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Berliner Zeitung | IS-Anschlagsopfer aus Brandenburg: Wie Terror und Flüchtlingskrise das Leben in Falkensee verändern
14. February 2016
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IS-Anschlagsopfer aus Brandenburg: Wie Terror und Flüchtlingskrise das Leben in Falkensee verändern

Falkensee erinnert an eine amerikanische Kleinstadt: eine lose Ansammlung von Einfamilienhäusern, der das Zentrum abhanden gekommen ist. Es gibt Tankstellen, Gewerbezentren, Sportplätze und dazwischen struppige Felder, auf denen schon wieder neue Häuser gebaut werden.

Falkensee erinnert an eine amerikanische Kleinstadt: eine lose Ansammlung von Einfamilienhäusern, der das Zentrum abhanden gekommen ist. Es gibt Tankstellen, Gewerbezentren, Sportplätze und dazwischen struppige Felder, auf denen schon wieder neue Häuser gebaut werden.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Am Ende hat sich Birgit Faber für das Urlaubsfoto entschieden: Ihre Schwiegereltern am Hotelpool vor Palmen. Sie im hawaiifarbenen Bademantel. Er im T-Shirt, Sonnenbrille um den Hals, ein Arm in der Hüfte, der andere auf der Schulter seiner Frau. Marianne und Rüdiger Faber, Fleischerehepaar aus Falkensee, seit 45 Jahren verheiratet, lächeln in die Kamera. Es ist ein Lächeln für die Enkelin, die das Foto vor einem Jahr auf der gemeinsamen Reise in den Oman gemacht hat, aber auch für die Daheimgebliebenen. Es soll sagen: Seht, wie gut es uns geht, wie schön das Leben ist.

Birgit Faber hat kurz überlegt, ob sie vielleicht doch lieber ein anderes Foto für die Trauerfeier nehmen soll, eines, das etwas offizieller und ernsthafter ist, dem Anlass entsprechend. „Nachher sagen die Leute noch: Oh je, die Marianne hat ja einen Bademantel an.“ Andererseits sind die Schwiegereltern ja nicht beim Neujahrsempfang der Stadt ums Leben gekommen, sondern auf ihrer Urlaubsreise. Nach Abu Dhabi sollte es gehen, mit Zwischenstopps in Istanbul und Dubai. Orientalischer Zauber in zehn Tagen mit Bosporus-Schifffahrt, Wüsten-Safari und Bauchtanzvorführung, hatte der Reiseveranstalter versprochen: „Eine Erlebnisreise der Superlative“. Ein Versprechen wie aus einem anderen Zeitalter.

Die Nachricht kam nachts um eins

Marianne und Rüdiger Faber, 71 und 73?Jahre alt, sind am 12. Januar beim Terroranschlag in Istanbul gestorben. Es passierte gleich am Morgen nach ihrer Ankunft, vor dem ersten Tagesordnungspunkt: Besichtigung der Hagia Sophia. „Nehmen Sie sich Zeit, schauen Sie sich um“, hatte die Reiseleiterin gesagt, nachdem sie auf dem Sultanahmet-Platz aus dem Bus gestiegen waren. Die Gruppe wollte gerade auseinanderlaufen, als ein Mann in die Menge rannte. Es knallte, der Platz bebte. Zehn Menschen waren sofort tot, sieben verletzt.

Ein paar Stunden später sagte Birgit Faber beim Neujahrsempfang des Falkenseer Sportvereins, wo sie Vorstandschefin ist, dass es in Istanbul einen Terroranschlag gegeben habe, sie mache sich Sorgen um ihre Schwiegereltern. Nachts um eins klingelte es an ihrer Haustür. Zwei Beamtinnen vom Bundeskriminalamt standen vor der Tür. „Sie brauchen nichts sagen, dann ist das also so“, schnitt ihr Mann ihnen das Wort ab. Sie hätten es längst geahnt, sagt Birgit Faber. Als die Schwiegereltern nicht mehr ans Handy gingen, als in den Nachrichten von deutschen Opfern die Rede war, als die Kanzlerin mit den Worten zitiert wurde, ihre Gedanken seien bei den Angehörigen.

