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Jahrhunderte alter Schuldschein: Berlin schuldet Mittenwalde ein Vermögen

Golden leuchtet Mittenwalde im Abendrot, golden könnte auch die Zukunft der Stadt sein – mit eingetriebenen Schulden aus dem Jahr 1562.

Golden leuchtet Mittenwalde im Abendrot, golden könnte auch die Zukunft der Stadt sein – mit eingetriebenen Schulden aus dem Jahr 1562.

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dpa

Berlin -

Die reichste Stadt der Welt – sie könnte in Brandenburg liegen. „Wir wären es, wenn wir unsere Schulden zurückbezahlt bekommen würden“, sagt Uwe Pfeiffer. Pfeiffer ist CDU-Bürgermeister von Mittenwalde (Dahme-Spreewald). Die Kopie eines Schuldscheines, die in seinem Büro hängt, zeigt, was er meint. Danach hatte die einstige Handelsstadt 400 Gulden zu einem Zinssatz von sechs Prozent an das klamme Berlin verborgt. Das war am 28. Mai 1562. Eine Rückzahlung gab es nie, ist sich der Bürgermeister sicher. „Wie sonst wäre der Schuldschein noch vorhanden“, argumentiert Pfeiffer.

Fast auf den Tag genau 450 Jahre später: An diesem Donnerstag machten sich Pfeiffer sowie die Mittenwalder Ortschronistin Vera Schmidt in nicht ganz ernsthafter Mission nach Berlin auf, um die Sache mit den Uraltschulden einmal dem Finanzsenator Ulrich Nußbaum vorzutragen. Vera Schmidt befasst sich seit 1985 mit der Stadtgeschichte Mittenwaldes. Sie war es auch, die den vermissten Schuldschein fand. Im Staatsarchiv in Potsdam. „Das hat mich schon ein wenig glücklich gemacht“, sagte sie.

Es geht eigentlich um nicht wenig Geld. Genau genommen, um ein Vermögen. Eine Regionalzeitung hatte geschrieben, dass der Jahrhunderte alte Schuldschein, würde man ihn heute einlösen, mit Zins und Zinseszins Milliarden von Euro ausmachen könnte. Dabei bräuchte das 8.600 Einwohner zählende Städtchen das Geld nicht so dringend wie das ohnehin verarmte und hoch verschuldete Berlin. „Wir haben keine Schulden“, sagt Mittenwaldes Bürgermeister schon ein wenig stolz.

Verschwenderischer Kurfürst

Berlin stelle sich grundsätzlich seinen Schulden, erklärte Finanzsenator Ulrich Nußbaum dann auch im passend zum Anlass des Treffens gewählten Münzkabinett im Bodemuseum. Denn hier lagern wahre numismatische Schätze aus den vergangenen Jahrhunderten. „Der Fall zeigt, dass Schulden einen immer wieder einholen, egal wie alt sie sind“, so der Finanzsenator. Aber, bemerkte er dann auch mit einem Augenzwinkern, er glaube, dass es bei dem Schuldschein damals nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Seine Argumente lassen sich nicht so recht von der Hand weisen.

So ist das in Kurrentschrift verfasste Dokument nur teilweise übersetzt. Zudem fehlt eine Unterschrift unter dem Papier. Das Siegel selbst war nicht an dem Dokument angebracht, es lag nur bei. Und, so teilte die Finanzverwaltung mit, dieses Siegel sei erst viel später, nämlich im 17. Jahrhundert verwendet worden. Alles deute darauf hin, dass der Vertrag zwischen Mittenwalde und Berlin, das damals noch vom Kurfürsten von Brandenburg, Joachim II., mitregiert wurde, nie zustande gekommen sei.

Joachim II. galt als verschwenderischer Kurfürst. Schon fünf Jahre nach seinem Amtsantritt 1540 hatte er 1,45 Millionen Gulden Schulden plus Zinsen angehäuft. 400 Gulden erscheinen da nicht gerade viel.

„Ein Goldgulden war für damalige Verhältnisse gerade für Mittenwalde eine ganz große Summe“, sagte Bernd Kluge, der Direktor des Münzkabinetts. Ein guter Handwerker konnte einen Gulden im Monat verdienen, ein Tagelöhner hatte längst nicht soviel Geld. „400 Gulden waren im internationalen Handel kein großes Vermögen, aber man konnte sich schon ein ordentliches Stadthaus in Berlin davon leisten“, so Kluge. In Euro könne man den Betrag nicht umrechnen. „Die Gulden aus damaligen Zeiten haben aber einen großen numismatischen Wert“, sagte Kluge.

Münze mit 100.000 Euro versichert

Immerhin konnte Mittenwaldes Stadtoberhaupt an diesem Tag symbolisch einen Gulden für kurze Zeit in den Händen halten. „Die Münze sah ganz schön mickrig aus“, kommentierte Pfeiffer. Das Goldstück stammte von 1539. „Davon gibt es bei uns nur noch das eine Exemplar“, sagte Bernd Kluge. Sammler würden für eine solche Münze, so sie überhaupt auf dem Markt kommt, 50.000 bis 100.000 Euro auf den Tisch legen.

Sechs Wochen lang soll der nur 3,25 Gramm leichte Gulden aus 18-karätigem Gold nun als Leihgabe in Mittenwaldes Stadtgeschichtlichem Museum zu sehen sein. Die Münze ist dann versichert mit 100.000 Euro. Vielleicht ist das das friedliche Ende eines skurrilen Schuldenfalls.

Gleich mitnehmen konnte Mittenwaldes Bürgermeister die wertvolle Münze übrigens nicht. Es fehlte noch ein gültiger Vertrag – mit Unterschriften.


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