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Interview mit Republica-Geschäftsführer: „Cool, was ihr für uns getan habt in den vergangenen Jahren“

Andreas Gebhard während eines Vortrags auf der re:publica. Der 39-Jährige war Teil der Delegation aus Berliner Club- und Musikschaffenden, die im Mai nach Detroit reisten.

Andreas Gebhard während eines Vortrags auf der re:publica. Der 39-Jährige war Teil der Delegation aus Berliner Club- und Musikschaffenden, die im Mai nach Detroit reisten.

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dpa/Jörg Carstensen

Detroit, das war vor Jahrzehnten eine bedeutende Industriestadt der USA. Doch mit der Krise in der Autobranche begann der Abschwung. Die Bevölkerungszahl ging drastisch zurück, viele Gebäude stehen leer. Was tun? Vertreter der Berliner Clubszene reisten in die Stadt im Südosten der USA. Ähnlich wie einst in Berlin, ergäben sich in Detroit Freiräume für Clubs, Ateliers und Subkultur, lautete die Begründung. Zur Delegation um Techno-Club-Pionier Dimitri Hegemann und Berlins Musikbeauftragte Katja Lucker gehörte auch Andreas Gebhard (39), einer der Online-Pioniere der Stadt und Geschäftsführer der Internet-Konferenz Re:publica.

Herr Gebhard, hatten Sie den Eindruck, dass Detroit von Berlin profitieren kann?

Es gab zunächst viele Leute, die sich über unseren Besuch sehr gefreut haben. Dimitri Hegemann hatte die Begegnungen organisiert, weil er die Kontakte zu den Labels, DJs und Veranstaltern hatte. Für die Musikszene in Berlin und Techno überhaupt hat der Sound aus Detroit ja eine sehr prägende Bedeutung. Vieles von dem, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Berlin musikalisch möglich wurde, hat seinen Ursprung dort. Befreundete DJs hatten mich vor dem Abflug deshalb eindringlich gebeten, einfach zu danken: „Cool, was ihr für uns getan habt in den vergangenen Jahren.“ Und so war es ein großes Hallo bei den Treffen, eine fast familiäre Atmosphäre.

Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass diese Musikszene um das Label Underground Resistance und seine Macher in den USA kaum wertgeschätzt wird.

Genau. Und was die Aufmerksamkeit für die Probleme der Stadt betrifft: New Yorker kämen nicht auf die Idee, für diese Stadt überhaupt was zu machen, jedenfalls momentan noch nicht.

Was hat die Berliner Reisegruppe gemacht?

Wir hatten die große Veranstaltung „Detroit-Berlin-Connection“ im Museum of Contemporary Art. Die war sehr gut besucht, rund 300 Leute waren da. Nicht unbedingt der Bevölkerungsquerschnitt, sondern vor allem Leute aus der intellektuellen, weißen Mittelschicht. Aber Leute, die ihre Stadt besser machen wollen.

Was war Ihre Aufgabe?

Ich habe einen Kurzvortrag gehalten über unsere Veranstaltungen wie die re:publica oder das Torstraßenfest. „Step out of your bubble“, über den Tellerrand hinausschauen, das war meine Botschaft. Ich habe in den Tagen bemerkt, dass die Start-up-Szene durchaus aktiv ist, weil es gute technische Möglichkeiten gibt. Allerdings sind die Hotspots der Stadt weit voneinander entfernt, und das Bussystem ist schlecht. Ein großer Unterschied zu Berlin. Die Infrastruktur macht es nicht einfach, Orte miteinander zu verknüpfen. Und gerade das wäre wichtig.

Was ist Ihnen noch aufgefallen?

Nur durch Zufall bin ich auf eine Tech-Week gestoßen, die nichts mit einem Musikfestival zu tun hatte, zu dem 10 000 Menschen angereist waren. Die haben an einem ganz anderen Ort gefeiert. Was Vernetzung angeht, sind wir in Berlin ein paar Jahre weiter und können vielleicht Impulse geben.

Sie haben auch das Leben auf den Straßen beobachtet.

Es war schon surreal in der Innenstadt, die für den Autoverkehr konzipiert ist. Inzwischen fehlen Millionen Menschen, zwei Drittel der Bevölkerung aus den 60er-Jahren ist nicht mehr da, und damit fehlen auch viele Autos. Einen achtspurigen Highway hatten wir einmal fast für uns alleine. Es gibt sehr gepflegte Straßen, aber auch Stadtteile, die null beleuchtet sind. Hunderte, Tausende Häuser stehen leer und verfallen. Jim Jarmusch musste für „Only Lovers Left Alive“ bestimmt nicht viele Kulissen bauen, um in der Stadt einen Vampirfilm zu drehen. Aber generell merkt man in Detroit eine gewisse Aufbruchstimmung. Es ziehen wieder mehr Leute in die Stadt, und sie wird sicherer.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Projekt?

Es ist nicht so, dass wir konkret helfen konnten, aber der Anfang dieses transatlantischen Dialogs ist gemacht. Und wir wollen weitermachen, weil die Atmosphäre herzlich und gut war. Perspektivisch sollte man darüber nachdenken, ob nicht auf politischer Ebene eine offizielle Partnerschaft sinnvoll wäre. Ich kann mir gut vorstellen, dass beide Städte davon profitieren würden.

Das Gespräch führte Jörg Hunke.


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