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Jüdische Gemeinde in Berlin: 23 Jahre alt, angehender Rabbiner, schwul

Armin Langer wird Rabbiner. Eine Entscheidung für einen Lebensweg, die wahrscheinlich nicht sehr häufig ist in seiner Altersklasse.

Armin Langer wird Rabbiner. Eine Entscheidung für einen Lebensweg, die wahrscheinlich nicht sehr häufig ist in seiner Altersklasse.

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Berliner Zeitung/Hans Richard Edinger

Alexanderplatz, zehn Uhr morgens. Armin Langer, 23, wartet auf den Regionalzug nach Potsdam. Um ihn herum sammeln die Pendler, Fahrgäste rempeln einander an, drängen auf den Steig, die Treppen rauf und runter. Armin Langer fällt durch sein gelassenes Auftreten und seinen gemächlichen Schritt in der hektischen Menge auf. Er hat beschlossen, einen späteren Zug zu nehmen. „Für einen Tee“, sagt er, „habe ich noch Zeit.“

Langer lässt sich am Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam zum Rabbiner ausbilden. Eigentlich ist dies noch keine Besonderheit. Doch Armin Langer ist schwul. Wenn er mit seiner Ausbildung fertig ist, dann ist er ein offen schwuler Rabbiner.

Vergangenes Jahr ist Langer für seine Ausbildung nach Berlin gezogen, und natürlich, weil er die Stadt liebe, hebt er hervor. „Vielleicht klingt das komisch, ein schwuler Rabbiner, aber das ist nichts Ungewöhnliches“, behauptet zumindest Langer. Denn es gibt viele jüdische Gemeinden, auch in Berlin, die einen schwulen Rabbiner ablehnen würden. Dass die Homosexualität jedoch bei seiner Ausbildung grundsätzlich kein Problem sein muss, dass Langer offen schwul ist, zeigt ein Blick auf seine Ausbildungsstätte: Das Abraham Geiger Kolleg gilt als progressiv und egalitär ausgerichtet. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass Männer und Frauen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung zu Rabbinern ausgebildet werden können. Neben dem Rabbinerseminar in Budapest ist das Abraham Geiger Kolleg eine von zwei Ausbildungsstätten für Rabbiner in Mitteleuropa. Das Kolleg ist eine Antwort auf die Bedürfnisse der wachsenden jüdischen Gemeinden in Deutschland. Bis zur ersten Rabbinerordination in Deutschland in Dresden 2006 waren es vor allem Rabbiner, die im Ausland ausgebildet wurden, die sich um die Gemeinden in Deutschland kümmerten. Heute sind deutsche Rabbiner keine Ausnahme mehr. Das Abraham Geiger Kolleg genießt einen guten Ruf. Rabbiner aus Berlin betreuen mittlerweile sogar Gemeinden im Ausland.

Angehende Rabbiner aus aller Welt

Armin Langer stammt aus Ungarn. Dort ist er zur Schule gegangen und hat, bevor er nach Berlin kam, an der Universität Budapest 2013 seinen ersten Studienabschluss in Philosophie gemacht. In Ungarn sind schwule Rabbiner meist nicht gleichberechtigt. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinden zählt zur Neologie, einer konservativen Form des Judentums, die nur im ungarischen Sprachraum existiert. Frauen und Homosexuelle sind nicht für das Amt des Rabbiners zugelassen. In der Hauptstadt Budapest gibt es jedoch auch vier progressive Gemeinden, in denen Homosexuelle gleichberechtigt sind. In einer dieser Gemeinden, Sim Schalom, sitzt Armin Langer im Vorstand. „Obwohl schwule Rabbiner in Ungarn meist abgelehnt werden, habe ich in Budapest schon sogenannte schwulenfreundliche Gottesdienste geleitet“, sagt er. Auch in Berlin respektive in Potsdam möchte Langer nicht verbergen, dass er schwul ist. Vor Ablehnung oder möglichen Anfeindungen hat er keine Angst, sagt er.

Dreimal pro Woche fährt Langer nun nach Potsdam und drückt dort mit anderen angehenden Rabbinern aus aller Welt die Bank am Institut für Jüdische Theologie. Die Einbettung in ein akademisches Umfeld an der Universität Potsdam ist ein Muss. Vor der Ordination zum Rabbiner, also der Berufung ins Amt, müssen die Studierenden einen Magister in Jüdischer Theologie erwerben. Donnerstags und freitags steht die praktische Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg in Berlin auf dem Plan. Hier werden die Studierenden auf ihre Aufgaben in den Gemeinden vorbereitet, in denen sie später einmal arbeiten werden. Sie lernen wie man Gottesdienste leitet oder auch wie man Menschen religiös und psychologisch richtig betreut. Wenn ein Gemeindemitglied den Tod eines Angehörigen zu beklagen hat oder mit Eheproblemen kämpft, kann es sich an den Rabbiner wenden.

Auf Facebook wettert der Imam

„Wohin ich nach meiner Rabbinerordination gehe“, sagt Langer, „weiß ich noch nicht. Aber das Umfeld muss schon LGBTQ-freundlich sein.“ LGBTQ steht für lesbisch, schwul, bi- und transsexuell und queer und meint alle Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen. Langer muss an einen Aufenthalt in Israel 2013 denken. Obwohl beispielsweise Tel Aviv als tolerante und weltoffene Stadt gilt, in der unterschiedliche Lebensentwürfe und sexuelle Orientierungen gelebt werden können, gibt es hingegen in Jerusalem immer wieder Übergriffe auf Homosexuelle. „Als wir an einer Pride Parade teilnahmen, wurden wir von orthodoxen Juden mit Unrat beworfen“, erzählt Langer. „Das war keine Ausnahme. Orthodoxe Juden beschimpfen häufig die Teilnehmer der Parade oder werfen sogar Steine.“

Im progressiven und im konservativen Judentum, den beiden Hauptströmungen der Religion, sind schwule Rabbiner keine Seltenheit und schwule Gemeindemitglieder gleichberechtigt. Der erste offen schwule britische Rabbiner, Lionel Blue, betreute in London bereits 1960 eine Gemeinde. In orthodoxen Gemeinden sind schwule Rabbiner hingegen eine sehr seltene Ausnahme, auch die Homo-Ehe. Viele orthodoxe Juden lehnen Homosexualität radikal ab.

In Budapest hat Langer sich für den jüdisch-muslimischen Dialog engagiert. Er hatte Kontakte zu islamischen Gemeinden. Als er einmal sah, wie ein Imam, den er gut kannte, auf Facebook gegen Homosexuelle wetterte, war Langer schockiert „Privat sind wir gut miteinander ausgekommen, er wusste, dass ich schwul bin“, sagt Langer. „So ist es oft, Vorurteile gibt es, aber die lassen sich aus dem Weg räumen, wir müssen alle einfach aufeinander zugehen“, betont Langer.

Armin Langer kann sich vorstellen, nach seiner Rabbinerordination in Berlin zu bleiben. „Die Stadt ist offen und bunt, das mag ich“, sagt er. „Als offen schwuler Mann fühle ich mich hier wohl. Ich denke, es ist nichts Besonderes, offen schwul zu sein und sich zeitgleich zum Rabbiner ausbilden zu lassen, aber man muss mit den Menschen auch darüber reden, ihnen manchmal ein bisschen Zeit geben. Über schwule Männer, die Fußball spielen, wundern sich schließlich auch viele Menschen.“