21.12.2011

Interview: Soll man lachen oder weinen?

Von Peter Neumann
        

Michael Müller (SPD), 47 Jahre alt, ist der neue Verkehrssenator.
Michael Müller (SPD), 47 Jahre alt, ist der neue Verkehrssenator.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Jetzt muss sich Senator Müller mit dem S-Bahn-Chaos herumschlagen. Doch er hat einen Plan. Müller sprach mit uns über seine nächsten strategischen Entscheidungen.

S-Bahn-Probleme ohne Ende: Kaum hatte der neue Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Michael Müller (SPD), seinen Job angetreten, standen die Züge in Berlin vergangene Woche mal wieder still. Nun verhandelt er mit der Deutschen Bahn (DB) über den Verkauf der S-Bahn an das Land. Doch für den Fall, dass die DB wie erwartet bei ihrem Nein bleibt, bereitet er für 2012 einiges vor.

Rechnerausfall, Fahrermangel, Signalstörung – fast täglich gibt es neues S-Bahn-Chaos. Haben Sie es schon bereut, dass Sie nun für dieses Verkehrsmittel zuständig sind?

Nein, bereut habe ich es nicht. Ich habe ja auch schon geahnt, was da auf mich zukommt. Schließlich hat dieses Thema in den vergangenen drei Jahren den Senat und das Parlament immer wieder beschäftigt. Allerdings trifft es mich jetzt mit einer anderen Wucht. Man weiß nicht, ob man bei dem S-Bahn-Chaos weinen oder lachen soll, weil es immer wieder neue Störungen gibt.

Wowereits engster Vertrauter

Michael Müller ist seit dem 1. Dezember neuer Senator für Stadtentwicklung und Umwelt. Er ist Nachfolger von Ingeborg Junge-Reyer, die seit 2001 Senatorin für Stadtentwicklung war.

Der gebürtige Berliner ist seit 2004 Landesvorsitzender der SPD. Von 2001 bis November 2011 war er auch Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Der 47-Jährige gilt als Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit.

Mit seinem Vater Jürgen Müller betreibt er eine Buchdruckerei an der Manfred-von-Richthofen-Straße in Tempelhof. Schon seit Jahren hat Michael Müller aber keine Zeit mehr, im Alltag mit anzupacken.

Als Kind war Müller stolz auf seine Carrera-Bahn. Eine Modelleisenbahn besaß er dagegen nicht.

Mit seiner Ehefrau und zwei Kindern lebt Müller in Tempelhof. Die Familie hat zwei Autos, ist aber öfter auch mit dem Fahrrad unterwegs.



Seit 2009 verspricht der Senat eine bessere S-Bahn. Doch die Störungen nehmen kein Ende. Sollten Sie nicht besser zugeben, dass die Politik bei dem Thema ohnmächtig ist?

Ganz und gar nicht. Gerade deshalb wollen wir mehr Verantwortung tragen. Darum sprechen wir jetzt mit der DB darüber, ob wir den Betrieb der S-Bahn übernehmen können. Aber wir müssen ehrlich sein: Damit wären nicht alle Probleme von heute auf morgen erledigt. Richtig gut wird es erst dann, wenn es ab 2017 neue S-Bahnen gibt. Für eine bessere Information der Fahrgäste bei Störungen zum Beispiel könnten wir jedoch schon vorher sorgen.

Eine Landes-S-Bahn? Würde sich das Land Berlin da nicht ein riesiges finanzielles Risiko aufbürden?

Die Risiken, die mit dem Unternehmen in seinem jetzigen Zustand verbunden sind, müssten im Vorfeld eines Erwerbs ermittelt werden. Und sie müssten im Kaufpreis ihre angemessene Berücksichtigung finden. Im Übrigen sind die finanziellen und zeitlichen Dimensionen des S-Bahn- Verkehrs natürlich gewaltig, weil Investitionen in Milliardenhöhe in einen Fahrzeugpark zu tätigen sind, der noch bis 2050 zum Einsatz kommen soll. Aber hier darf sich die Politik nicht verschrecken lassen. Sie muss vor dem Hintergrund der Langfristperspektive die richtigen Entscheidungen treffen.

Trotzdem: Würde sich Berlin nicht zu viel Verantwortung aufhalsen ?

Wir reißen uns nicht um die S-Bahn. Wenn man aber nach drei Jahren Diskussionen, Verhandlungen, Gesprächen immer noch das Gefühl hat, die Botschaft ist bei der DB nicht angekommen, dann muss es eine Konsequenz im Interesse der Fahrgäste geben. Vor allen Dingen müssen wir sehen, wie wir schnell zu einem neuen Fuhrpark kommen. Das steht jetzt an.

Es ist kaum zu glauben, dass die S-Bahn kommunalisiert wird. Für Berlin würde das zu teuer. Und bisher hat die DB keine Bereitschaft gezeigt, sie zu verkaufen. Oder hat sich das etwa geändert?

Das kann ich im Moment noch nicht beurteilen. Die DB muss intern klären, was sie mit der S-Bahn machen will, die sie viel Geld kostet. Wenn die DB bei ihrer Haltung bleibt und den S-Bahn-Betrieb nicht abgibt, dann kommen die nächsten Verfahrensschritte aus unserem Koalitionsvertrag – bis hin zur Möglichkeit einer Teilausschreibung des Betriebs auf dem Ring und im Südosten Berlins.

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