Am Morgen danach rief der Bürgermeister an, die Fahnen vor dem Rathaus der Stadt wurden auf halbmast gesetzt, die Presse belagerte den Vorgarten, das Auswärtige Amt schickte eine Seelsorgerin, Landrat, Ministerpräsident und Justizminister schickten Beileidsschreiben. Innenminister Thomas de Maizière flog nach Istanbul, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, es handele sich um ein verachtenswertes Verbrechen.

Die schönen Gedanken sollen bleiben

Die Särge mit den Toten und ihr Gepäck landeten mit einer Maschine der Deutschen Luftwaffe auf dem militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel. Marianne und Rüdiger Faber, ein deutsches Rentnerpaar auf Reisen, wurden immer größer, immer wichtiger. Ihr Tod schien eine Bedeutung zu haben, die weit über die Trauer der Familie hinausging. Und irgendwann in diesen Stunden und Tagen entstand die Idee, neben der Bestattung auch eine Trauerfeier zu veranstalten, etwas, das der Größe dieses schrecklichen Ereignisses gerecht wird.

Es ist ein wolkenverhangener Freitagnachmittag im Februar. Von der Bühne des Rathauses der Stadt Falkensee, da, wo sonst Reden gehalten und Konzerte veranstaltet werden, lächelt das Ehepaar Faber den Trauergästen zu. Das Urlaubsfoto ihrer letzten großen Reise steht in Postergröße auf einer Staffelei, umringt von Kerzen und Blumengestecken. Zweihundert Gäste sind gekommen; Familie, Freunde, Mitglieder des Sportvereins. Andreas Bourani singt vom Band: „Hey, sei nicht so hart zu dir selbst, es ist okay, wenn du fällst.“

Die Enkeltochter liest eine Nachricht vor, die ihr die Oma wenige Tage vor der Reise auf WhatsApp geschickt hat, eine Videogeschichte, die davon handelt, dass das Leben wie eine Zugfahrt ist. „Das Rätsel ist, wir wissen nicht, an welcher Haltestelle wir aussteigen müssen. Wenn es so weit ist, sollen nur die schönen Gedanken bleiben“, steht in der Nachricht, die nun, nach dem Tod der Oma, eine andere, neue Bedeutung bekommt.

Der Trauerredner kommt aus Potsdam. Er erzählt, wie sich Marianne und Rüdiger Faber 1965 in einer Fleischerei in Falkensee kennengelernt haben ? sie war Verkäuferin, er Fleischergeselle. Wie sie eine Familie gründeten, zwei Söhne bekamen. Ihr Engagement im Turnverein wird erwähnt, Marianne Fabers „berühmte Pilzpfanne“ sowie „das jährliche Schlachtebüfett für Freunde“. Ein deutsches Leben, ausgelöscht von einem Mann mit einem Sprengstoffgürtel in Istanbul. „Es gibt Tage, die man am liebsten vergessen möchte“, beginnt Bürgermeister Heiko Müller seine Rede und endet mit einer Botschaft an die Menschen im Ort: „Marianne und Rüdiger Faber sind Opfer des internationalen Terrorismus geworden. Dieser Terrorismus hat das Ziel, uns einzuschüchtern. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden unsere Lebensweise nicht ändern.“

Falkensee im Zeitraffer

Es ist ein Satz, der oft fällt, wenn der Terror in das Leben einer Stadt einschlägt. Auch Rudolph Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, hat ihn gesagt, damals, nach dem 11. September 2001. Es ist ein Satz, der beruhigen soll, eher Wunsch als Gewissheit. Denn natürlich kann niemand wissen, wie es weitergeht, natürlich verändert Terror das Leben von Menschen, natürlich kommt Weltpolitik auch in Falkensee an. Gerade hier.

