blz_logo12,9

Jüdin nimmt muslimischen Flüchtling auf: Zwei Religionen, eine WG

WG-Leben in Neukölln: Rebecca de Vries beherbergt Abdullah Sa in ihrem Gästezimmer.

WG-Leben in Neukölln: Rebecca de Vries beherbergt Abdullah Sa in ihrem Gästezimmer.

Foto:

Jan Schapira

Berlin -

Elegant sieht es nicht aus, wie sich Abdullah Sa* über das Eis bewegt. Statt mit seinen Schlittschuhen zu gleiten, stolpert er voran. Die Jugendlichen im Stadion Neukölln drehen Pirouetten und jagen hintereinander her; Sa lässt es lieber langsam angehen. Sa und die Eisbahn, man muss sich nicht besonders anstrengen, um darin ein Symbol zu sehen. Seit sechs Wochen ist er in Berlin. Seine Heimat Syrien hat er vor über zwei Jahren verlassen. Der 24-Jährige ist vor Krieg und Zerstörung geflohen. Und jetzt befindet er sich in Deutschland auf dem glatten Eis, und weiß noch nicht ganz genau, wie man sich hier bewegen muss, um nicht hinzufallen. Glücklicherweise hält eine junge Frau seinen Arm: Rebecca de Vries kennt Sa seit seiner Ankunft in Berlin. Seitdem wohnen sie zusammen in einer Wohngemeinschaft.

Debatte über Antisemitismus

Wer die Debatte der letzten Wochen über Antisemitismus unter Geflüchteten verfolgt hat, dem müssen de Vries und Abdullah wie ein ganz und gar ungewöhnliches Paar vorkommen: Er ist Muslim aus Syrien, sie Jüdin aus Deutschland. Als Angela Merkel vor Kurzem den Abraham-Geiger-Preis entgegennahm, sagte die Bundeskanzlerin gegenüber Vertretern der jüdischen Gemeinde, sie nehme deren Furcht vor Antisemitismus sehr ernst – dies gälte auch im Hinblick auf Geflüchtete, die aus Ländern kommen, „in denen Antisemitismus und Hass auf Israel Teil des öffentlichen Lebens sind und von Kindesbeinen an vermittelt werden“. Damit reagierte Merkel auf Josef Schuster, den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit seiner Äußerung, dass viele der derzeit in Deutschland Ankommenden „Kulturen entstammen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind“, hat er eine Debatte angestoßen. Ihre Leitfrage lautet wohl: Kommt mit den Geflüchteten aus dem Nahen Osten mehr Antisemitismus nach Deutschland?

Die Wohnung, die sich Rebecca de Vries und Abdullah Sa teilen, liegt in Berlin-Neukölln. Von der Küche aus schaut man in einen ruhigen Hinterhof. Nur mit einem Rucksack auf dem Rücken kam Sa hier an. Von Istanbul aus hat er den ganzen Weg zurückgelegt, an die Küste bei Izmir ist er gefahren, hat in einem Schlauchboot das Meer nach Griechenland überquert, dann kamen Mazedonien, Serbien, Kroatien, Österreich, endlich Deutschland. Auf seinem Smartphone zeigt Sa Selfies von der Reise, auf einem trägt er eine Schwimmweste, sein Lächeln sieht ängstlich aus. Er hat es aufgenommen kurz vor seiner Fahrt über das Mittelmeer. „Das war der schlimmste Moment in meinem Leben“, sagt Sa. „Es war, als wenn man sich darauf vorbereitet zu sterben.“

Mit dem Schlauchboot gen Europa

Trotz aller Angst, der 24-Jährige bestieg mit Dutzenden anderen Menschen das Schlauchboot – und setzte nach Europa über. Im Jahr 2013 war er mit seinen Eltern und Geschwistern aus Damaskus geflohen; einst war es ihnen gut gegangen in Syrien, sie hatten zwei Wohnungen, Arbeit, Einkommen. Das war vor dem Bürgerkrieg.

