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Jüdische Gemeinde zu Berlin: Volksbegehren gegen Gideon Joffe

Die Krawatte hat er sich schnell noch umgebunden. Gideon Joffe, 40, Betriebswirt, in seinem Büro in der Oranienburger Straße

Die Krawatte hat er sich schnell noch umgebunden. Gideon Joffe, 40, Betriebswirt, in seinem Büro in der Oranienburger Straße

Foto:

BLZ/Paulus Ponizak

Grausam wird er genannt. Ein Lügner sei er, mobbe die eigenen Mitarbeiter, regiere selbstherrlich und mit Willkür. Vor einem Jahr wurde Gideon Joffe zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt – mit Zweidrittelmehrheit. Die Frage ist, wie lange er das noch bleibt.

Im Internet jedenfalls schärfen seine Gegner ihre Messer. „Gemeindewatch“ nennen sie den Blog, aus dem die Vorwürfe stammen, aber er könnte auch Joffewatch heißen. Drei Repräsentanten aus dem Gemeindeparlament machen dort öffentlich, was aus ihrer Sicht in der Gemeinde seit einem Jahr falsch läuft. Und das hat immer mit Gideon Joffe zu tun. Gerade haben sie eine Art Volksbegehren gegen ihn gestartet. Sie wollen Neuwahlen erzwingen und sammeln dafür Unterschriften.

Was ist nur los in der mit 10.000 Mitgliedern größten jüdischen Gemeinde Deutschlands? Sie kommt nicht zur Ruhe. Und das führt sie möglicherweise in den Zerfall. Julius Schoeps, der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam und ehemaliges Mitglied, sagt: „Es geht dem Ende entgegen.“ Konflikte zwischen den Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und Alteingesessenen nähmen zu.

Der Berliner Senat pumpe viel zu viel Geld in eine verkorkste Struktur, ohne die Verwendung des Geldes zu kontrollieren. Die Gemeinde, sagt Schoeps, sei doch nur noch ein reines Versorgungsunternehmen. Die Rolle des Bösewichts hat Gideon Joffe. Manche in der Gemeinde hassen ihn regelrecht. Sie schimpfen ihn einen Autokraten und Diktator, nennen ihn Putin. Andere sagen, er sei noch schlimmer – so wie Stalin, mindestens.

Besucht man ihn in seinem Büro in der Oranienburger Straße in Mitte, wirkt er ganz anders: freundlich, jungenhaft, hemdsärmlig. Im Vorraum zu seinem Vorstandsbüro steht Gideon Joffe vor einem Spiegel und versucht, sich einen Schlips zu binden. Die Krawatte hat er sich von einem seiner Mitarbeiter geborgt. Er hat keine eigene dabei, denn er wollte sich eigentlich gar nicht fotografieren lassen und auch zum Interview war er lange nicht bereit. Ein Jahr hat es gedauert, einen Termin bei ihm zu bekommen.

Aber jetzt posiert er doch fürs Foto, mit Krawatte, weil er dann seriöser wirkt, und nimmt sich gleich drei Stunden Zeit, sitzt an einem langen Tisch an seinem Büro und sagt, er wolle nicht mit Dreck schmeißen, wie die anderen, seine Widersacher in der Gemeinde. Aber dann kann er es doch nicht lassen und stichelt, dass seine Vorgängerin Lala Süsskind an diesem Tisch früher jeden Mittag mit ausgewählten Mitarbeitern getafelt habe. Während der Arbeitszeit! Diese Zeit, sagt er, habe er nicht.

Beobachter vor dem Haus

Gideon Joffe macht viele Dinge anders als Lala Süsskind. Manches davon erklärt sich vielleicht dadurch, dass er einer anderen Generation angehört. Er ist vierzig Jahre alt, Süsskind sechsundsechzig. Sein Büro ist karg: ein Tisch mit Stühlen, ein Schreibtisch, ein Schrank, nebenan ein weiterer Schreibtisch und Regale, vollgestopft mit Büchern, keine Familienfotos. Persönliche Dinge fehlen überhaupt. Die Sofas und die Kunst sind mit Lala Süsskind vor einem Jahr ausgezogen. „Ich trenne Privates und Berufliches“, sagt Joffe. Es geht auch darum, seinen Widersachern nichts in die Hände zu spielen, was sie gegen ihn verwenden können.

