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Kaffeefahrt ins Umland: Wie Berliner Senioren auf Kaffeefahrten abgezockt werden

Viele Senioren können nicht "Nein" sagen.

Viele Senioren können nicht "Nein" sagen.

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imago stock&people

Der Traum vom großen Gewinn platzt schon am Morgen. 30 Senioren aus Berlin, die meisten sind über 70, sitzen im Landgasthof „Zum alten Krug“ in dem Dorf Marquardt, nicht weit von Potsdam entfernt. Soeben hat ein junger Mann, er nennt sich Andreas, den betagten Leuten an den zwei langen Tischen ganz nett und freundlich erklärt, dass sie nichts gewonnen haben. Jedenfalls nicht jene 2000 Euro in bar und auch nicht den Hauptgewinn, ein Elektrofahrrad im Wert von 1000 Euro. Beides hat ihnen die Firma Preisrätsel aus Bremen versprochen. „Sie haben tatsächlich gewonnen“, stand in dem Brief, den die alten Leute vor einigen Wochen bekamen. Sie hatten bei einem Preisrätsel mitgemacht, das richtige Lösungswort erraten und in die Antwortkarte auch ihr Alter eingetragen, so wie es gefordert war. Die Übergabe der Gewinne finde im Rahmen einer „extra organisierten Ausflugsfahrt“ statt.

Die meisten Männer und Frauen, die am Montagmorgen vor einer Woche in den Reisebus steigen, haben schon mehrmals an solchen Fahrten teilgenommen, aus Neugier, aus Langeweile oder weil sie jemanden kennenlernen wollten. „Natürlich weiß man, dass solche Gewinnspiele nichts bringen“, sagt ein 75-Jähriger. Aber ein bisschen Hoffnung habe er trotzdem. „Und wenn ich nichts gewinne, habe ich wenigstens einen schönen Ausflug gemacht.“

Rhetorisches Dauerfeuer

Acht Stunden lang sitzen die alten Leute in dem Landgasthof, der an diesem Tag Ruhetag hat. „Geschlossene Gesellschaft“ steht auf einem Schild im Saal, daneben der Name der niederländischen Firma Vital Vertriebs B.V. Im Internet wird vor den Betrügereien der Firma gewarnt. Acht Stunden müssen die Senioren ein rhetorisches Dauerfeuer aus Versprechen, Lügen und Beschimpfungen ertragen. „Zum Diskutieren sind wir nicht hier!“, sagt Andreas, um die 30, als ihn nach der Begrüßung ein Gast fragt, wann sie denn nun die versprochenen Gewinne bekommen würden. „Warten Sie ab, was im Laufe des Tages alles passiert. Wenn Sie mich meine Arbeit vernünftig machen lassen, kommen Sie nicht zu kurz“, sagt der junge Mann, lächelt in die Runde und geht aus dem Saal.

Ein Kollege übernimmt. Er stellt sich als Michael vor, nennen wir ihn Michael Krüger. Sieben Stunden redet dieser Mann, Mitte 40, hellblaues Hemd, Jeans, Kinnbart und Lesebrille in die Haare gesteckt, nun auf die alten Leute ein. Er hat eine kräftige tiefe Stimme, er kann laut werden, böse gucken, er kann auch nett lächeln und scherzen. Manchen Frauen streicht er über den Arm, klopft Männern auf die Schulter, schüttelt oft die Hände. Das mögen ältere Menschen.