In Istanbul hatte er die letzten zwei Jahre verbracht, als syrischer Flüchtling ohne legalen Aufenthaltstitel. So wie Sa es beschreibt, war die gefährliche Reise über das Meer nicht wirklich eine freiwillige Entscheidung. In Istanbul sah er für sich keine Zukunft. Er arbeitete als schlecht bezahlter Verkäufer auf dem Gewürzbasar. Geld hatte er kaum, nur Träume; sein in Damaskus angefangenes Studium als Englisch-Übersetzer wollte er fortsetzen, sich eine lebenswerte Existenz aufbauen. Die Touristen, die über den Istanbuler Gewürzbasar schlenderten, müssen auf Sa gewirkt haben wie ein Versprechen.

Dass er heute in der Küche in Neukölln sitzt, hat er einem Zufall zu verdanken. Während seiner Arbeit auf dem Gewürzbasar interessierte sich eine Freundin von Rebecca de Vries für seine Ware. Aus dem Verkaufsgespräch entwickelte sich später eine Freundschaft. Als sich Sa dann auf den Weg nach Europa machte, bat die gemeinsame Freundin de Vries inständig, ihm bei seiner Ankunft in Deutschland zu helfen. In ihrer Wohnung hatte de Vries ein kleines Zimmer frei. Dass die 32-Jährige Jüdin ist, erfuhr Sa nach einigen Tagen. Er schaute auf eine an die Wand gepinnte Postkarte in der Küche. Auf Arabisch stand darauf geschrieben: „Jude“. „Wer ist hier Jude?“, fragte Sa.

Verpflichtung aus Familiengeschichte

De Vries ist aktiv in Salam-Schalom, einer Neuköllner Initiative von Muslimen und Juden gegen Rassismus und Antisemitismus. Die arabische Postkarte war Teil einer Aktion für das Miteinander der beiden Minderheiten, die, wie de Vries sagt, in der Öffentlichkeit oft als „natürliche Feinde“ dargestellt werden. Dass sie Sa das Gästezimmer gegeben hat, liegt aber nicht nur an de Vries’ Weltoffenheit. Geflüchteten zu helfen, begreift sie als Gebot aufgrund ihrer Familiengeschichte. Alle ihre Großeltern sind Holocaust-Überlebende.

Für de Vries gibt es einen Zusammenhang zwischen der jüdischen Verfolgungserfahrung und der Gegenwart. „Es ist unsere Pflicht, unsere eigene Geschichte zu erinnern. Wir waren einmal Flüchtlinge“, sagt sie und denkt dabei an die Zeit des Nationalsozialismus. Vor dem Zweiten Weltkrieg verweigerten Staaten wie die USA oder England vielen Schutzsuchenden die Aufnahme, große Teile der Öffentlichkeit waren Juden feindlich gesonnen. Mit einer anderen Asyl-Politik hätten damals viele Menschen vor dem deutschen Wahn gerettet werden können.

Als Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, vor einigen Wochen in einer Zeitung mit dem Begriff einer „Obergrenze“ für Geflüchtete zitiert wurde und von antisemitischen Kulturen sprach, da ging de Vries mit Freunden von Salam-Schalom auf die Straße. Sie zündeten Kerzen an, um ein Zeichen für die Aufnahme von Geflüchteten zu setzen – und gegen deren pauschale Assoziierung mit Antisemitismus.

In der Schule Angst vor Israel gelernt

Aber es gibt Antisemitismus im Nahen Osten, auch in Syrien. Daran lässt Abdullah Sa keinen Zweifel. Der Äußerung von Angela Merkel, dass Hass auf Israel Teil des öffentlichen Lebens sei, stimmt er unumwunden zu. „In der Schule lernten wir, Angst zu haben vor Israelis“, sagt Sa. Man lerne, dass man ihnen nicht trauen könne. Seit Jahrzehnten befinden sich Israel und Syrien miteinander im Krieg, das hat sich auch in den Schulbüchern niedergeschlagen. Aber, sagt Sa, zwischen Juden und Israelis werde stets unterschieden. Er erinnert sich an eine Textpassage, nach der nicht alle Juden mit der israelischen Politik übereinstimmten und manche sie auch kritisierten.