Kaum ein anderer Ort in Deutschland ist so von der Geschichte gezeichnet worden wie dieser Landstrich an der nordwestlichen Grenze Berlins. Vor hundert Jahren gab es hier nur zwei Dörfer und zwei Eisenbahnlinien, aber keinen Bahnhof. Manchmal hielt ein Zug nach Hamburg auf freier Strecke, um Reisende mitzunehmen. Falkensee wuchs immer dann, wenn die Hauptstadt zu teuer wurde, zu eng, zu unbequem. Nach dem Ersten Weltkrieg, im Zweiten, nach dem Mauerfall. Dann wurden Felder besiedelt, Straßen in Kiefernwälder geschlagen, Häuser gebaut. Falkensee ist eine Einwandererstadt. Und fast jede Familiengeschichte hier wurde durch den Bau der Mauer geprägt.

Marianne Faber, die Wurst- und Fleischverkäuferin, wurde 1943 in Zehlendorf geboren, wuchs in Falkensee bei den Eltern und in Tegel bei der Großmutter auf. Bis die Mauer gebaut wurde. Dann konnte sie nicht mehr zur Großmutter fahren. Bürgermeister Heiko Müller sagt, seine erste Kindheitserinnerung sei eine S-Bahnfahrt am 11. August 1961: der Fluchtversuch seiner Eltern, der in einem engen, stickigen Wachhäuschen mit Kanonenofen endete. Er war damals zwei. „Wenn sich meine Eltern einen Tag eher zur Flucht entschieden hätten, wäre ich nicht in Falkensee, sondern in West-Berlin aufgewachsen“, sagt Müller.

Er sagt auch, dass Falkensee jetzt „sozusagen im Zeitraffer“ die Jahre nachhole, die es von 1961 bis 1989 im Dornröschenschlaf verbringen musste. Es ist die am schnellsten wachsende Stadt Deutschlands. Schulen und Kindergärten sind überfüllt. Drei neue kirchliche Gemeindezentren wurden errichtet, Tausende Einfamilienhäuser gebaut, Hunderte neue Gewerbe angemeldet. Im Mai 2000 schaffte es Falkensee ins „Guinness-Buch der Rekorde“, weil ein Wirt 4?591 ehemalige Schüler der Stadt zusammenbrachte.

Trotzdem hat man nie den Eindruck, dass die Stadt zu voll sein könnte. Im Gegenteil. Man kann hier ewig durch die Straßen laufen, ohne einem einzigen Menschen zu begegnen. Und von einem Stadtteil zum nächsten fahren, ohne eine Mitte zu finden. Falkensee erinnert an eine amerikanische Kleinstadt, eine lose Ansammlung von Einfamilienhäusern, der das Zentrum abhandengekommen ist. Eine Straße führt zur Gedenkstätte des KZ-Außenlagers Sachsenhausen, eine andere zur Botschaft von Madagaskar. Es gibt Tankstellen, Gewerbezentren, Sportplätze und dazwischen struppige Felder, auf denen Schafe weiden oder schon wieder ein neuer Baumarkt entsteht. Oder eine Einfamilienhaussiedlung.

„Welche Moschee? Wir gehen nie in die Moschee.“

Die 330 Flüchtlinge, die bisher in Falkensee angekommen sind, werden von 500 ehrenamtlichen Helfern betreut. Und nicht in Turnhallen untergebracht wie in Berlin, sondern in einem nagelneuen Appartementgebäude, in den Hallen eines ehemaligen Möbelhauses. Oder, im Glücksfall, in einer Laube aus DDR-Zeiten.

