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Islamismus: Salafisten verteilen Koran am Potsdamer Platz

Radikalislamische Salafisten verteilten am Sonnabend kostenlos Exemplare des Korans am Potsdamer Platz.

Radikalislamische Salafisten verteilten am Sonnabend kostenlos Exemplare des Korans am Potsdamer Platz.

Foto:

Paulus Ponizak

In Berlin verteilten radikalislamische Salafisten am Sonnabend am Potsdamer Platz den Koran gratis an Passanten. Die zumeist jungen Männer mit Bart haben sich dafür unter einer weißen Zeltplane direkt am S-Bahn-Aufgang versammelt, der Koran liegt in gebundener Buchform auf einem kleinen Tisch. Die Männer sprechen Passanten an, die sich dem Stand nähern. Sie haben weiße T-Shirts an, auf denen in deutscher Sprache „Lies!“ steht, damit wollen die jungen Männer Neugierige zum Lesen des Koran auffordern.

Einige Passanten greifen nach den Gratis-Exemplaren. „Ich will mal nachschauen, wo der Koran und die Bibel sich auf die gleichen Quellen stützen“, sagt Tourist Wolfgang Schmid aus dem süddeutschen Würzburg. Der Stammvater Abraham komme in den beiden Schriften ebenso vor wie das Paradies und die Erzengel. Dass hier radikalislamisch Salafisten den Koran verteilen, macht ihm nichts aus.

Salafisten stoßen am Potsdammer Platz sofort auf Widerstand

Die Lieferung der Koran-Exemplare war durch die zwei VW-Busse mit Hamburger Kennzeichen gegen halb zwölf Uhr mittags erfolgt. Hinter der Kampagne steht das salafistische Netzwerk „Die wahre Religion“, die Organisation um den Kölner Ibrahim Abou Nagie hatte angekündigt, bis zu 25 Millionen Koran-Exemplare in deutschen Städten zu verteilen. Die Aktion sollte deshalb am Sonnabend parallel in mehr als 30 deutschen Städten anlaufen, anders als angekündigt wurden aber etwa in Hamburg oder Stuttgart bis zum Nachmittag keine Stände aufgebaut. Die Ulmer Druckerei hat die Produktion der Koran-Exemplare mit dem bräunlich-roten Buchcover inzwischen ausgesetzt.

Am Potsdamer Platz stoßen die strenggläubigen Muslime sofort auch auf Widerstand. Insbesondere Mitglieder der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ haben sich vor dem Stand postiert und halten Plakate hoch. Darauf steht „Töten kommt im Koran 180mal vor!“. Einige junge Frau aus dem Landesvorstand der Partei hält ein Plakat vor sich, auf dem auf Englisch steht: „We don’t need your lies“. Das Wort „Lies“ nimmt Bezug auf den deutschen Slogan „Lies!“, heißt aber auf Englisch „Lügen“.

„Sie werden in der Hölle brennen, wenn Sie nicht an Allah glauben"

Die Polizei ist mit zwei Mannschaftwagen vor Ort, hält sich aber bewusst zurück. Man darf vermuten, dass sich auch Beamte des Staatsschutzes in Zivil unter die Passanten gemischt haben. Die Berliner Verfassungsschutz-Präsidentin Claudia Schmid hatte zuvor die Meinung vertreten, dass es den Salafisten um Propaganda in eigener Sache gehe und darum, junge Anhänger zur rekrutieren.

Die jungen Salafisten ihrerseits filmen mit Kameras und Handys immer wieder die Gegendemonstranten, aber auch die anwesenden Journalisten ab. Viele der Männer sind aus Berlin, einige besuchen sonst regelmäßig eine Moschee an der Osloer Straße in Berlin-Wedding, sagen sie. Immer wieder werden die jungen Männer von älteren Mitstreitern daran gehindert, mit der Presse zu sprechen.

Am Rande der Gruppe, die den Koran verteilte, hielt sich auch der ehemalige Rapper Deso Dogg auf, der nun unter dem Pseudonym Abu Maliq Lieder singt, in denen er den Glauben an Allah beschwört. Ein Islam-Prediger aus Charlottenburg, der seinerzeit gerichtlich durchsetzen ließ, sein Kind „Dschihad“ nennen zu dürfen, ist hingegen offenkundig autorisiert, die gesamte Aktion zu filmen und lässt einen jungen Mann dazu Interviews führen. „Sie werden in der Hölle brennen, wenn Sie nicht an Allah glauben. Sie glauben ja noch nicht einmal an das Jenseits“, ruft dieser junge Mann in weißem Gewand einem kritisch nachfragenden Journalisten aus den Niederlanden zu. Ein anderer Salafist begründet wenig später, wieso es ihm seine Religionsauffassung verbietet, fremden Frauen die Hand zu geben.

Ein evangelikaler Pastor der christlichen Pfingstgemeinde versucht unterdessen den jungen Salafisten das Neue Testament anzubieten, einige greifen auch sogleich zu oder fachsimpeln mit dem Geistlichen über die Figur des Jesus, der auch im Koran vorkommt – als Prophet. Anwohner Vinzenz Feist, 72 Jahre alt, aus Mitte, kommt mit dem Fahrrad des Weges und bekennt gegenüber den jungen Salafisten: „Ich habe Angst. dass Ihr uns eines Tages in die Luft sprengt.“

„Da entsteht ein schiefes Bild“

Timm Fischer ist vor ein paar Jahren zum Islam konvertiert und heute mit seiner Frau hier, die aus einer muslimischen Familie stammt. „Man muss aufpassen, dass man nicht alle Berliner Muslime mit den ganz wenigen Salafisten, die es hier gibt, gleich setzt“, sagt seine Frau. Und Timm Fischer fügt hinzu. „Nach unserem Islamverständnis ist das gute Benehmen, ahlak genannt, sehr wichtig: Gastfreundlich sein, nicht lügen und generell nichts Schlechtes tun.“ Leider würden große Teile der  Öffentlichkeit den Islam nur kennenlernen, wenn es etwa um die Salafisten und deren Koran-Verteilung gehe. „Da entsteht ein schiefes Bild“, sagt er.

Auch die ausgewiesene Islamexpertin Claudia Dantschke guckt sich die Aktion an. „Was wir brauchen ist eine öffentliche Debatte darüber, wieso diese Organisation so attraktiv ist für Jugendliche“, sagt sie. Leider würde in diesen Zirkeln auch Gewalt legitimiert. Gegen 17 Uhr bauen die Salafisten dann ihren Stand ab. Auch am Alexanderplatz und Kudamm hatten sie Stände angemeldet, dort erschienen sie aber nicht.

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