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Kapitalismusmuseum in Neukölln: Museum erklärt Geld und Gentrifizierung

Gerit-Jan Stecker (l.) ist Philosoph. Sein Mitstreiter Malte Elling studiert noch – Mathe und Geschichte auf Lehramt.

Gerit-Jan Stecker (l.) ist Philosoph. Sein Mitstreiter Malte Elling studiert noch – Mathe und Geschichte auf Lehramt.

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AKUD/Lars Reimann

Berlin -

Eigentlich ist es ganz einfach: Mit der kleinen gusseisernen Pumpe bringt man das Wasser ins Aquarium. Immer und immer wieder strömt es durch einen dicken Schlauch hinein, hinaus und wieder hinein. Dass der Schlauch an einer Stelle ein kleines Loch hat, aus dem ein dünner Wasserstrahl austritt, ist Absicht: Denn das Wasser ist nicht nur Wasser. Es soll den Kreislauf des Geldes, des Kapitals, symbolisieren.

„Das Rinnsal, das austritt, ist der Lohn, der bei den Arbeitern ankommt. Der größte Teil des Stroms ist Kapital, das ständig mehr wird“, erklärt Gerit-Jan Stecker. Der 30-Jährige gehört zu einer Gruppe von etwa zehn jungen Leuten, die sich Kollektiv nennen und die in Neukölln ein ganz besonderes Projekt realisiert haben – das Museum des Kapitalismus. Seit Ende Juni gibt es dieses Museum, das in einem ehemaligen Trödelladen an der Böhmischen Straße 11 eingerichtet wurde.

Geschichte als Puzzle

Der Begriff Museum irritiert, denn schließlich wird er sonst meist für Dinge gebraucht, die aus dem Alltag verschwunden sind und an die man erinnern möchte. Wie aber bringt man den allgegenwärtigen Kapitalismus ins Museum? Mit Umsturz- oder Revolutionsgedanken hat das wenig zu tun, wie der Lehramtsstudent Malte Elling sagt: „Wir haben im Kollektiv lange darüber diskutiert, wieso alles so ist wie es ist.“ Also wie die gesellschaftlichen Mechanismen, die das Leben vieler Menschen bestimmen, funktionieren. Herausgekommen ist eine Ausstellung, die vor allem didaktisch erklärt. Die Geschichte des Kapitalismus in Form eines Puzzles, bei dem es um Begriffe geht wie Kolonialismus, New Deal oder industrielle Revolution.

Bei vielen Dingen setzt man auf Interaktion. So steht neben der Kapitalkreislauf-Pumpe ein sechseckiger Tisch, an dem die Notwendigkeit des Geldes erläutert wird. Sechs Waren liegen da – ein Kanister, ein Buch, ein Schuh, ein Handy, ein BVG-Ticket und ein Fahrradmodell. Hält man eines der Dinge in die Höhe, erscheint auf einem Computerbildschirm der Geldwert aller Sachen im Verhältnis zueinander. Strecker: „Ein Fahrrad hat den Geldwert von einem halben Handy und ein Buch den von etwa vier Kanistern Benzin.“ Dass Geld notwendig ist, ist für das Museums-Kollektiv unstrittig. Besucher sollten aber auch darüber diskutieren, ob die Welt besser wäre, würde es kein Geld geben, sagen die Macher.

Dass etwa zeitgleich zu Berlin auch in der belgischen Stadt Namur ein Museum des Kapitalismus eröffnet hat, ist für die Neuköllner kein Zufall. „Es scheint eine Art Zeitgeist zu sein, sich zu hinterfragen, in was für einer Gesellschaft wir leben und wie man mit Ungerechtigkeiten umgehen soll“, sagt Stecker. Eine dieser Ungerechtigkeiten nimmt eine unübersehbare Rolle im Museumsladen ein: Das Thema Verdrängung durch Mieterhöhungen und Gentrifizierung. „Wem gehört die Stadt?“ steht in großen schwarzen Buchstaben auf einer Wand.

„Neukölln bleibt dreckig“

Die Besucher haben Antworten auf Zettel geschrieben: „Dem Kapital“, „dem Staat“, „den Bürokraten“ steht darauf. Aber auch: „Dem, der sie liebt“ oder „Denen, die darin wohnen“. Im Nachbarraum läuft ein Video, in dem Betroffene von Zwangsräumungen berichten. Das Problem steigender Mieten sei auch rund um den Böhmischen Platz akut, sagen die Museumsmacher. Auch dort gibt es inzwischen schicke Cafés, in denen etwa Limonade mit Basilikum angeboten wird. An manchen Hauswände sieht man den trotzigen Spruch „Neukölln bleibt dreckig“.

„Wir arbeiten ja nicht im Elfenbeinturm, wir haben alle selbst Erfahrungen mit der kapitalistischen Gier“, sagt Stecker, der als Philosoph nur sporadisch Jobs findet und das Leben als Hartz-IV-Bezieher gut kennt. „Wir wollen anregen, darüber nachzudenken, ob der Kapitalismus wirklich so alternativlos ist, wie ihn Politiker oft darstellen.“

Das Museum ist noch bis zum 10. August (Fr/Sa/So 15–21 Uhr) an der Böhmischen Straße 11. Die Macher sind auf der Suche nach Unterstützern und einem neuen Ort.

Weitere Infos finden Sie unter www.museumdeskapitalismus.de


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