Kürzlich ist er umgezogen innerhalb von Wilmersdorf. Wo in diesem Viertel er nun genau lebt, ob er Kinder hat und eine Frau, möchte er nicht verraten – aus Sicherheitsgründen, sagt er. Und fügt hinzu, dass er schon Gemeindemitglieder vor seinem Haus gesehen habe, obwohl er auch denen nicht verraten würde, wo er wohnt. Sie hätten einfach dort gestanden und geguckt, ein Mann sei im Schritttempo vorbei gefahren. Es habe fast ein wenig bedrohlich gewirkt.

Es sind auch diese kleinen Geschichten, die viel über den Zustand dieser Jüdischen Gemeinde erzählen. Ihr Ruf ist verheerend. Joffe war schon einmal vier Jahre lang ihr Gemeindevorsitzender, bis 2008 Lala Süsskind übernahm. Nun ist wieder Joffe dran. Lala Süsskind ist vor einem Jahr nicht wieder angetreten. Wahlkampf hat sie trotzdem gemacht – gegen Joffe. Alles werde furchtbar werden, wenn er gewählt würde, verkündete sie.

Die Gemeinde schien nur noch aus zwei Lagern zu bestehen: Das Süsskind-Lager, das die etablierten jüdischen Familien in Berlin repräsentiert und Joffes Lager, das von der russischstämmigen Mehrheit der Gemeindemitglieder getragen wird. Jetzt, ein Jahr später, ist offenbar eingetreten, was Joffes Gegner befürchtet haben. Überall wird über den neuen Chef gejammert und geklagt – in den Synagogen, im Seniorenheim, bei Mitarbeitern.

So soll er die Leiterin des Seniorenheims ohne Grund beurlaubt haben. Der Rabbiner der Synagoge an der Pestalozzistraße, Ben Chorin, musste um eine Vertragsverlängerung bangen. Nun darf er zwar ein weiteres Jahr bleiben, aber nur, weil die Beter protestierten. In der Verwaltung, heißt es, würden neue Mitarbeiter ohne Ausschreibung eingestellt und andere abserviert.

Gideon Joffe ist in Tel Aviv geboren und als Kind lettischer Eltern bereits mit vier Jahren nach Berlin gekommen und seitdem „Kind dieser Gemeinde“, wie er sagt. Damals habe es zwar noch keinen jüdischen Kindergarten und keine Grundschule gegeben, aber ab der Bar Mitzwa besuchte er Jugendgruppen, Synagogen, Kulturveranstaltungen. Er kennt viele Mitglieder seit langem und sagt, er fühle sich durch und durch als Berliner.

Repräsentant der russischen Mehrheit

Trotzdem gilt Joffe als Repräsentant der russischen Mehrheit, vielleicht, weil er im Gegensatz zu seiner Vorgängerin selbst russisch spricht und einen direkten Draht zu den Mitgliedern hat. Joffe glaubt, dass diejenigen, die immer auf den Russen rumhacken und über „echtes und falsches Judentum“ urteilen, in Wirklichkeit nur nicht wahrhaben wollten, dass dies nicht mehr die Gemeinde der Nachkriegszeit sei.

Auf jener Versammlung vor einem Jahr, bei der die gewählten Repräsentanten der Gemeinde Joffe zum Vorstand kürten, ging es zu wie auf einer Familienfeier, bei der keiner dem anderen grün ist. Ältere Damen in dezenter Kleidung kommentierten halblaut die Aufmachung stark geschminkter Frauen im kurzen Kleid. Russischer Schick. Männer palaverten auf Russisch, nur ab und zu fielen sie ins Deutsche, offenbar um Wirkung auf der Gegenseite und bei der Presse zu erzielen.