Die Familie Alkhzan aus Syrien hatte Glück. Kurz vor Weihnachten konnten sie aus dem Heim in so eine kleine Laube ziehen: 30 Quadratmeter groß, ein Zimmer mit Bad und Küchenzeile, darin ein Esstisch, ein Schreibtisch, ein Kinderbett und ein Ecksofa, das nachts zum Schlafen ausgezogen wird. Vor dem Fenster sieht man das Haupthaus, ein Dreißigerjahre-Bau, in dem der Sohn des Vermieters wohnt, dazwischen Kiefern, ein Schlitten, Plastikstühle, Blumentöpfe. An der Wand hängen Kinderbilder, in der Ecke liegt Spielzeug, das Leute aus dem Ort gespendet haben.

Es ist der Tag nach der Trauerfeier im Rathaus, ein Sonnabend, aber es könnte auch irgendein anderer Tag sein. Das merkt man hier draußen nicht. Die Straße ist klein und leer, ein Haus neben dem anderen, Zäune, Vorgärten, Garagen. Zum nächsten Supermarkt läuft man einen Kilometer, zum Bahnhof kommt man mit dem Bus. Das machen sie gerne, Mahmoud, seine Frau Aisha und Ahmed, der Sohn. Mit dem Bus zum Bahnhof fahren und dann in die Stadt, nach Berlin.

Gestern Nachmittag waren sie wieder in der Moschee, sagt Norbert Herzig, ein ehemaliger Bankkaufmann aus Berlin, der die Familie ehrenamtlich betreut. So hat er es jedenfalls verstanden, als sie neulich über ihren Plan für die Woche gesprochen haben. Ein Missverständnis, wie sich jetzt herausstellt. Denn Herzig hat noch einen anderen Flüchtling aus Syrien mitgebracht, Mohammed, der erst im Mai angekommen ist und bereits so gut Deutsch spricht, dass er heute dolmetschen kann. „Wir waren nicht in der Moschee, wir waren auf dem Alexanderplatz“, übersetzt Mohammed.

„Aber ihr habt mir doch gesagt, dass ihr in die Moschee gehen wollt“, sagt Herzig.

„Moschee? Welche Moschee? Wir gehen nie in die Moschee“, sagt Mahmoud Alkhzan. Er lacht. Norbert Herzig lächelt unsicher. Er betreut die Familie seit mehreren Monaten, aber er spricht kein Arabisch und die Familie noch kein Deutsch. Sie wissen nicht viel voneinander. Norbert, wie sie ihn nennen, ist für die Ämtergänge zuständig, für den Austausch mit den deutschen Behörden. Er füllt die Aktenmappe, die auf der Mikrowelle steht, die Mappe ist der einzige Gegenstand im ganzen Haus, der der Familie gehört, ihr wichtigstes Gut. Alles andere mussten sie in Damaskus zurücklassen, wo sie einst gelebt haben.

„Der Terror hat Falkensee direkt erreicht“

Sie sind getrennt gekommen, zuerst der Vater, ein paar Monate später hat er seine Frau und seinen Sohn nachgeholt. Was heißt nachgeholt: Auch Aisha und Ahmed mussten fliehen. Von Syrien in die Türkei, von der Türkei mit dem Boot nach Griechenland. Dann weiter, zu Fuß, mit dem Zug. Budapest, München, Berlin, Eisenhüttenstadt, Falkensee. Als sie endlich wieder zusammen waren, hier im Heim, wurden sie noch einmal getrennt. Aisha und Ahmed, die noch nicht offiziell registriert waren, mussten zurück nach Eisenhüttenstadt, von dort nach Rheinsberg, und dann ? endlich ? nach Falkensee.

Die Stadt kommt ihnen vor wie das Paradies. Hier sind die Leute freundlich, sagen sie. Und hier haben sie Norbert. Der hat ihnen das Haus besorgt und einen Kindergartenplatz für Ahmed. Und jetzt will er das Impfproblem lösen. Ahmed darf nur in den Kindergarten, wenn er geimpft wurde. Ahmeds Vater sagt, sein Sohn habe in Syrien alle Impfungen bekommen, aber es gibt keinen Nachweis, keinen Ausweis.

