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Interview zum Plagiatsfall Graf: "Weg von den Micky-Maus-Promotionen"

Oliver Günther (51), Uni-Präsident und Wirtschaftsinformatik-Professor.

Oliver Günther (51), Uni-Präsident und Wirtschaftsinformatik-Professor.

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Heiteres Blau

Berlin -

Herr Professor Günther, wie konnte es passieren, dass eine Dissertation 2010 mit „Gut“ bewertet wird und jetzt bei neuer Prüfung als Täuschung auffliegt?

„Cum laude“, das ist das untere Ende des Notenspektrums. Im Rückblick hätte die Arbeit diese Note nicht verdient. Das haben die zwei Gutachter leider nicht erkannt.

Hätten sie das Plagiat erkennen müssen?

Sie hätten es erkennen können. Wir müssen das Verfahren in Zukunft verbessern, aber das ist kein exklusives Problem der Uni Potsdam. Das werden wir bundesweit überlegen müssen, wie wie Plagiate früh erkennen. Es gibt dafür passende Software, ich persönlich habe an meinem früheren Berliner Lehrstuhl seit Jahren standardmäßig eine Software in bei allen Masterarbeiten- und Promotionen durchlaufen lassen. Plagiate gab es seitdem nicht mehr. Ich wäre dafür, den Einsatz solcher Software verpflichtend festzuschreiben, wenn das rechtlich möglich ist.

Grafs Arbeit liest sich wie eine Sammlung von Zeitungsartikeln. Warum wurde sowas akzeptiert?

Die Grundsatzfrage ist, warum solche Menschen überhaupt promovieren. Da wird oft aus falschen Gründen promoviert, wegen des Prestiges, wegen des Titels. Ich kenne Herrn Graf nicht persönlich, habe mir auch die Arbeit nicht im Detail angeguckt, aber nach allem, was ich höre, gab es schwerwiegende methodische Mängel. Das sollte nicht passieren. Das beste Mittel dagegen ist, nur noch Doktoranden zuzulassen, die ein echtes wissenschaftliches Interesse erkennen lassen.

Sie glauben, dass dies bei Graf nicht vorhanden war?

Das weiß ich nicht. Aber die Tatsache, dass die Arbeit nebenberuflich angefertigt wurde, ist ein Indiz dafür, dass die wissenschaftliche Motivation begrenzt war. Es sollte bei einer Promotion dazu gehören, dass man sich einige Jahre nur darauf konzentriert.

Wie ist das Plagiat jetzt eigentlich herausgekommen?

Im April gab es eine Presseanfrage, die Dissertation einzusehen. Sie wurde daraufhin noch mal genauer angeschaut, wegen des Textduktus und im Hinblick auf die Methodik. Die Fakultät hat Herrn Graf mit den Zweifeln konfrontiert und er hat sich schnell dazu entschieden, die Täuschung zu zugegeben.

Der Fall Graf ist schon speziell: Der Doktorvater, ein FDP-Politiker, betreut die Arbeit eines CDU-Politikers. Geht das?

In welcher Partei die Protagonisten sind, ist egal. Der Verdacht, dass da gekungelt wurde, scheint mir doch etwas weit hergeholt.

Zuletzt häuften sich die prominenten Plagiatoren. Werden Promotionen von aktiven Politikern großzügiger bewertet?

Wenn dem so ist, dann wäre das ein großes Problem. Ich habe nie nebenberufliche Doktoranden angenommen und ich würde es auch keinem meiner Kollegen empfehlen. Nebenberuflich neue Erkenntnisse zu erarbeiten, gelingt nur wenigen. Wenn jemand extern promoviert, dann findet die Arbeit außerhalb des Radius des Betreuers statt, da sind die Täuschungsmöglichkeiten größer. Ich bin über Fälle wie Guttenberg in gewisser Weise froh, weil dadurch das Problem in die Öffentlichkeit gerückt wurde. Wir müssen weg von diesen Micky-Maus-Promotionen.

Es gibt zu viele Promovierende?

Zu viele, die aus falschen Gründen promovieren. In USA promovieren nur diejenigen, die ihre Karriere in der Wissenschaft sehen. In die USA käme keiner auf die Idee, einen PhD zu erwerben, wenn er nicht Professor werden will.

Wird der Fall Konsequenzen für die Gutachter haben?

Es lag ja kein Vorsatz vor. Nun kann man fragen hätte mit mehr Sorgfalt die Täuschung erkannt werden können. Darüber werden wir intern Gespräche führen.

Das Interview führte Sabine Rennefanz.