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Jugendkriminalität in Berlin : Wie ein 16-Jähriger Intensivtäter ganz neu beginnt

Früher war Carlos schmächtig. Im Gefängnis hat er sich dicke Muskeln antrainiert. Sonst hatte sich wenig geändert.

Früher war Carlos schmächtig. Im Gefängnis hat er sich dicke Muskeln antrainiert. Sonst hatte sich wenig geändert.

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Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Die letzten zwei Wochen im Knast waren die schlimmsten. „Die Tage vergehen einfach nicht, nachts kannst du vor Aufregung nicht schlafen“, sagt Carlos*. Bis früh morgens sei er in seiner kleinen Zelle auf und ab gelaufen und habe Kraftübungen gemacht. Kurz vor Weihnachten 2011 verließ der damals 16-Jährige das Gefängnis Plötzensee dann wieder über denselben grauen Gang, auf dem er ein Jahr zuvor gekommen war.

Er setzte sich wieder auf die mit dem Boden verschraubten Stühle und wartete, bis die schweren Türen sich automatisch öffneten. „Nur in die andere Richtung, das hat mich gefreakt“, sagt Carlos. Er streicht sich durch das krause schwarze Haar und atmet tief aus. Frei!, habe er damals gerufen. Er durfte die blaue Anstaltskleidung ablegen und seine Sachen packen, die er bei Haftantritt hatte abgeben müssen. Eine Sporttasche sei das gewesen.

Carlos kräftige Arme sind über und über tätowiert, mit einem Fisch, einer Rose, mit Schriftzügen. Im Gefängnis hat er sich dicke Muskeln antrainiert. Zu Haftbeginn sei er eher drahtig gewesen, sagt er. Das Gefängnis habe ihn verändert.

Carlos war zu einem Jahr Haft in der Jugendstrafanstalt in Plötzensee verurteilt worden. Er galt als Intensivtäter und wurde in einer Sammelklage wegen mehrerer Vergehen gleichzeitig verurteilt. Viele davon hatte er begangen, bevor er strafmündig war. „Eine ganze Reihe davon war sowieso schon verjährt, als sie mich drankriegten“, sagt er. Er hatte Graffiti gesprayt, „Schüler abgezogen“, Marihuana geraucht. Er prügelte sich, stahl, raubte. lm Gerichtsverfahren lernte er, was „räuberische Erpressung“ und „Betäubungsmittelgesetz“ bedeuten.

Ausgezogen mit sieben

Davor hat er nie viel gelernt. Als Carlos noch ein Kleinkind war, trennten sich die Eltern, er kam mit dem Vater aus Finsterwalde nach Berlin. Doch der war mit ihm überfordert. Die Schule besuchte Carlos selten, dafür eine ganze Menge anderer Einrichtungen: geschlossene Psychiatrie, Heime, Bootcamps. Marzahn, Prenzlauer Berg, Spandau, Reinickendorf. Er kann sich gar nicht mehr an alle Stadtteile erinnern, in denen er untergebracht war oder gewohnt hat. Im Alter von sieben Jahren ist er zu Hause ausgezogen, sein Vater hatte eigene Probleme. Sozialstunden ignorierte Carlos, Richter verhöhnte er. „Ich dachte, mir kann keiner was, mich kriegen die nicht dran.“

Geld hatte er nie. Er konnte sich nicht kaufen, was ihm gefiel, geschenkt bekam er auch nie etwas. „Wenn ich etwas wollte, musste ich selbst zusehen, wie ich es bekam.“ Selten wählte er dafür einen legalen Weg. Das System kannte für Carlos am Ende nur noch eine Lösung: Jugendknast.

Immer wieder wird darüber diskutiert, dass die Jugendkriminalität zunehme und viele der Intensivtäter immer wieder rückfällig würden. Wie viele Ex-Häftlinge wieder zurück müssen, weiß niemand, genaue Zahlen gibt es nicht. Allerdings: So wenige Jugendstraftäter wie zur Zeit saßen in Berlin noch nie im Gefängnis. Nicht einmal 300 sind es, vor fünf Jahren waren es mehr als doppelt so viele.

Ein Gebäude des Jugendgefängnisses ist wegen Bauarbeiten derzeit komplett geschlossen, auch mehrere Stationen, sagt Silke Postler, die Leiterin des Übergangsmanagements der Jugendstrafanstalt Berlin. Früher wäre das ein Problem gewesen. Wegen der Unterbelegung sei derzeit aber nicht einmal klar, ob der geschlossene Trakt je wieder eröffnet wird.

Die wenigen Jugendstrafgefangenen ließen sich nicht allein mit dem demografischen Wandel erklären, sagt Postler. Die Kriminalität geht laut Statistik zurück. Einrichtungen wie zum Beispiel das „Team Startpunkt“ sorgten dafür, dass weniger Jugendliche rückfällig werden. Das ist ein Beratungsangebot für inhaftierte Jugendliche und Heranwachsende, die sogenannte „Endstrafer“ sind. Das heißt, dass diese Jugendlichen ihre Strafe bis zum letzten Tag verbüßen und dann in die Freiheit entlassen werden. Meistens völlig unvorbereitet.

Pilotprojekt hilft Jugendlichen wie Carlos

Im Amtsdeutsch nennt es sich Übergangshilfe, was Matthias Gutjahr zusammen mit seiner Kollegin Anne Killmann vor zwei Jahren zum Laufen brachte. Bevor dieses Pilotprojekt startete, kümmerte sich niemand recht darum, wie Straftäter wie Carlos nach dem Knast zurück ins Leben finden. Hilfe danach war nur für die harten Jungs vorgesehen, die mindestens zwei Jahre saßen. Viele waren schnell wieder hinter Gittern. Der Rekordhalter war 30 Minuten draußen, dann prügelte er sich und musste zurück, erzählt man sich in Plötzensee. Andere kamen im Sommer rein und standen im Winter, wenn sie wieder rauskamen, im T-Shirt da.