Ahmed soll nun Blut abgenommen werden, um die Impfungen nachzuweisen. „Es wird wehtun“, sagt Norbert Herzig. Aber es sei wichtig. Damit Ahmed in den Kindergarten kann und die Eltern in der Zeit Deutsch lernen können. Der Vater sagt, dass Deutschlernen gut ist. Er ist Busfahrer. Er hofft, bald wieder zu arbeiten. Die Mutter lächelt still und serviert Tee. Sie trägt Jeans, Pullover, Kopftuch, ihre Nägel sind rot lackiert, ihre Augenbrauen zu einem Halbmond gezupft. Ahmed sitzt unter dem Tisch und sieht sich auf dem Handy seines Vaters „Tom und Jerry“-Videos an.

Am 7. Januar dieses Jahres kam wieder ein Brief vom Amt, aus der Stadtverwaltung. Der Bürgermeister hieß die Familie willkommen und teilte ihnen mit, dass „Sie einen besonderen Platz im Melderegister bekommen haben: Ihr Sohn Ahmed ist der 43.000 Einwohner in Falkensee.“

Ein paar Tage später waren sie zum Neujahrsempfang der Stadt ins Rathaus eingeladen. Es war ein großes Ereignis, der Landrat war da, der Spandauer Bürgermeister, Abgeordnete. Und es sollte wohl auch ein symbolischer Akt sein, ein kleiner Junge aus Syrien in der jungen, immer noch wachsenden Stadt. Allerdings war inzwischen die Nachricht aus Istanbul eingetroffen. Und der Bürgermeister sprach beim Neujahrsempfang nicht nur von der neuen Stadthalle, sondern auch „vom weltweiten islamistischen Terror“. „Die Welt ist in Aufruhr“, sagte er, „der Terror hat Falkensee direkt erreicht.“

Es sind Worte, die seltsam klingen, zu groß irgendwie, zu sperrig. Sie klingen nach Uno-Vollversammlung oder G7-Gipfel, nicht nach Falkensee. Aber seit es passiert ist, gibt es hier kaum eine Veranstaltung, auf der das Attentat von Istanbul nicht erwähnt wird. Alle reden darüber, alle fragen sich, was es zu bedeuten hat, ob man überhaupt noch unbeschwert reisen kann, wie es weitergehen soll. Auch mit den Flüchtlingen. Bis Ende dieses Jahres werden 1?000 in der Stadt erwartet. Am Ortseingang soll ein drittes Heim gebaut werden, eine Traglufthalle.

„Es gibt zu viele Tabus in dieser Religion“

Als die Stadtverordnetenversammlung von Falkensee das erste Mal in diesem Jahr zusammenkommt, sagt die Vorsitzende, sie möchte die erste Sitzung im neuen Jahr mit einer Schweigeminute für Marianne und Rüdiger Faber eröffnen, ihr Satz wird immer länger und komplizierter, sie verhaspelt sich, das Wort „islamistisch“ kommt zwei Mal vor. Zwei Mal in einem Satz.

Nach der Schweigeminute folgt das Gedenken an Auschwitz, das vor 71 Jahren befreit wurde. Dann geht es mit den anderen Themen weiter: Tagesordnungspunkt Nummer 2, Einwohnerfragestunde. Eine Frau erkundigt sich, ob es sich die Stadt Falkensee „wirklich erlauben kann, weißes statt braunes Papier zu benutzen“. Papier aus Bäumen statt Umweltpapier! Die Grünen nicken, einer von der AfD wischt gelangweilt über sein Handy, der Bürgermeister redet von störanfälligen Kopierern, in denen das Umweltpapier immer stecken bleibe.