Eine Farce sei dieses pseudo-demokratische Wahlverfahren, so der Tenor, es sei doch ohnehin klar, wer gewählt würde, Joffe natürlich. Zwei Frauen von der Gegenseite hielten ein Plakat in die Kameras. „Austritt statt Koach“, war darauf zu lesen. Koach war Joffes Wahlbündnis. Lala Süsskind buhte, bis sie heiser war.

Es ist erstaunlich, mit welcher Vehemenz und Emotionalität Konflikte hier ausgetragen werden. Persönlich vernichtend muss es sein und weh tun soll es. Das ist nicht neu, und es geht dabei nicht immer nur um das Russenthema. Auch die Vorgänger von Lala Süsskind und Gideon Joffe verklagten sich gegenseitig. Gemeindevorstände trafen sich vorzugsweise vor Gericht.
Jetzt ist Joffe dran.

Die einzigen drei Oppositionsmitglieder, die es ins Gemeindeparlament geschafft haben, organisieren den Widerstand gegen ihn. Einer von ihnen ist Micha Guttmann. „Missmanagement, undurchsichtige Entscheidungen und Konzeptionslosigkeit des Vorstands bringen die Gemeinde in immer stärkere existenzielle Bedrängnis“, sagt er. Eine Vielzahl von Gemeindemitgliedern erwäge den Austritt. Das könne nur noch mit Neuwahlen verhindert werden. Bis Ende März sammeln sie Unterschriften. Etliche hundert seien bereits zusammengekommen, sagt Guttmann.

Neuwahlen im Herbst gefordert

Im Herbst solle neu gewählt werden. Sonst drohe die Spaltung, sagen Joffes Widersacher. Das sagen sie nicht zum ersten Mal. In regelmäßigen Abständen haben sie im Verlauf des Jahres zu Pressekonferenzen eingeladen. Immer wieder ging es um Gideon Joffe. Als er Mitarbeiter entließ, darunter den ehrenamtlichen Antisemitismusbeauftragten, protestierten sie. Auch über Joffes Gehalt von 125.000 Euro im Jahr mokieren sie sich und erinnern daran, dass Lala Süsskind ehrenamtlich für die Gemeinde arbeitete. Süsskinds Familie sei ja auch reich, kontert Joffe.

Er hält sich selbst nicht für undemokratisch und konzeptionslos. Er hat eine einfache Erklärung für die große Emotionalität, mit der Konflikte ausgetragen werden – und eine etwas kompliziertere. Die einfache Variante lautet: „Wir sind wie eine große Familie. Die zwischenmenschlichen Verhältnisse sind dermaßen eng, dass man so gut wie alle Sünden der anderen automatisch kennenlernt. Man trifft sich immer wieder in den Synagogen, in den Schulen, überall. Es gibt so gut wie keine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Wenn man Konflikte hat, wird man immer wieder daran erinnert.“

Gideon Joffe ist ein unruhiger Mensch. Er tritt von einem Fuß auf den anderen. An diesem Punkt des Gesprächs an seinem großen Tisch wird er noch unruhiger, öffnet und schließt die Hände, schlägt auf den Tisch, denn jetzt kommt die komplizierte Variante. Dass sich einige Gemeindemitglieder so vehement gegen ihn stellen, habe vor allem mit ihnen selbst zu tun, sagt er. „Es sind die, die am meisten verloren haben durch die Wahl meiner Person.“

Es sei eine Schlacht um Erbhöfe, sagt er und berichtet von Wohnungen, die der Gemeinde gehören und die in der Vergangenheit zu Spottpreisen an Gemeindemitglieder vermietet worden seien. Er spricht von unsauberen Immobiliendeals, von Dumpingpreisen bei Gewerbemieten in Bestlage. Er habe unterbunden, dass es so weitergeht, sagt Joffe. Dafür werde er gehasst.

