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Kabarettist Werner Finck: Der Schelm aus der Katakombe

Humor kurz vor der schwärzesten Zeit: Die Katakombe verbindet Tanz, Chanson und Sketche, wie in „Schrecken der Produktion“ mit Theo Lingen (r.) 1931.

Humor kurz vor der schwärzesten Zeit: Die Katakombe verbindet Tanz, Chanson und Sketche, wie in „Schrecken der Produktion“ mit Theo Lingen (r.) 1931.

Foto:

Ullstein

Berlin, 1935. Ein verrauchter, kleiner Saal, an kleinen Tischen sitzt das Publikum, unter ihnen Polizei der Gestapo, die auf nazikritische Pointen der Show lauert. Neben der Holzbühne ist die Band platziert, auf der Bühne führt der Conférencier durch das Programm. Unvermittelt wendet er sich an die fleißig mitschreibende Gestapo: „Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?“, spottet er.

Der Conférencier heißt Werner Finck, und an diesem 10. Mai 1935, vor 80 Jahren, muss er dann wirklich mitkommen. Finck und fünf weitere Künstler werden auf Befehl von Joseph Goebbels in das Konzentrationslager Esterwege bei Papenburg gebracht, die Kabaretts Die Katakombe in der Martin-Luther-Straße und das Tingel-Tangel-Theater im Keller des Theater des Westens in der Kantstraße werden geschlossen.

Zwei Jahre lang konnten sich die Theater nach der Machtergreifung noch halten. In der Katakombe verbindet damals Werner Finck als Conférencier Tanznummern, Sketche und Chansons. Doch mit seinen spöttischen Einwürfen eckt er bei den Nazis an. Dabei sei Finck eigentlich gar kein politischer Kabarettist gewesen, sagt Matthias Thiele, Archivar im Kabarettarchiv in Mainz. Erst die Umstände hätten ihn dazu gemacht. „Finck war ein Eulenspiegel, ein Schelm, der keine Pointe auslassen konnte. Dabei guckte er ganz harmlos.“ Finck sei bekannt gewesen für seine abgebrochenen Sätze und doppelsinnigen Wortspiele, die mehr andeuteten als aussprachen. Er beschrieb eher allgemeine Stimmungen.

Schon 1933 wird das Theater von den Nazis argwöhnisch beobachtet. Doch statt sich einschüchtern zu lassen, spricht Finck die Spitzel im Publikum direkt an: „Na, so geheim scheinen Sie ja nun och nich' zu sein von der Staatspolizei. Also, ich sehe ziemlich deutlich, was sie da machen.“ Die Gefahr ist ihm bewusst. Nach einem spielfreien Tag sagt er auf der Bühne: „Gestern waren wir zu. Heute sind wir offen. Wenn wir aber heute zu offen sind, dann sind wir morgen wieder zu.“ 1935 reicht es dem Reichspropagandaleiter Goebbels. Als Anlass zur Festnahme dient ihm der Sketch „Fragment vom Schneider“. In dem Gespräch zwischen einem Schneider und seinem Kunden kritisiert Finck den Militarismus und spricht sogar die KZs an. Schneider: „Ich habe neuerdings eine ganze Menge (Anzüge) auf Lager.“ Kunde: „Aufs Lager wird ja alles hinauslaufen.“

Dorthin kommen Finck und seine Kollegen. Doch Hermann Göring setzt sich für ihre Freilassung ein, beeinflusst von seiner Frau, der Schauspielerin Emmy Göring. Der anschließende Prozess gegen Finck und seine Kollegen ist eine Farce. Die Richter lassen die Witze im Gerichtssaal vorlesen, das Publikum lacht. Die Richter sprechen die Angeklagten frei, diese werden von Goebbels in die Provinz strafversetzt. Doch die Verhaftung zeigt Wirkung. „Die Schließung der beiden Theater war das eindeutige Zeichen: Jetzt ist es vorbei“ sagt Thiele. Die Gestapo muss keine weiteren Theater schließen, nur einzelne Programme werden verboten. Auch Werner Finck ist vorsichtiger geworden – kann aber Witze nicht sein lassen. Als er auf der Bühne durch einen niedrigen Rahmen tritt sagt er: „Da wäre ich fast schon wieder oben angestoßen.“

Kurz vor dem Krieg wird der Druck größer. Aus Angst vor einer erneuten Verhaftung meldet sich Werner Finck freiwillig zum Kriegsdienst. Er überlebt den Krieg im Front-Kabarett und arbeitet danach wieder als Kabarettist. 1947 erlebt Bertolt Brecht Finck in der Schweiz und huldigt ihm danach in seinem Gedicht „Eulenspiegel überlebt den Krieg“: „Und als der große/ gütevolle, würdenlose/ Späßevogel diese knappe/ Zeit beschrieb, da war's, als klappe/geisterhaft ihm manche tote/ Hand noch Beifall.“