Danach tritt eine Frau ans Mikrofon. Sie hat einen Zettel in der Hand, sie sagt, dass sie Lehrerin für Sport- und Geschichte gewesen sei und dass sie mit Entsetzen in der Zeitung lesen musste, „dass die langgeplante Schwimmhalle gekippt werden soll“. Später geht es noch um eine neue Stelle im Rathaus, die neuen Glasfaserinternetkabel, die neuen IBAN-Nummern, die Fahrradständer am Bahnhof, und auch der 43?000. Einwohner der Stadt wird noch einmal erwähnt, „der kleine Ahmed“. Er klingt jetzt schon wie ein Maskottchen.

Hoffentlich bringt es Glück.

Rassoul Faki, ein ganz anderer Syrer in Falkensee, weiß nicht, welche Nummer er im Einwohnermeldeamt bekommen hat, er weiß auch nicht, ob er der erste Ausländer in Falkensee war. „Ich habe jedenfalls keinen anderen gesehen“, sagt er.

Faki, seit 1973 in der Stadt, ist Arzt, klingt aber manchmal wie ein AfD-Politiker. Er schätzt gerne die deutsche Flüchtlingspolitik ein und sagt dann Sätze wie: „Ich muss erst mal mein eigenes Haus in Ordnung bringen, bevor ich meinen Nachbarn helfen kann.“ Oder: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Es gibt zu viele Tabus in dieser Religion.“ Und: „Man darf die nicht mit Samthandschuhen anfassen.“

Zwischen diesen Sätzen horcht er Flüchtlingen Brust und Rücken ab, guckt in Münder, verteilt Medikamente gegen Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen. Ein Mal in der Woche macht er eine Sprechstunde in einer der Asylunterkünfte in der Stadt, dem ehemaligen Möbelhaus Agon. Die improvisierte Arztpraxis befindet sich da, wo vermutlich früher die Geschäftsleitung saß. An der Wand hängen noch die Lagepläne der Ausstellungshallen, in denen Sofagarnituren, Lampen und Esstische verkauft wurden. Irene, eine Krankenschwester, die Rassoul Faki bei der Sprechstunde hilft, sagt, sie habe hier mal einen schönen Spiegel gekauft.

Die einen zu fordernd, die anderen zu weich

Gerade ist eine junge Afghanin da, die neue Tabletten haben möchte gegen das Ziehen im Kopf, in den Schultern, in den Beinen. Manchmal kann sie vor Schmerzen kaum laufen, sagt ihr Mann. Faki holt eine Pillenpackung aus dem Schrank, die Frau schüttelt den Kopf. Ihr Mann sagt auf Englisch, die gleichen habe sie schon im Heim in Eisenhüttenstadt bekommen, die würden nicht helfen, er sei selbst Arzt.

Faki schaut grimmig. Er hat kein anderes Medikament. Er mag es nicht, wenn Menschen, die gerade erst angekommen sind, gleich Forderungen stellen, sagt er. Neulich habe er sogar einen Mann aus der Sprechstunde geworfen. Als Faki ihn zum Röntgen schicken wollte, sagte der Patient: „So Allah will.“„Wie redest du mit mir“, wies Faki ihn zurecht. „Ich bin 67 Jahre alt. Ich bin Arzt.“ „Und ich bin Muslim“, antwortete der Patient. Rassoul Faki sagt, da habe es ihm gereicht.

Er findet, dass die Flüchtlinge zu fordernd sind und die Deutschen viel zu weich.

Er denkt jetzt oft an seine eigene Ankunft in Deutschland, wie er vor mehr als 40 Jahren als Tourist nach West-Berlin kam, „weil man da ohne Visum leben konnte“. Er hat schnell Deutsch gelernt und Geld verdient, Zeitungen ausgetragen und Dolmetscherjobs angenommen. Arzt zu werden, war sein Traum. In Mannheim wurde er zum Medizinstudium zugelassen, aber er hatte kein Visum, und als er in Beirut ankam, um eins zu beantragen, wurde gerade die deutsche Botschaft abgesperrt, weil in München ein Attentat verübt worden war.

