blz_logo12,9

Kältebus: Schlafsäcke wie Stein

Notdürftiges Lager im Schnee.

Notdürftiges Lager im Schnee.

Foto:

Paulus Ponizak

Berlin -

Dieter und Sabine leben auf einer Bank in der Turmstraße in Moabit, immer. Jetzt gerade liegt Sabine ausgestreckt in einem Schlafsack, Dieter sitzt in drei Pullovern und drei Jacken daneben, vor ihnen stehen vier Plastiktüten mit Essensresten. Die Leute seien nett, sagt Dieter, sie bringen Essen, auch mal ein Kissen oder warme Schuhe, „aber so kalt ist mir gar nicht“. „Mir schon“, sagt Sabine. „Ich war mal eine Nacht bei minus 24 Grad im Schillerpark, da war mir kalt“, sagt Dieter. Für diese Samstagnacht sind immerhin minus 14 Grad vorhergesagt, wollen sie da wirklich draußen übernachten? „Ich schon“, sagt Sabine. „Ich nicht“, sagt Dieter, „aber ich kann Sabine nicht alleine lassen“.

Artur Darga, der Fahrer vom Kältebus der Berliner Stadtmission, kennt Dieter und Sabine seit vier Jahren. Seit er den Kältebus fährt. Er hatte sie schon mal überzeugt, in ein Wohnheim zu ziehen, aber Sabine überlegte es sich im letzten Moment anders. Sie erträgt es nicht unter vielen Menschen, vor allem nicht unter Männern. „Sie hat als Kind schlechte Erfahrung mit Männern gemacht“, erklärt Dieter. „Wenn jemand Hilfe nicht annehmen will, muss man das akzeptieren, so ist das Gesetz“, sagt Darga. „Solange keine Fremd- oder Selbstgefährdung besteht, kann sich jeder dort aufhalten, wo er will. Meiner Meinung nach ist es allerdings selbstgefährdend, wenn jemand bei minus 13 Grad auf der Straße schläft.“

Eiskalt am Ufer

Es war kalt in den vergangenen Tagen, fast so kalt wie im Winter 1994. Damals erfror ein Obdachloser auf der Straße. Die Mitarbeiter der Stadtmission kamen auf die Idee, Menschen, die es nicht aus eigener Kraft in eine Notunterkunft schaffen, im Winter nachts einzusammeln und in eine Unterkunft zu bringen. Kälte ist lebensgefährlich, und der Pole Artur Darga, ein beleibter Mann mit Zopf, der die Sprache der Straße spricht, wie er es nennt, weiß das. Er hat jahrelang selbst auf der Straße gelebt. Er war Alkoholiker, heroinabhängig, seine Frau hatte ihn mit den Kinder verlassen, zuletzt verlor er seinen Job.

Unvermittelt bremst Darga jetzt und hält an der Uferböschung am Hohenzollernkanal. Es ist dunkel und eiskalt. Darga klettert mit einer Taschenlampe zum Ufer hinunter und hält vor einem selbst gebauten Verschlag. „Hallo, der Kältebus ist da“, ruft er. Keine Antwort. „Hallo, antworten Sie, sonst gehe ich nicht.“ Es bleibt still. „Was mache ich jetzt?“ fragt Darga seine Beifahrerin Katja Klünder, ehrenamtliche Mitarbeiterin und Rechtsanwältin. „Wenn ich reingehe, ist das sowas wie Hausfriedensbruch.“ „Aber was ist, wenn er bewusstlos ist?“, fragt Klünder. Nach kurzer Beratung öffnen die beiden den Verschlag. Er ist leer. Klünder stellt einen Becher heißen Kaffee und Schokolade hinein.

Es geht weiter zum Wannsee am anderen Ende der Stadt. In wärmeren Nächten fährt Darga nicht so weit aus der Innenstadt heraus, doch bei dieser Kälte will er nach Bekannten gucken. Das Handy klingelt, ein Passant meldet eine obdachlose Frau in der Skalitzer Straße. Es sind meistens die Hinweise von Passanten, denen der Kältebus folgt. „Die Dame kennen wir“, sagt Klünder. Sehen Sie bitte nach, ob sie ansprechbar ist, wenn nicht, rufen Sie die Feuerwehr. Die Dame will nicht mit uns mit.“ Am Ende dieser Nacht nahm nur ein Obdachloser Hilfe vom Kältebus an, „doch das ist kein Zeichen von Misserfolg“, sagt Katja Klünder. „Hilfe muss man immer wieder anbieten.“

Helfen für einen Moment

Unter der Wannseebrücke wohnt Jacek aus Polen. Noch zwei weitere Männer leben mit ihm, aber die sind diese Nacht in eine Notunterkunft gefahren. 22.55 Uhr, der vierzehnte Anruf, so oft klingelt das Telefon meistens die ganze Nacht nicht. Der Bus fährt noch bis drei Uhr. Jacek will jetzt aber schlafen.

Unter der Autobahn auf dem Innsbrucker Platz haust in einem Berg aus Gerümpel Viola mit vier Hunden. Sie war schon vor der Wende obdachlos, vergangene Woche ist sie von einer Ratte gebissen worden, das ist gerade aber nicht ihre größte Sorge. „Mir ist kalt“, schimpft sie, „ich brauche einen Schlafsack. Die da“, sie zeigt auf einen Haufen Schlafsäcke, „sind alle tot. Wie Stein. Erfroren.“ Der Schlafsack, den Darga dabei hat, ist schon vergeben, er verspricht Viola einen für die folgende Nacht. Ob sie mit will, fragt er nicht. Viola will mit. „Aber nur mit ihrem ganzen Zeug, sie ist Messie, so nimmt die Notunterkunft sie natürlich nicht auf.“

Darga fährt weiter zu einer Grünanlage in der Großgörschenstraße, zu Schalterräumen in der Gneisenaustraße, Skalitzerstraße, Kottbusser Damm, Schlesisches Tor, überall lagern Obdachlose, meist Männer, manche aus Polen, einige betrunken. „Ich habe schon ein paar zurück nach Polen zur Therapie gebracht“, sagt Artur, „aber nach einem halben Jahr sind die wieder hier.“ Ist das frustrierend? „Nein, es ist traurig. Aber ich bin froh, jedenfalls für einen Moment helfen zu können.“