Michael Kiefer vom Lehrstuhl für Islamische Theologie der Universität Osnabrück beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Antisemitismus im Nahen Osten und der muslimischen Welt. Er bestätigt, was Sa zur formellen Unterscheidung zwischen Juden und Israelis sagt. Und dennoch finde sich Antisemitismus in den öffentlichen Medien und in Schulbüchern, sagt Kiefer. Häufig werde zwar nicht das Wort „Jude“ gebraucht, sondern „Zionist“, aber die alten antisemitischen Erzählungen blieben dieselben. Weit verbreitet im Nahen Osten sei etwa das Narrativ von einer zionistischen Weltverschwörung.

Antisemitismus als Teil der Staatsideologie

„In Syrien war der Antisemitismus vor dem Bürgerkrieg Teil der Staatsideologie“, sagt Kiefer und verweist dazu auch auf die Hetzschrift „Die Matze von Zion“. Verfasst wurde sie 1983 vom langjährigen syrischen Verteidigungsminister Mustafa Tlas, der darin Juden unterstellt, das Blut von Nichtjuden zum Backen von Matze-Brot zu verwenden. Bis vor dem syrischen Bürgerkrieg wurde diese Schrift in immer neuen Auflagen gedruckt. In seinem Buch „Antisemitismus in den islamischen Gesellschaften“ beschreibt Kiefer, wie der europäische Antisemitismus sich im Nahen Osten verbreitete. Eine seiner zentralen Thesen ist, dass den arabischen Staaten die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung gelegen kam, um die eigenen militärischen Niederlagen gegen Israel erklären zu können.

Bei allem Wissen über Antisemitismus im Nahen Osten, Kiefer ist mehr als vorsichtig, wenn es um Antisemitismus unter Geflüchteten geht. „Man kann Befürchtungen äußern“, sagt Kiefer, „aber für ein abschließendes Urteil fehlt die wissenschaftliche Grundlage.“ Es gibt keine Erhebung zur Verbreitung antisemitischer Einstellungen unter Geflüchteten – was im Übrigen auch generell für die arabische Welt gilt. Bekannt ist lediglich die Verbreitung antisemitischer Schriften und Fernsehserien.

Noch etwas wendet Kiefer ein: Das Regime von Baschar al-Assad hat die Kontrolle über weite Teile Syriens verloren, von einem funktionsfähigen Staat kann seit Jahren nicht mehr die Rede sein. Die dramatischen Umbrüche werden Spuren bei den Menschen hinterlassen haben. Niemand weiß, inwiefern und ob überhaupt im Denken der Menschen Israel und Juden noch eine Rolle spielen. Statt vorschnell in einen „Bezichtigungsdiskurs“ zu verfallen, empfiehlt Kiefer daher: Sachlichkeit.

Stempel auf der Haut

Abdullah Sa hat vor seiner Überfahrt nicht geahnt, in Deutschland in eine Antisemitismus-Debatte verwickelt zu werden. Ganz ruhig sitzt er in der Küche in Neukölln und sagt: „Ich bin nicht hierhergekommen, um Juden anzufeinden. Ich wusste früher noch nicht einmal, dass es Juden in Deutschland gibt.“ In seiner kurzen Zeit in Berlin hat er erfahren, dass Antisemitismus hier ein sensibles Thema ist. Nachdem Sa vor der Flüchtlingsregistrierungsstelle am Lageso stundenlang gewartet hatte, bekam er einen Bearbeitungsstempel auf sein Handgelenk. „Wie ein Tier!“, schrieb Sa dazu auf Facebook. In den Kommentaren zogen Freunde Vergleiche zum Holocaust und den Tätowierungen jüdischer Häftlinge. Einen Tag später entschuldigte sich Sa für die Kommentare. Ein jüdischer Freund habe ihm die Bedeutung der KZ-Nummern erklärt. Ob das Rebecca de Vries war, schrieb Sa nicht.

* Name von der Redaktion geändert