Faki fuhr nach Berlin zurück. „Wo sollte ich denn hin?“, fragt er. Er ist in Aleppo aufgewachsen, seine Familie waren Kurden aus dem Norden des Landes, „ein Volk ohne Land“, sagt er, „aber mit einer starken Identität“. Er versuchte es im Ostblock ? in der CSSR, in Rumänien, in der ehemaligen Sowjetunion. Einmal reichte sein Geld nicht, einmal wurde er ausgewiesen, weil er für einen Spion gehalten wurde.

Erst in einer westukrainischen Stadt nahm man ihn zum Medizinstudium an. Allerdings konnte er in dieser Zeit seine Kinder und seine Frau nur in den Semesterferien sehen. Er hatte sie bei den Weltjugendfestspielen in Ost-Berlin kennengelernt. Eine Falkenseerin. 1976 heirateten sie, 1984 kam er aus der Ukraine zurück, machte seine Facharztausbildung im Krankenhaus in Staaken, nach dem Mauerfall ließ er sich in Falkensee nieder.

Geschockt, aber nicht gelähmt

Rassoul Faki sagt, er habe in diesem Leben gelernt, dass man kämpfen muss. Immer weiter kämpfen. Er ist Hausarzt, aber auch Chirurg, in China hat er Akupunktur gelernt, er macht die Flüchtlingssprechstunde, und überall in der Stadt stehen seine Spendenbüchsen. Vor vier Jahren hat er eine Initiative gegründet: Deutsch-kurdische Ärzte für Nord-Syrien. Zwei Mal war Faki in Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze. Im Mai will er wieder mit einem Hilfstransport aufbrechen. Dafür sind die Spendenbüchsen da. Sie stehen in Apotheken und Arztpraxen.

Das letzte Mal hat er sie vor einer Woche eingesammelt, 450 Euro waren drin. Es war am Freitag, an dem die Trauerfeier für Marianne und Rüdiger Faber stattfand. Faki wusste davon, aber er hatte keine Zeit. Er musste noch nach Göttingen fahren, wo am Wochenende eine Zukunftskommission für die Gesellschaft bedrohter Völker gegründet wurde. Auch da ist er Mitglied.

Es ist schwer zu sagen, was ein terroristischer Anschlag mit einer Stadt macht, ob sich das Leben verändert und wie. Aber eins kann man jetzt schon über Falkensee sagen: Die Stadt steht vielleicht unter Schock, aber gelähmt ist sie nicht. Das zeigt dieser Freitag im Februar: Im Rathaus nimmt die Stadt Abschied von einem Rentnerehepaar, das beim Terroranschlag ums Leben gekommen ist. Zur gleichen Zeit fährt ein kleiner Junge, der vor diesem Terror geflohen ist, mit seinen Eltern zum Alexanderplatz. Und ein alter Arzt aus Syrien sammelt Spendenbüchsen ein, weil er den Terror bekämpfen will. Vier Menschen, die sich nicht kennen, die sich wahrscheinlich nie begegnet sind, und die doch etwas verbindet.

Falkensee mag am Stadtrand liegen, aber es liegt auch mitten in der Welt.

Birgit Faber sagt, die Trauerfeier habe der Familie gutgetan. Weil sie ja gar nicht von ihren Schwiegereltern Abschied nehmen konnten. Weil alles so überraschend passiert ist, so schnell. Es sei schön gewesen zu sehen, dass so viele Menschen Anteil nehmen. Besonders hat ihr die Rede des Bürgermeisters gefallen. Und das Foto am Pool, findet sie im Nachhinein, war genau das Richtige. So seien die Schwiegereltern eben gewesen, offene, lebenslustige Menschen, die gerne in der Welt rumreisten. Das Bild steht jetzt in ihrem Haus. Wenn Birgit Faber den richtigen Platz dafür gefunden hat, wird sie es aufhängen.

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