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IS-Anschlagsopfer aus Brandenburg: Wie Terror und Flüchtlingskrise das Leben in Falkensee verändern

Falkensee erinnert an eine amerikanische Kleinstadt: eine lose Ansammlung von Einfamilienhäusern, der das Zentrum abhanden gekommen ist. Es gibt Tankstellen, Gewerbezentren, Sportplätze und dazwischen struppige Felder, auf denen schon wieder neue Häuser gebaut werden.

Falkensee erinnert an eine amerikanische Kleinstadt: eine lose Ansammlung von Einfamilienhäusern, der das Zentrum abhanden gekommen ist. Es gibt Tankstellen, Gewerbezentren, Sportplätze und dazwischen struppige Felder, auf denen schon wieder neue Häuser gebaut werden.

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Am Ende hat sich Birgit Faber für das Urlaubsfoto entschieden: Ihre Schwiegereltern am Hotelpool vor Palmen. Sie im hawaiifarbenen Bademantel. Er im T-Shirt, Sonnenbrille um den Hals, ein Arm in der Hüfte, der andere auf der Schulter seiner Frau. Marianne und Rüdiger Faber, Fleischerehepaar aus Falkensee, seit 45 Jahren verheiratet, lächeln in die Kamera. Es ist ein Lächeln für die Enkelin, die das Foto vor einem Jahr auf der gemeinsamen Reise in den Oman gemacht hat, aber auch für die Daheimgebliebenen. Es soll sagen: Seht, wie gut es uns geht, wie schön das Leben ist.

Birgit Faber hat kurz überlegt, ob sie vielleicht doch lieber ein anderes Foto für die Trauerfeier nehmen soll, eines, das etwas offizieller und ernsthafter ist, dem Anlass entsprechend. „Nachher sagen die Leute noch: Oh je, die Marianne hat ja einen Bademantel an.“ Andererseits sind die Schwiegereltern ja nicht beim Neujahrsempfang der Stadt ums Leben gekommen, sondern auf ihrer Urlaubsreise. Nach Abu Dhabi sollte es gehen, mit Zwischenstopps in Istanbul und Dubai. Orientalischer Zauber in zehn Tagen mit Bosporus-Schifffahrt, Wüsten-Safari und Bauchtanzvorführung, hatte der Reiseveranstalter versprochen: „Eine Erlebnisreise der Superlative“. Ein Versprechen wie aus einem anderen Zeitalter.

Die Nachricht kam nachts um eins

Marianne und Rüdiger Faber, 71 und 73?Jahre alt, sind am 12. Januar beim Terroranschlag in Istanbul gestorben. Es passierte gleich am Morgen nach ihrer Ankunft, vor dem ersten Tagesordnungspunkt: Besichtigung der Hagia Sophia. „Nehmen Sie sich Zeit, schauen Sie sich um“, hatte die Reiseleiterin gesagt, nachdem sie auf dem Sultanahmet-Platz aus dem Bus gestiegen waren. Die Gruppe wollte gerade auseinanderlaufen, als ein Mann in die Menge rannte. Es knallte, der Platz bebte. Zehn Menschen waren sofort tot, sieben verletzt.

Ein paar Stunden später sagte Birgit Faber beim Neujahrsempfang des Falkenseer Sportvereins, wo sie Vorstandschefin ist, dass es in Istanbul einen Terroranschlag gegeben habe, sie mache sich Sorgen um ihre Schwiegereltern. Nachts um eins klingelte es an ihrer Haustür. Zwei Beamtinnen vom Bundeskriminalamt standen vor der Tür. „Sie brauchen nichts sagen, dann ist das also so“, schnitt ihr Mann ihnen das Wort ab. Sie hätten es längst geahnt, sagt Birgit Faber. Als die Schwiegereltern nicht mehr ans Handy gingen, als in den Nachrichten von deutschen Opfern die Rede war, als die Kanzlerin mit den Worten zitiert wurde, ihre Gedanken seien bei den Angehörigen.

Am Morgen danach rief der Bürgermeister an, die Fahnen vor dem Rathaus der Stadt wurden auf halbmast gesetzt, die Presse belagerte den Vorgarten, das Auswärtige Amt schickte eine Seelsorgerin, Landrat, Ministerpräsident und Justizminister schickten Beileidsschreiben. Innenminister Thomas de Maizière flog nach Istanbul, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, es handele sich um ein verachtenswertes Verbrechen.

Die schönen Gedanken sollen bleiben

Die Särge mit den Toten und ihr Gepäck landeten mit einer Maschine der Deutschen Luftwaffe auf dem militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel. Marianne und Rüdiger Faber, ein deutsches Rentnerpaar auf Reisen, wurden immer größer, immer wichtiger. Ihr Tod schien eine Bedeutung zu haben, die weit über die Trauer der Familie hinausging. Und irgendwann in diesen Stunden und Tagen entstand die Idee, neben der Bestattung auch eine Trauerfeier zu veranstalten, etwas, das der Größe dieses schrecklichen Ereignisses gerecht wird.

Es ist ein wolkenverhangener Freitagnachmittag im Februar. Von der Bühne des Rathauses der Stadt Falkensee, da, wo sonst Reden gehalten und Konzerte veranstaltet werden, lächelt das Ehepaar Faber den Trauergästen zu. Das Urlaubsfoto ihrer letzten großen Reise steht in Postergröße auf einer Staffelei, umringt von Kerzen und Blumengestecken. Zweihundert Gäste sind gekommen; Familie, Freunde, Mitglieder des Sportvereins. Andreas Bourani singt vom Band: „Hey, sei nicht so hart zu dir selbst, es ist okay, wenn du fällst.“

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