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Jenny Hval: Klang einer zerreißenden Jungfernhaut

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Singt von Ödipus und sexueller Ambivalenz unter Lurchen: Jenny Hval.
Singt von Ödipus und sexueller Ambivalenz unter Lurchen: Jenny Hval.
Foto: RUNE GRAMMOFON/Kristine Jakobsen

Ein grandioses elektroakustisches Experiment aus Norwegen: Jenny Hval filtert und manipuliert, spaltet und vervielfacht die Stimme auf ihrem neuen Album „Innocence is Kinky“ – und dabei singt sie nicht nur von den Wonnen des Voyeurismus.

Nachts sieht sie sich auf ihrem Computer gern fremde Leute beim Geschlechtsverkehr an; dazu löscht sie das Licht und kleidet sich in Silber und Gold. Es treibt sie, singt Jenny Hval, ein Begehren, das sie selbst nicht verstehen kann. Aber andererseits: Ist es nicht allzu verständlich? Schaut man nicht immer gern jemandem zu, der einem beim Zuschauen nicht zuschauen kann?

Nur Unschuld ist abnorm: „Innocence is Kinky“, so heißt dieses Stück, in dem Jenny Hval von ihren allerintimsten Fantasien und Leidenschaften kündet; und so heißt auch das fantastische und leidenschaftliche neue Album der norwegischen Sängerin und Produzentin, das am kommenden Freitag erscheint. Darauf singt Jenny Hval nicht nur von den Wonnen des Voyeurismus, sie singt auch von ödipalen Komplexen („Oslo Oedipus“) und geschlechtlicher Ambivalenz unter Lurchen („Amphibious, Androgynous“); auch das geheimnisvolle Gefühl, kein Geheimnis zu sein, spielt in ihren elf neuen Songs eine Rolle („Is There Anything On Me That Doesn’t Speak?“).

Jenny Hval ist eine grandiose Sängerin; sie singt mit einer hohen, enorm wandlungsreichen, manchmal binnen Sekunden zwischen den verschiedensten Registern wechselnden Stimme. Oft singt sie aber auch gar nicht, sondern flüstert und kreischt; oder sie kichert und keckert und jodelt und gurrt.

Ungeheuer ist aber nicht nur das stimmliche Spektrum, das sie in ihren Liedern durchmisst. Ungeheuer – unheimlich und unbehaglich – sind vor allem die musikalischen Räume, die dabei entstehen. Mal haucht einem Jenny Hval mit geisterhaft körperlos wirkender Stimme aus nächster Nähe ins Ohr; mal fällt sie sich aus der fernen Ecke eines großen hallenden Raums schrill zeternd selber in die Melodie und ins Wort.

Unablässig filtert und manipuliert, spaltet und vervielfacht sie dabei ihre Stimme mit elektronischen und elektroakustischen Mitteln. Das verbindet Jenny Hval mit vielen jungen Sängerinnen und Produzentinnen, die in den letzten beiden Jahren auf der Bühne der Popmusik erschienen sind, von Grimes über Julia Holter bis zu Channy Leanagh von Poliça. Aus den Liedern von Hval und aus ihrem Gesang hört man aber zugleich die klanglich noch rustikalere Tradition der norwegischen Noise- und Neue-Musik-Avantgarde heraus: etwa die markerschütternden Vokal-Improvisationen von Maja Ratkje und Hild Sofie Tafjord. Wie diese, bringt Hval ihre Musik neuerdings auch auf dem legendären Osloer Label Rune Grammofon heraus: Dort erschien schon „Visceral“, die erste Platte, die sie – nach zwei eher Folktronica-artigen Alben unter dem Pseudonym Rockettothesky – 2011 unter ihrem eigenen Namen veröffentlichte.

Jenny Hval: Innocence in Kinky (Rune Grammofon/Cargo).
Jenny Hval: Innocence in Kinky (Rune Grammofon/Cargo).
Foto: Album-Cover

„Innocence is Kinky“ schließt unmittelbar an die elektroakustischen Experimente von „Visceral“ an – und fügt sie in sonderbarer, hoch spannender Weise zugleich in songhafte Strukturen. Was auch daran liegen könnte, dass Hval die Platte in Bristol gemeinsam mit John Parish eingespielt hat: Ihn kennt man ansonsten vor allem als Mitstreiter von PJ Harvey.

Parish hat die neuen Songs produziert und spielt auch Gitarre, Bass, Banjo, Posaune, „detuned drums“ und ein Instrument namens Variophon. Außerdem gibt es – arrangiert von dem Neue-Musik-Komponisten Ole-Henrik Moe – Geigen und Bratschen zu hören, Saxofone, singende Sägen und schwingende Gläser. Die eindrucksvollsten Momente sind aber jene, in denen das Orchester verstummt und Jenny Hval ihre Musik skelettiert: Gewaltig und schmerzhaft, wie sie in „Give Me That Sound“ ihren Gesang erst auf scharfkantig splitternde Gitarrensounds bettet und dann schließlich so lange in fies fiepende Feedbacks verflicht, bis man nicht mehr weiß, welches Geräusch welcher Quelle entspringt. „Ich will“, bekundet sie an dieser Stelle, „den Klang einer zerreißenden Jungfernhaut hören!“

Am kommenden Mittwoch (24.4.2013) ist Jenny Hval erstmals in Berlin zu erleben. Im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielt sie in einem Trio mit dem Schlagzeuger Kyrre Laastad und dem Improv-Gitarristen und Klangkünstler Håvard Volden, mit dem sie auch das Duo Nude on Sand betreibt. Man wagt sich wohl kaum zu weit hervor, wenn man sagt, dass dies eines der tollsten Konzerte des Jahres zu werden verspricht! Beginn ist um 21 Uhr.

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