Killmann und Gutjahr werden inzwischen von Häftling zu Häftling oder von Sozialarbeitern empfohlen und sprechen die Jugendlichen direkt an. Dann vereinbaren sie Treffen und entwickeln gemeinsam einen Plan für die Zeit nach der Haftstrafe.

Als sich für Carlos nach einem Jahr die Tür in die Freiheit öffnete, stand da Matze, wie er Matthias Gutjahr nennt. Carlos stieg zu ihm ins Auto, einen uralten Volvo Amazon. Ihm wurde beim Fahren fast schlecht, erinnert er sich. „Ich habe ein Jahr nicht einmal ein Auto gesehen“, da habe er sich erst einmal wieder an die Geschwindigkeit gewöhnen müssen. Auch eine Unterhaltung fiel ihm schwer, „so etwas machst du im Knast nicht“. Verwandte oder Freunde waren nicht da, als er rauskam. Seine Mutter hatte ihn einmal im Gefängnis besucht. Er habe ihr einen Brief geschrieben, den ersten in seinem Leben. Sie habe ihm geantwortet. Mehr sagt er dazu nicht. Freunde sahen immer mal wieder vorbei, alle zwei Wochen zur Besuchszeit. Carlos Freundin kam nie, sie trennte sich von ihm, als er ins Gefängnis musste.

Man müsse im Bau schnell Freunde finden und sollte sich nicht einmischen, „und unbedingt lernen, auch mal die Klappe zu halten“. Diese Erfahrung will er mitnehmen in sein neues Leben.

Der Schlachtplan, wie Carlos ihn nennt und den er mit Matze ausgearbeitet hatte, klang simpel: Erst Geld machen, dann eine Wohnung suchen, dann eine Zukunft mit einer Ausbildung aufbauen. Die Durchführung war komplizierter. Carlos musste erst einmal einen Ausweis beantragen. Den alten hatte er verloren. Er hatte ihn ja ein Jahr lang nicht gebraucht, versucht er das zu erklären. Auch ist es keine leichte Sache, eine Wohnung zu finden, wenn man keinen Ausgang hat. Carlos kam zunächst bei einem Freund unter, dann besorgte Matze eine Bleibe.

„Dann verwandelt sich Euphorie in Frust"

Carlos war voller Pläne, als er raus kam, alles sollte sofort besser werden. „Zu euphorisch“, sagt er im Rückblick. Alles geht viel langsamer als gedacht, immer neue Hürden tun sich auf. „Dann verwandelt sich Euphorie in Frust, dann geben viele auf und müssen irgendwann zurück ins Gefängnis“, sagt Carlos. „Ich hatte mich zum Beispiel gleich bei fünf Schulen beworben. Alle lehnten mich ab. Ich wusste nicht weiter.“ Matze erklärte ihm dann, dass er auf eine spezielle Schule muss, weil er kaum Zeugnisse besitzt, weil er nicht mehr ins System passt.

Schon im Gefängnis war der Schulbesuch schwierig gewesen. Carlos kam mitten im Jahr und ging, bevor es zu Ende war. Dann musste er auch in Freiheit den Unterricht aussetzen. Weil die Schulden ihn erdrückten, ging er erst einmal arbeiten. „Ich hatte während der Knastzeit vergessen, mein Handy abzumelden, allein die Mahngebühren waren eine richtige Stange Geld.“ Dazu kamen noch Kosten für frühere Vergehen.

Carlos glaubt, dass er das ohne Matze nicht durchgestanden hätte. Womöglich hätte er sich wieder eine „Abkürzung“ gesucht, um seine Ziele zu erreichen, sagt er.

Auch Monate nach der Entlassung sucht Carlos noch Rat bei Matze. Vor kurzem drohte der Vermieter, die Wohnung zu kündigen. Er ließ sich von Carlos nicht erweichen, „dann hat Matze ihm einen Brief geschrieben, und Bingo“. Die beiden sind über Facebook in Kontakt, zu einem Handy reicht es gerade nicht bei dem inzwischen 19-Jährigen. Matze weiß, dass er jedem Entlassenen eigentlich nur drei Monate helfen darf, so ist es im System vorgesehen. Aber viele ehemalige Häftlinge scheitern auch später an einem Antrag, einem Behördengang oder dem ungeregelten Tagesablauf – und werden rückfällig. Die Zahlen sind aber oft trügerisch, denn wann gilt ein Straftäter als rückfällig?

Auch Carlos musste nach seiner Entlassung noch einmal den grauen Gang zurück in die Jugendstrafanstalt nehmen. Zwei Monate musste er absitzen, weil er während der ersten Haftzeit eine Gefängnisangestellte beschimpft hatte.

Carlos hat seine Lektion gelernt, obwohl er nicht ausschließen könne, dass er niemals wieder etwas Illegales tut. Der Hass tief in ihm drin sei verflogen, sagt er, ebenso die Lust auf den Kick, etwas Verbotenes zu tun. „Wenn du einmal drin warst, dann musst du wegen jeder Kleinigkeit wieder zurück.“ Diesen Kreislauf gelte es zu durchbrechen. Dafür braucht man ein Ziel, sagt er.

Er will jetzt das Abitur machen, wie seine Freunde. „Alle haben es geschafft“. Er wolle nie wieder jemanden etwas antun. Und auf keinen Fall noch einmal den Gang in Plötzensee entlang gehen.

* Name von der Redaktion geändert.