Auch Lala Süsskinds Erfolge stellt er infrage. Einsparungen seien in ihrer Amtszeit gar nicht erfolgt, die Personalkosten seien gleich hoch geblieben. Vielleicht ist das alles wahr, aber warum sagt er es erst jetzt? Warum hat er sich ein Jahr lang in Schweigen gehüllt, während seine Gegner ständig auf ihm rumhackten und regelmäßig die Medien informierten? Vielleicht möchte Gideon Joffe nur einfach nicht mehr der böse Joffe sein. „Ich bin bestimmt nicht Everybody’s Darling“, sagt er. „Aber die anderen sind noch schlimmer.“

Man würde gerne wissen, was der Berliner Senat zum Führungschaos sagt, und auch zur finanziellen Situation. Immerhin wird der knapp 30 Millionen Euro umfassende Haushalt in erheblichem Maß durch Steuergelder finanziert. Die Grundlage ist ein Staatsvertrag, der sich zu der deutschen Verantwortung bekennt, Juden verfolgt und vernichtet zu haben. Er soll die Ausübung jüdischen Glaubens in dieser Stadt überhaupt möglich machen. Die über 300 Mitarbeiter der Gemeinde – in den Schulen, Kindergärten, Seniorenheimen – werden bezuschusst, jüdische Kunst- und Kulturveranstaltungen, die Neue Synagoge mit dem Centrum Judaicum.

Die Verwendung der Zuschüsse muss jährlich von einem vereidigten Wirtschaftsprüfer nachgewiesen werden. Trotzdem balanciert die Gemeinde seit Jahren am Abgrund des Bankrotts. Und trotzdem ist im Senat bis 2004 niemandem aufgefallen, dass die Gemeinde sich mit überhöhten Betriebsrenten für ihre Mitarbeiter konsequent in die Pleite wirtschaftet. An der Versorgungsstruktur hat sich seitdem trotzdem nichts geändert. Im Senat will die Vorgänge niemand kommentieren. Eine Einmischung ist nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Und Zwangsmaßnahmen traut man sich nicht. Es geht um Juden, ein heikles Thema, noch immer.

Stephan Kramer ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden, aber äußern will er sich nur als als Mitglied „dieser Gemeinde“, wie er sagt. Er fühle Wut und Scham, wenn er den Kampf betrachte, der zwischen den Gruppierungen entbrannt sei. „Wir sind in einer Krise, es gibt keine kreative Atmosphäre, um die Probleme zu lösen“, sagt er. Es sei ein offener religiöser Konflikt zwischen liberalen und orthodoxen Strömungen ausgebrochen, eine destruktive Konkurrenz, ein regelrechter Religionskrieg Eine Einheitsgemeinde gebe es schon lange nicht mehr. Kramer ärgert sich auch über Joffe, aber konkret will er nichts sagen, nur dass der Vorstand vor einer schwierigen Herausforderung stehe.

Stark am Sparen

Gideon Joffe hat jetzt genau ein Jahr im Amt hinter sich. Natürlich war er auf den üblichen Veranstaltungen. Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Heinz-Galinski-Preis verliehen, Integrationsleistungen von Vereinen und Einzelpersonen gewürdigt, mit Rabbiner Daniel Alter einen neuen Antisemitismusbeauftragten gefunden, er hat öffentlich um den verstorbenen ehemaligen Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz getrauert, er hat zu Holocaustüberlebenden gesprochen, Kulturveranstaltungen moderiert. Er hat aber auch viel am Schreibtisch gesessen.

Jede Rechnung prüft und unterschreibt er selbst, denn er ist auch sein eigener Geschäftsführer. „Wir sind wirklich stark am Sparen“, sagt er. Anbieter seien gewechselt und Leistungen neu ausgeschrieben worden. Durch einfache betriebswirtschaftliche Maßnahmen sei das jährliche Haushaltsdefizit um 85 Prozent abgebaut worden, ohne Vermögen zu verkaufen.

„Ich will nicht beim Senat betteln müssen“, sagt Joffe. Er wirkt jetzt nachdenklich. Aber dann springt er plötzlich auf im Gespräch, rennt über den Gang und klopft an eine Bürotür. „Sag mal, wie viel ich arbeite“, fordert er den verdutzten Sicherheitsmann auf, der ihn immer begleitet. Achtzig bis hundert Stunden pro Woche antwortet der. Gideon Joffe lacht stolz. Wenigstens einer, der seine Leistung anerkennt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes stand fälschlicherweise, Joffe verdiene 125.000 Euro im Monat. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.