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Interview mit Monika Herrmann: "Mich ärgert die Untätigkeit des Senats"

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann.

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imago stock&people

Das Rathaus Friedrichshain befindet sich an der Frankfurter Allee in einer trostlosen Einkaufspassage. Auf der Informationstafel wird das Büro des Bürgermeisters mit Aufgang C, 3. Etage angegeben. Wir irren über die Gänge und finden es nicht. Eine Mitarbeiterin schickt uns zurück zum Empfang. Monika Herrmann, so erfahren wir schließlich, sitzt in Aufgang B, sie kommt uns auf dem Flur entgegen und führt uns in ihr Büro: Schreibtisch, Tisch, Pflanzen, Kaffeemaschine, Plakate an der Wand, alles ganz schlicht. „Die Hinweisschilder sollten längst ausgewechselt sein“, gesteht die Chefin des Hauses. Dann können wir beginnen.

Frau Herrmann, im Zusammenhang mit dem Drogenhandel am Görlitzer Park nimmt die Aggressivität zu. Am Wochenende gab es eine Messerstecherei, Schwerverletzte und eine zertrümmerte Bar. Haben die Drogenhändler die Macht übernommen?

Wir haben es dort eindeutig mit organisierter Kriminalität zu tun, die weit über den Görli hinaus geht. Der gesamte Wrangelkiez ist betroffen, die Händler stehen bis rein nach Friedrichshain. Aber sie sind nur das letzte Glied einer Kette. Wenn wir nicht an die Profiteure des Drogenhandels herankommen, werden wir das Problem nie in den Griff kriegen.

Mit Ihrer Idee eines Coffee-Shops aber auch nicht.

Mit den Coffee-Shops wollen wir mittelfristig den Cannabis-Schwarzmarkt austrocknen. Aber alles, was wir geplant haben, um den Görli für die Anwohner zurück zu erobern, Flohmärkte oder Kinderfeste, ist gegen schwere Straftaten nicht geeignet. Für die aktuellen Probleme hat der Bezirk allein keine Lösung. Unser Ordnungsamt kann ja niemanden verhaften und einsperren. Da muss der Innensenator seine Kompetenz wahrnehmen.

Ich werde oft auf Kreuzberg reduziert, was falsch ist

Auch die Polizei scheint zu resignieren, die Ermittlungsgruppe Görli wurde aufgelöst.

Leider hat die Kriminalität trotz Doppelstreifen, Einsatz von Drogenhunden und Razzien zugenommen. Da hatte ich mir mehr erhofft. Das Bezirksamt will aber mit der Polizei im Kontakt bleiben. Auch wenn die Polizei uns sagt, dass sie für das Problem auch kein Konzept hat. Selbst wenn wir den Park zumachen, wird die Szene nicht verschwinden. Sie weicht dann in den Kiez aus.

Sie regieren mit Friedrichshain und Kreuzberg zwei Stadtteile. Im öffentlichen Fokus ist oft nur Kreuzberg. Was sind denn die größten Probleme in Friedrichshain?

Ich bin froh, dass Sie nach Friedrichshain fragen. Ich werde oft auf Kreuzberg reduziert, was falsch ist. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung tut immer so, als wäre in Friedrichshain die Welt in Ordnung. Das ist aber nicht richtig. In Friedrichshain gibt es hohe Armut, viele Menschen, die von Transferleistungen leben, einen viel höheren Anteil von Alleinerziehenden in prekären Situationen, die genauso von Gentrifizierung betroffen sind wie die Kreuzberger. Das wird kaum gesehen.

Liegt das daran, dass die Kreuzberger lauter sind und man sie eher erhört?

Ich habe andere Erfahrungen. Eltern in Friedrichshain engagieren sich stark in Schulen und Jugendeinrichtungen, die Leute schreiben uns viele Briefe und kommen in die Sprechstunden. Da ist kein Unterschied zu den Kreuzbergern. Aber wenn Journalisten mich begleiten wollen, geht es immer nur um Kreuzberg. So ist die öffentliche Wahrnehmung eine andere.

Wenn man Ihren Namen googelt, kommen Sie 80.000 Mal im Zusammenhang mit Kreuzberg vor und nur 40.000 Mal mit Friedrichshain.

Das glaube ich gern, und ich finde es nicht gut. Wir haben hier riesige Herausforderungen, es hat es einen großen Bevölkerungsaustausch gegeben durch Zuzug und Neubau. Friedrichshain ist wesentlich geburtenfreudiger als Kreuzberg, wir müssen mehr Schulen und Kitas bauen.

Spielt die Frage Ost-West für Sie als Bürgermeisterin eine Rolle?

Wir sind einer der wenigen Ost-West-Bezirke. Im Rathaus haben wir ein gemischtes Team. Wir machen jährlich eine Klausur mit den Führungskräften. Dann sitzt man abends beim Wein und tauscht sich aus, und plötzlich stimmen die Bilder nicht mehr, die man voneinander hat. Wir haben Kollegen, die waren früher im Westen in der SEW, andere im Osten in der SED. Wieder andere haben die DDR verlassen. Solche Diskussionen über unsere Biografien führen wir viel zu wenig. Vorbehalte gab es jahrelang, Kreuzberger wollten nicht in Friedrichshain arbeiten und umgekehrt.

Ist das immer noch so?

Zum Teil. Für einzelne hat es damit zu tun, dass sie immer noch Gehaltsverluste bis zu 100 Euro haben, wenn sie im Osten arbeiten. Das ist für Sozialarbeiter viel Geld. Aber die Auseinandersetzungen sind spannend, und ich habe viel gelernt über etwas, was ich nur von außen kannte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Monika Herrmann von Polizisten beschützt werden musste.

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