größe der Einrichtung ging. Kleinere Einrichtungen werden dagegen oft nach einiger Zeit gut angenommen.

Seit Februar haben Sie ein paar Neubürger mehr, die Siedler des Sat.1-Experiments Newtopia. Wie kommen Sie mit denen klar?

Gut, die ortsansässigen Firmen profitieren davon. Irritierend ist nur, dass sich immer wieder Bürger bei mir beschweren, weil sie etwas stört, was bei Newtopia passiert, zum Beispiel, weil ein Teilnehmer in den Wald uriniert. Doch das ist Privatgelände. Ich bin als Bürgermeister für vieles zuständig – für Wohnen, Bildung, Wirtschaft und Flüchtlinge – aber nicht dafür.

Interview: Iris Brennberger



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