14.02.2012

Jagdschloss Glienicke: „Falsch und inakzeptabel“

Von Ulrich Paul
Das Jagdschloss Glienicke: Umstritten ist, ob der in den 1960er-Jahren errichtete Glaserker wieder eingebaut wird.
Das Jagdschloss Glienicke: Umstritten ist, ob der in den 1960er-Jahren errichtete Glaserker wieder eingebaut wird.
Foto: Picture-Alliance
Berlin –  

Die Senatsverwaltung für Bildung ist empört über den Baustopp am Jagdschloss Glienicke. Die CDU will über die Fassade diskutieren.

Der Fall ist wahrscheinlich einmalig. Die Genehmigung für die Restaurierung des Jagdschlosses Glienicke liegt vor, doch der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat einen Stopp der Arbeiten verfügt. „Wir haben beschlossen, keine Aufträge zu erteilen“, sagte am Dienstag der Stadtrat für Stadtentwicklung, Norbert Schmidt (CDU). Der Stadtrat will über die Gestaltung der Fassade des Jagdschlosses noch einmal diskutieren. „Der öffentliche Diskurs ist bewusst nicht geführt worden, und das kommt mir verdächtig vor“, sagte Schmidt dieser Zeitung.

Es geht es um die Frage, ob ein in den 1960er-Jahren eingebauter Glas-Erker des Architekten Max Taut bei der Restaurierung des Jagdschlosses wieder eingebaut werden soll oder ob die Fassade nach den Plänen des Hofbaumeisters Albert Geyers aus dem 19. Jahrhundert historisch gestaltet wird. Ohne Glas-Erker. Für letzteres setzt sich die CDU um den Zehlendorfer Abgeordneten Uwe Lehmann-Brauns seit Langem ein. Der Glaserker „entstellt“ nach ihrer Ansicht das Bauwerk. Landeskonservator Jörg Haspel plädiert dagegen dafür, die Spuren der verschiedenen Bauepochen zu erhalten, also den Glas-Erker bei der Restaurierung wieder einzubauen. Haspel verweist zudem auf eine politische Komponente des Taut’schen Entwurfs. So sei der Erker mit dem Haupteingang nach dem Mauerbau 1961 errichtet worden, weil der Zugang von der anderen Seite nicht mehr möglich war. Auch daran soll seiner Ansicht nach erinnert werden.

Senatsverwaltung für Bildung über Baustopp nicht informiert.

Eigentlich schien der Streit ja schon beendet. Im März vergangenen Jahres gab der Bezirk Steglitz-Zehlendorf nach Abstimmung mit dem Landeskonservator und dem Senat bereits grünes Licht für den Wiedereinbau des Glas-Erkers – zuständig war damals jedoch ein SPD-Stadtrat. Nachdem die CDU den Stadtratsposten übernahm, stoppte sie die Arbeiten am Jagdschloss, unterstützt von einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung. Das Jagdschloss wird seit 2003 als Bildungsstätte der Länder Berlin und Brandenburg genutzt. Bei einem Feuer im März 2003 war der Südflügel des Gebäudes schwer beschädigt worden. Im November 2005 begann der denkmalgerechte Wiederaufbau. Die Senatsverwaltung für Bildung ist zuständig für das Gebäude. Sie wurde über den Baustopp nicht informiert.

„Wir halten ihn für falsch und inakzeptabel“, sagt Behördensprecher Mathias Gille. Durch den Baustopp könnten bestimmte Teile des Gebäudes nicht genutzt werden, darunter die einzige barrierefreie Toilette, eine Teeküche und das Parkzimmer im ersten Obergeschoss. „Jede weitere Verzögerung beeinträchtigt den Betrieb der Bildungsstätte“, warnt Gille. Er fordert, dass die Bauarbeiten „auf Grundlage der bestehenden und genehmigten Bau- und Kostenplanung umgehend fertig gestellt werden“. Durch nicht stattfindende Seminare entstünden pro Woche „Einnahmeausfälle von 1140 Euro“. Weitere Kosten fielen wegen nicht fertiggestellter Alarm- und Brandmelder an.

Der Grünen-Abgeordnete Thomas Birk bezeichnet den Baustopp als „grotesk“, die Linken-Abgeordnete Gabriele Hiller spricht von „Verantwortungslosigkeit“. Hier habe sich eine „Steglitz-Zehlendorf-Connection“ durchgesetzt, beklagt Hiller. Der Grünen-Abgeordnete Birk fordert, es müsse Aufklärung darüber geben, wie teuer der Baustopp wirklich sei.

Wowereit persönlich ist historische Fassade "lieber"

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für den Denkmalschutz zuständig ist, beurteilt den Baustopp ebenfalls kritisch. „Es gibt eine gültige Baugenehmigung“, sagt Bau-Staatssekretär Ephraim Gothe, der fünf Jahre als Baustadtrat von Mitte amtierte. Es sei ungewöhnlich, dass eine Baudienststelle eine Genehmigung nicht vollziehe.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verfolgt das Treiben des Koalitionspartner mit gemischten Gefühlen. Er bekannte im Kulturausschuss am Montag, dass ihm persönlich die historische Fassade „lieber“ wäre. Doch dann verwies er auf den Amtsweg. Es gebe eine gültige Baugenehmigung, und es sei „dringend notwendig“, dass diese vollzogen werde. Wenn das ein Machtwort war, müssten die Arbeiten bald fortgesetzt werden.

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