Krüger ist Schauspieler und Psychologe, ein Alleinunterhalter. Er hat ein Konzept, nichts passiert zufällig. Krüger nimmt sich Zeit, erklärt ausführlich banale Dinge, er redet über alles Mögliche, er fordert Dankbarkeit, und er bekommt sie, sei es für die kostenlose Busfahrt („Wo können Sie in Berlin umsonst in einem Reisebus fahren?“) und für das kostenlose Frühstück im Landgasthof. Zwei Brötchenhälften mit Käse und Salami liegen auf dem Teller, eine Tasse Kaffee steht daneben. „Hat es Ihnen geschmeckt?“, fragt Krüger. „Das freut mich sehr!“

Krüger stellt den alten Leuten Fragen, viele Fragen, es sind immer wieder die gleichen: „Wollt Ihr das wissen?“, „Soll ich Euch das sagen?“, „Hab’ ich Recht?“, „War das interessant?“, „Soll ich weitermachen?“ Alle im Saal antworten mit „Ja“. Immer wieder. Einige können auch später nicht Nein sagen. Krüger fordert Aufmerksamkeit: „Hört mir zu!“, „Seid leise!“, „Wer quatscht, kann gehen! Niemand wird gezwungen, hier zu sitzen.“, „Wir sind hier nicht in einer Unterhaltungsshow!“ Krüger beschimpft die Leute: „Was seid Ihr nur für Schlaftabletten!“ Er droht: „Wenn ihr nicht mitmacht, zieht sich die Veranstaltung hier bis zum Abend!“

Er verspricht Geschenke, kündigt eine Verlosung an, 5000 Euro in bar, er habe Elektrofahrräder dabei, aber nur für jene, „die hier mitmachen, sich einbringen, konzentriert zuhören.“ Krüger kennt die Zweifel seiner Gäste. Manche haben schlechte Erfahrung mit Kaffeefahrten gemacht, überteuerte Kochtöpfe und Messersets gekauft. Sie hatten gehofft, Magnetfelddecken, Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate könnten ihre Schmerzen lindern. „Nichts hat geholfen“, sagt Inge Schulze*. Die 74-Jährige aus Tempelhof ist mit ihrem Mann Manfred Schulze* (79) dabei. „Man kommt ja nicht viel raus“, sagt sie.

Das Geld der alten Leute

Krüger sagt, er kenne diese Betrügerfirmen, die wollten nur das Geld der alten Leute. „Zum Betrügen gehören immer zwei“, sagt Krüger und schaut jetzt ernst in die Gesichter der Senioren vor ihm. „Einer der betrügt, und einer, der sich betrügen lässt.“ Die Alten nicken. Krüger sagt, er sei anders. Er verkaufe nichts, er mache nur Werbung, stelle Produkte vor. „Da kann man doch nichts dagegen haben, oder?“

Nach vier Stunden reicht Krüger das erste Messerset in die Runde. Es soll aus der Schweiz stammen und 50 Euro kosten. Vier Gäste kaufen es. „Ein Weihnachtsgeschenk für die Tochter“, sagt eine Frau. Krüger holt große Tuben Alpen-Kräuter-Emulsion aus einem Karton. „Da haben Sie nachts in den Beinen keine Krämpfe mehr. Sie können schmerzfrei schlafen!“ Zehn Euro kostete eine Tube, einige kaufen sie. Die erste Hürde hat Krüger genommen. Seine Gäste glauben ihm. Sie kaufen, was er ihnen anbietet.

Krüger führt ein Smartphone vor, er fotografiert, dreht kleine Filme, zeigt auf Zuruf Ausschnitte aus Konzerten von den Amigos, Helene Fischer und Tom Jones. Er erklärt, wie so ein Gerät funktioniert. Er sagt zu den Leuten: „Wenn Sie im Elektronikmarkt stehen, Sie finden heute doch niemanden mehr, der Ihnen so ein Gerät erklärt.“ Die Alten nicken. Krüger nimmt sich Zeit, jene Zeit, die die erwachsenen Kinder heute doch gar nicht mehr haben für ihre Eltern. „Oder sag’ ich da was Falsches?“, fragt Krüger.

Nun sind die Ärzte dran. Sie hätten auch keine Zeit mehr, verschrieben Tabletten, die teuer seien, aber nicht helfen würden, nur die Pharmaindustrie verdiene daran. Krüger schaltet einen Projektor an, es erscheinen Bilder verkalkter Blutgefäße, er redet über Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz und Parkinson. Jetzt ist er Mediziner, der sich auskennt mit Krankheiten, mit Magnetfeldtherapien, er nennt die Preise teurer Wellnesskuren am Timmendorfer Strand, zwei Wochen 3000 Euro, das könne sich doch kaum jemand leisten.

Aus seinem Koffer holt Krüger nun die neueste Erfindung aus der Schweiz. Es ist eine kochtopfdeckelgroße, schwarze, dünne Platte mit Schweizer Flagge. Krüger sagt, diese bringe den Magnetfluss im Körper wieder ins Gleichgewicht, löse Blockaden, lindere Schmerzen und verleihe ungeahnte Kräfte. „Nach 30 Sekunden können Sie Bäume ausreißen. Sie fühlen sich wie neugeboren. Ihre Schmerzen sind verschwunden!“ Krüger, der Wunderheiler. Sogar Boxweltmeister Wladimir Klitschko nutze die Magnetplatten. Zum Beweis zeigt Krüger die Titelseite einer Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf einem Foto hält Klitschko eine Magnetplatte zwischen den Händen. Die Geschichte ist der Aufmacher, die Titelseite eine schlechte Fälschung.

Krüger bittet einige Gäste, sie sollten Schmerzen haben, zum kostenlosen Test. Fast acht Stunden sind mittlerweile vergangen, es gab eine kurze Mittagpause. Zwei Minuten lang halten die ausgewählten Männer und Frauen die Magnetplatten vor ihren Körper und pressen ihre Hände dagegen. Manche sagen danach, ihre Schmerzen seien verschwunden. Auch Inge und Manfred Schulze testen die Platten. Sie sagen, sie fühlten sich besser. Sie sehen erschöpft aus. Krüger schickt das Ehepaar in den Billardraum, dort warte sein Kollege und überreiche den Preis. Auch für die anderen beginne gleich die Übergabe der versprochenen Gewinne. Krüger verlässt den Saal.

Warten auf die Gewinne

Später erzählt Inge Schulze, im Billardraum hätten sie und ihr Mann einen Vertrag unterschrieben und zwei Magnetplatten für je 1000 Euro gekauft. Sie geben ihre Kontoverbindung an. Weitere Senioren werden nacheinander in den Billardraum gebeten. Niemand wird später erfahren, was sie gekauft und unterschrieben haben.

Die Senioren warten auf ihre Gewinne, manche können nicht mehr sitzen, sie gehen auf und ab, beugen sich hin und her. Doch Krüger und sein Begleiter sind längst verschwunden. Als die Senioren das bemerken, reagieren sie empört. „Betrüger!“ und „Schweinerei“ rufen sie. „Uns einfach sitzen zu lassen, ohne Verabschiedung, das gehört sich nicht“, schimpft Inge Schulze. Auch die Inhaber des Landgasthofes sind irritiert. Sie wissen nicht, wer die Männer waren, sie hätten kurzfristig telefonisch den Saal gemietet und die Miete bar bezahlt.

Wenigstens der Reisebus kommt. Die Senioren sind müde, sie wollen nur noch nach Hause. Inge und Manfred Schulze bereuen ihren Kauf. Sie sagen, sie hätten nicht Nein sagen können. „Wir fühlten uns am Ende regelrecht weichgeklopft“, sagt Inge Schulze. „Offenbar neigen wir dazu, uns über’s Ohr hauen zu lassen.“ Schon einmal haben sie auf einer Kaffeefahrt eine teure Magnetfelddecke gekauft.

Das Ehepaar ist ratlos. Beide wissen nicht mehr, was sie da unterschrieben haben. War es eine Überweisung? Eine Vollmacht? Eine Einzugsermächtigung? „Wir haben nichts in der Hand.“

* Namen von der Redaktion geändert